Ein kleiner Rave auf dem Mariannenplatz in Berlin-Kreuzberg. Einige Dutzend Kunstbegeisterte trotzen der Frühlingskälte und haben sich vor dem Star dieses Abends versammelt, der auf der offenen Ladefläche des Lkws rechts vom DJ-Pult steht – eine zweieinhalb Meter große Hirschskulptur aus Beton in der Form des geometrischen Origamistils. Scheinwerfer tauchen den Hirsch im Takt des Beats in bunte Farben. Als Kulisse dient die helle Ziegelfassade des Kunstquartiers Bethanien, eines ehemaligen Krankenhauses, mit seinen beiden schmalen, hohen Türmen.
Unter den Feiernden ist auch die Schöpferin des Hirsches, die Künstlerin Zhanna Kadyrova, die den diesjährigen ukrainischen Pavillon auf der Kunstbiennale in Venedig bespielt. Die 1981 geborene, in Kiew ausgebildete Bildhauerin mit der fransigen dunklen Ponyfrisur gilt als bekannteste ukrainische Gegenwartskünstlerin. Mit dem Taras-Schewtschenko-Preis erhielt sie die höchste Kulturauszeichnung der Ukraine.
Eine NGO, die Kunst rettet
Am Vortag des Raves, am 13. März, kommt ihr Origami-Hirsch in Berlin an, als Erstes ist der auf dem Oranienplatz ausgestellt. Ursprünglich mit Unterstützung ihres Partners Denys Ruban für den zentralen Park der inzwischen von russischen Truppen eingenommenen Stadt Pokrowsk im Donbass gefertigt, evakuierte die Künstlerin den Hirsch im Sommer 2024 auf Initiative des Aktivisten Leonid Marushchak gerade noch rechtzeitig. Der studierte Historiker hat mit seiner NGO schon unzählige Kunstschätze vor der Zerstörung bewahrt. Jetzt wird die Skulptur zum Zentrum des ukrainischen Pavillons in Venedig.
„Dreimal sind wir nach Pokrowsk gefahren, bis es geklappt hat“, erzählt mir Kadyrova mit markant rauer Stimme nach ihrer Ankunft auf dem Oranienplatz. Mal habe es keinen Kran gegeben, mal keinen Strom, um die Skulptur zu demontieren. „Als wir sie Ende August schließlich abholten, da waren es fünf Kilometer bis zur Front. Wir haben ständig Explosionen gehört, boom, boom, boom!“ Kadyrova gestikuliert energisch, ohne etwas vom Crémant in ihrem Glas zu verschütten – wir stoßen mit ihren Freunden und Unterstützern auf den geretteten Hirsch an. Einige aus ihrem Team, sie tragen orange Warnwesten, stehen dabei, die Künstlerin Natalka Diachenko, sie hat die Evakuierung aus Pokrowsk gefilmt und dokumentiert nun in Berlin die Ereignisse mit der Kamera.

Auch Marushchak, der Retter des Hirsches, ist da. Gemeinsam mit Ksenia Malykh, der Programmdirektorin des Promprylad Art Centers im westukrainischen Iwano-Frankiwsk, kuratiert er den diesjährigen ukrainischen Pavillon. Das Motto: „Security Guarantees“, Sicherheitsgarantien.
Vom Donbass über Berlin nach Venedig
Im Pokrowsker Park war der Origami-Hirsch auf einem Sockel montiert, auf dem zu Sowjetzeiten noch ein atomwaffenfähiges Su-7-Kampfflugzeug als Zierobjekt stand. In Venedig wird Kadyrovas Skulptur nun an einem Kran hängend in den Giardini zu sehen sein – im Schwebezustand, so wie die Sicherheitsgarantien, die der Ukraine nach dem Zerfall der UdSSR zugesagt worden waren. 1996 gab das Land im Zuge des zwei Jahre zuvor unterzeichneten Budapester Memorandums ihr gesamtes Atomwaffenarsenal an Russland ab. Von den USA, Großbritannien und Russland erhielt es dafür eine Zusicherung der Souveränität. Doch die Geschichte ist bekannt, Russland annektierte 2014 die Krim und begann den Krieg im Osten der Ukraine, den es acht Jahre später ausweitete. Die verbrieften Sicherheitsgarantien waren und sind bis heute wertlos.
