Der Frühling gehört der Tulpe. Ob in Gärten, Kübeln und Vasen – das bunte Zwiebelgewächs ist allgegenwärtig. Ihr zu Ehren gibt es Feste, nicht nur in Holland, dem vermeintlichen Herkunftsgebiet des bunten Zwiebelgewächses. Dabei liegt die Heimat dieser exquisiten Blume in der Türkei und Zentralasien. Dass sie nun schon seit Jahrhunderten auch in Westeuropa wächst, liegt nicht zuletzt an einem gewissen Charles de l’Écluse oder Carolus Clusius. Vor allem ihm verdanken wir die farbenfrohe Pracht in unseren Gärten.
In diesem Jahr wird sein 500. Geburtstag begangen. Ein guter Anlass, um diesen erstaunlichen, verdienstvollen Mann kennenzulernen. Clusius war Universalgelehrter, europaweit exzellent vernetzt, weit gereist, eine berühmte, bewunderte, anerkannte Größe in der Botanik.
Im Jahr 1526 in Flandern als Sohn einer verarmtem katholischen Adelsfamilie geboren, studiert Charles de l’Écluse auf Wunsch des Vaters zunächst Jura und Philosophie. Erst in Gent und Löwen, später in Marburg und Wittenberg, dazu 1560 in Paris noch Medizin. Der einflussreiche Naturforscher Guillaume Rondelet begeistert ihn für die Botanik, die damals noch keine eigene Disziplin ist. Pflanzen werden als Heilpflanzen angesehen und gehören zur Wissenschaft der Medizin.
Ein leidenschaftlicher Botaniker
Doch ihre Besonderheit, Vielfalt und auch Schönheit faszinieren den jungen Adeligen, Pflanzen werden seine lebenslange Leidenschaft. 1564 begleitet er den Augsburger Bankierssohn Jakob Fugger III. auf Expeditionen nach Spanien und Portugal. Auch allein unternimmt er ausgedehnte Studienreisen, immer rastlos auf der Suche nach unbekannten Pflanzen. Er latinisiert seinen Namen, nennt sich fortan Carolus Clusius, und entspricht damit jener humanistischen Tradition, die den Idealen der Antike verpflichtet ist. Über seine vielen botanischen Entdeckungen, die er klassifiziert und beschreibt, verfasst er zahlreiche Artikel. Mit den berühmtesten zeitgenössischen Gelehrten steht er im Austausch, circa 4000 entsprechende Briefe sollen existieren. Sein größter Verdienst ist es aber, die Pflanzenkunde, Botanik, als eigenständige Wissenschaft zu etablieren.

Clusius’ ausgezeichneter Ruf reicht bis nach Wien. Dort gelangt er 1573 an den Hof des protestantischen Kaisers Maximilian II., wo ein humanistisches, liberales Klima herrscht. Der zum Protestantismus konvertierte Gelehrte erhält ein hohes Gehalt von 500 Gulden und vier Pferde. Beides bezeugt, hier arbeitet kein einfacher Gärtner, sondern ein Mann mit hohem Bildungsgrad im Rang eines „zum Hofe Gehörigen“ (aulae familiaris). Seine Aufgabe: Er soll einen medizinischen Kräutergarten an der Hofburg anlegen. Dafür kraxelt er auf Berge wie Ötscher und Schneeberg, bringt von den Exkursionen Alpenflora mit – und in Wien entsteht das erste Alpinum. Die Stadt ist zu jener Zeit Drehkreuz für Gelehrte, Händler, Diplomaten auf ihrem Weg ins Osmanische Reich und nach Asien. Im Gepäck haben sie oft Pflanzenraritäten. So auch der Flame Ghislain de Busbecq, als Diplomat des Österreichischen Kaisers an den Hof des Sultans Süleyman in Konstantinopel entsandt. Busbecq bringt, vermutlich um 1562, von dort erste Tulpenzwiebeln nach Wien, auch zu seinem Freund Clusius. Es handelt sich um die sogenannte Gartentulpe (Tulipa gesneriana).