Eine lange Reise hat das gleichsam kriegsgeflüchtete Origami-Tier aus dem Donbass hinter sich. Nach seiner Rettung kam es erst nach Winnyzja im Westen des Landes und wurde anschließend in Kiew restauriert. Kadyrova berichtet lächelnd, in Pokrowsk habe man ihre Skulptur ohne ihr Wissen weiß angestrichen, sodass sie die Farbe aufwendig abschleifen musste. Danach tourte der Beton-Hirsch zunächst weiter durch die Ukraine, bevor er sich auf den Weg durch Europa machte – mit Stationen in Warschau, Wien, Prag, Berlin, später Brüssel, Paris und schließlich Venedig.
Die bürokratischen Hürden für Evakuierung und Ausfuhr waren enorm. Schon die Grenzkontrolle: „Die Ukrainer haben ihn nach acht, neun Stunden endlich durchgelassen, aber die Polen haben ihn dann zum Röntgen beordert“, erinnert sich Kadyrova. Sie habe befürchtet, dass die Grenzbeamten versuchen würden, die aus einem Guss gefertigte Skulptur zu öffnen. Denn in ihrem Inneren befindet sich Styropor, um das Gewicht zu reduzieren – damit die schmächtigen Beinchen des Hirsches den Körper tragen können. Doch alles ging gut.
Origami als demokratisches Konzept
Auf die Symbolik des Tieres angesprochen, entgegnet Kadyrova, sie habe sich keine tiefergehenden Gedanken gemacht. Vielmehr stehe für sie das demokratische Konzept des Origami im Vordergrund. „Jeder kann es – vorausgesetzt, man verfügt über Zeit, Papier, eine Anleitung und die nötige Konzentration.“ Ihr gehe es auch um den Kontrast der Materialien: schwereloses Papier, das man zum Falten der Figuren nutzt, und der harte, schwere Beton, der hier ganz leicht wirkt. Der Hirsch ist ihre zweite Origami-Skulptur aus Beton, die erste war ein inmitten einer gefluteten Tongrube platzierter Kranich in einem Wohngebiet in Iwano-Frankiwsk.

„Nice, I like it, can I take a photo of you with the sculpture?“, unterbricht ein Passant unser Gespräch. Manche kommen wie er zufällig vorbei und staunen über den ungewöhnlichen Gast, andere sind Freunde der Künstlerin. Als jemand sie nach ihrer Meinung zur Wiedereröffnung des russischen Pavillons fragt, kontert sie lächelnd: Warum wollt ihr mit mir über das russische Projekt sprechen?
Ein Codewort, das Freund und Feind unterscheidet
Bekannt wurde Kadyrova als Mitglied der inzwischen aufgelösten Künstlergruppe R.E.P., die während der Orange Revolution gegründet worden war. Damals kam es zu Massenprotesten gegen die Wahlfälschungen des prorussischen Präsidentschaftskandidaten Viktor Janukowitsch. Mit Performances intervenierten die Nachwuchskünstler im öffentlichen Raum der sich im Umbruch befindlichen postsowjetischen Gesellschaft, die seitdem immer weiter weg von Moskau und immer näher an Brüssel rückte. Andere Mitglieder von R.E.P. wie Nikita Kadan oder Lesia Khomenko sind heute ebenfalls erfolgreiche Künstlerinnen. Ende 2024 eröffnete im Nationalen Kunstmuseum in Kiew eine große Retrospektive zur R.E.P.-Gruppe.
Die wohl berühmteste Arbeit Kadyrovas heißt „Palianytsia“, so wie das ukrainische Bauernbrot. „Pa-lia-ny-tsia“ – die vier Silben sauber auszusprechen, insbesondere das weich zu artikulierende „ts“ am Ende, fällt Nichtmuttersprachlern außerordentlich schwer. Im Russischen existiert der Laut nicht. So wurde „Palianytsia“ dem Mythos nach – die Großinvasion hat, vor allem zu ihrem Beginn, zahlreiche Mythen hervorgebracht – zu einem Schibboleth, einem Codewort, mit dem man Freund von Feind voneinander unterscheiden kann.