Der grandiose Netzwerker sorgt für europaweite Verbreitung
Der 39 Jahre alte Clusius ist begeistert über diese Novität, setzt sie in seinen Medizinalgarten, wo 1575 die ersten Tulpen erblühen, in Rot, Gelb und Weiß. Auch Flieder, Rosskastanie, Hyazinthe und Kaiserkrone gelangen über Busbecq nach Wien zu Clusius. Der grandiose Netzwerker wiederum sorgt für europaweite Verbreitung.
Doch mit dem plötzlichen Tod des Kaisers erlischt seine Hoffnung, einen botanischen Garten anlegen zu können. Der Nachfolger hat kein Interesse an der Pflanzenwelt. Clusius quittiert den Dienst und zieht 1576 nach Frankfurt. Die kleine Rente, die ihm ein hessischer Landgraf gewährt, wird nach dessen Tod gestrichen, der hochgeschätzte Gelehrte fristet ein karges Leben. Doch dann erhält er 1592 den Ruf an die Medizinische Fakultät der Universität Leiden in seinem Heimatland. Die 1575 gegründete Universität ist die einzige der Niederlande, Leiden eine traditionsreiche, blühende Stadt. Für den Naturforscher beginnt ein neues Kapitel, das seinen Ruhm endgültig festigt. Hauptaufgabe ist die Anlage eines botanischen Gartens, wie es sie ihn in Padua oder Bologna gibt. Schon ein Jahr später ist das Werk geometrisch regelmäßig ganz im Geist der Renaissance angelegt. Es wird das erste in Westeuropa.
Die Tulpenmanie erlebt Clusius nicht mehr
In diesem „Hortus botanicus“ wachsen Arzneipflanzen, Kräuter und exotische Blumen. Clusius erforscht Aufzucht und wichtigste Arten der Tulpe, schickt Knollen an befreundete Gelehrte und trägt damit zur Verbreitung in Europa bei. Zur Zucht steckt er die unscheinbaren braunen Zwiebeln, aber kostbare Raritäten, nur im Privatgarten in die fette Erde. Dort stehen sie, der Mode entsprechend, als Solitäre in großen Abständen.
Blitzschnell spricht sich herum, im Garten des Herrn Clusius gedeiht ganz Besonderes, wird aber partout nicht verkauft. Trotz Zaun und Bewachung werden etliche Exemplare gestohlen. Wunderbar. Denn dieser Diebstahl dürfte Grundlage und Start der gigantischen Entwicklung der Tulpenzucht in den Niederlanden gewesen sein. Den rasanten Aufstieg der Tulpe zum Spekulationsobjekt, die Tulpenmanie, die im 17. Jahrhundert den ersten Börsencrash der Neuzeit auslöste, erlebt Clusius nicht er mehr. 1609 stirbt er im Alter von 83 Jahren.

Der Gelehrte aus Flandern hat die Tulpe in Westeuro- pa bekannt gemacht. Ein halbes Jahrtausend später tut eine Gartengestalterin aus Nordholland alles dafür, dass diese längst zum Wahrzeichen ihrer Heimat gewordene Blume nicht aus der Mode kommt. Die „Bollen-Queen“ – Bollen heißen Zwiebelknollen im Niederländischen – ist weltweit gefragt für ihre innovative Art, mit Tulpen verspielte, lebendige, impressionistische Beete zu gestalten. Ihr origineller wie simpler Trick: Tulpenzwiebeln in kühnem Schwung auf das Beet werfen. So wirkt die Pflanzung spontan, natürlich, ungezwungen, nicht stocksteif in Reih und Glied. „Als ich das bei einem Kurs in Südkorea machte, waren alle erstarrt vor Schrecken“, erinnert sie sich amüsiert. Ihre wild-fröhlichen Arrangements von Tulpen, gepaart mit Zwiebel-Frühlingsblühern, waren schon im Keukenhof zu bewundern sowie im Gräflichen Park Bad Driburg, auf Schloss Ippenburg gesellte sie Tulpen zu Rosen. Aktuell frischt sie den Rosengarten von Schloss Twickel in der niederländischen Provinz Overijssel auf, ist beteiligt an einem Projekt über die Evolution der Pflanzen, dem „Naturalis Biodiversity Centre“, in Leiden. Das passt perfekt zum Jubiläumsjahr des Botanikers Clusius.
Heute hat sich Jaqueline van der Kloet den „Bollen“ verschrieben
Fragt man Jaqueline van der Kloet, welchen Stellenwert Carolus Clusius für sie hat, antwortet sie mit einer überschwänglichen Lobeshymne: „Ohne ihn hätte wir niemals diese riesige Vielfalt an Tulpen. Ich bin ihm ewig dankbar.“ Der Gartengestalterin ist auch ihren Landsleuten mit krimineller Neigung dankbar: „Es war natürlich verboten, aber etliche Holländer stahlen heimlich die damals extrem kostbaren Tulpen aus Clusius’ Garten und begannen ihre eigenen Züchtungsbetriebe. Sie wurden von Gärtnern entlang der Küste unterstützt, wo der Boden ideal war, voller Nährstoffe und gleichzeitig gut drainiert.“ Dies sei in Holland der Beginn der Tulpen-Industrie als „Big Business“ geworden. „Ja, Clusius ist mein Held. Was er wohl gemacht hätte mit all den Varietäten, die weiter erscheinen?“ Inzwischen gibt es etwa 150 Arten, die Zahl der Neuzüchtungen ist kaum überschaubar. Die Niederlande exportieren jährlich geschätzt mehr als zwei Milliarden Tulpen in alle Welt.
Die Favoriten der Gartengestalterin sind Wildtulpen oder Botanische Tulpen. „Sie sind schmaler, kleiner, eleganter. Besonders mag ich die Clusiana-Tulpen“. 1802 wurde mit der Einführung dieser Wildtulpen Clusius ein pflanzliches Denkmal gesetzt. „Allen voran die ’Damen-Tulpe‘ (clusiana var. Chrysantha), ebenso anmutig sind ihre Schwestern, Tulipa clusiana var. stellata mit weißen Blüten und rosaroten Rändern, in Gelb-Orangerot leuchtet Tulipa clusiana ’Sheila‘. Die Tulipa clusiana ’Tinka‘ öffnet sich sternförmig, entzückt mit roten Blättern außen und gelben innen. Ähnlich schön ist Tulipa clusiana ’Cynthia‘, die duftet sogar. Oder die Tulipa clusiana ’Tubergen’s Gem‘, eine Auslese mit gelben, an den Außenseiten rötlich schattierten Blüten“, gerät van der Kloet ins Schwärmen. Wildtulpen seien zudem recht pflegeleicht. Ihre ursprüngliche Heimat ist Zentralasien, vor allem Persien. Ihr Tipp: „Pflanzt man sie an warme, trockene Stellen, blühen sie sehr zuverlässig und kommen jedes Jahr wieder. Sie gedeihen sehr gut in Kiesgärten, vermehren sich dort und wirken alleine schon herrlich. Man kann sie kombinieren mit später blühenden, trockenheitsliebenden Pflanzen wie dem Spanischen Gänseblümchen (Erigeron mucronatus) und der Prachtkerze (Gaura lindheimeri).“
Botanischer Garten Leiden, NL: 1990 generalrestauriert, zeigt im Eingangsbereich eine Kopie des Kräutergartens von Clusius.
Hortus Bulborum, Limmen, NL: Garten mit einzigartiger Sammlung historischer Tulpen und anderer Blumenzwiebeln, geöffnet bis Mitte Mai
Jacqueline van der Kloet, NL: Ihr Privatgarten Theetuin in Weesp, im Süden von Amsterdam, ist öffentlich zugänglich, www.theetuin.nl
Schlossgarten Schönbrunn, Wien: zum Clusius-Jubiläum Bepflanzung von Blumenbeeten nach Vorbild aus dem 16./17. Jahrhundert im Kronprinzengarten