Kadyrovas Arbeit entstand im ersten Kriegsmonat März, als sie mit ihrem Partner im Dorf Berezewo in den Karpaten im äußersten Westen der Ukraine Zuflucht fand. Zusammen schufen sie dort aus den rundlichen Flusssteinen, die sie vorfanden, angeschnittene Brotlaibe. Schon im April zeigte Kadyrova ihre Brotskulpturen in der Galleria Continua in Venedig und bald darauf in Ausstellungen und Sammlungen auf der ganzen Welt. Mehr als eine halbe Million Euro hat sie seitdem durch den Verkauf dieser steinernen Kunstwerke sammeln können. Das gesamte Geld spendet sie an Kollegen, die in der ukrainischen Armee dienen, um etwa Fahrzeuge für die Front zu kaufen.
Die Einnahmen aus ihrem Projekt „Russian Rocket“ spendet sie ebenfalls. Es handelt sich um einen kleinen Sticker in Form einer russischen Hyperschallrakete, den man an der Fensterscheibe eines Zuges, Busses oder Flugzeugs anbringen kann – wodurch die Illusion einer durch die Luft fliegenden Waffe entsteht, auch dort, wo Frieden herrscht. Auf dem Instagram-Kanal @russian.rocket.2022 veröffentlicht die Künstlerin die ihr zugeschickten Aufnahmen aus aller Welt: aus der Ukraine, Polen, Italien, Japan, den USA, Indien. Mit dieser Arbeit will sie das Gefühl des Lebens unter Beschuss exportieren, daran erinnern, dass Menschen tatsächlich unter solchen Raketenangriffen leben müssen.
Ein direkter, raffinierter Umgang mit Symbolen
Zeitgleich zum Origami-Hirsch war in Berlin im Bethanien im Rahmen der CTM-Ausstellung „Echoes of Tumult“ Kadyrovas Installation „The Forest“ zu sehen, die sich mit der Sprengung des Kachowka-Staudamms im Juni 2023 durch die russische Armee befasst. Damals fluteten die Wassermassen zahlreiche Ortschaften, es war ein humanitäres wie ökologisches Desaster. Im Reservoir, wo der Damm früher Wasser staute, beginnt nun ein Wald zu wachsen. Kadyrova hat dort ein Holzboot angebracht, das über der neuen Bepflanzung schwebt, die es allmählich überwuchert. Videos, die diesen Prozess zeigen, stehen im Mittelpunkt der Installation.
Ein direkter und zugleich überaus raffinierter Umgang mit Symbolen zeichnet Kadyrovas Werk aus – für manche zu direkt. Als ich Anfang April im Kunstzentrum Jam Factory Art Center in Lemberg die von Nikita Kadan kuratierte Schau „Looking into the Gaps IV“ besuche, fällt mir direkt eine Arbeit von Kadyrova ins Auge. In der Mitte des Ausstellungsraums sind auf dem Boden in chaotischer Anordnung verschieden große abgesägte Baumstammstücke platziert. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass die vermeintliche Baumrinde in Wahrheit aus Camouflage-Stoff besteht, im für die ukrainische Armee typischen Pixelmuster.
„Ressources“, Ressourcen, heißt diese gesellschaftskritische Installation. Erst habe sie Skrupel gehabt, die Arbeit zu zeigen, sagt die Programmdirektorin der Jam Factory Ilona Demchenko. Denn sie habe befürchtet, diese könnte insbesondere von Militärangehörigen und ihren Familien als beleidigend aufgefasst werden. Doch die Reaktionen fielen ganz anders aus als erwartet. Ihr Partner etwa, der auch in der Armee dient, habe sich kaputtgelacht, schildert Demchenko. „Er fand Zhannas Projekt urkomisch und sehr treffend. Und seine Freunde vom Militär fanden sie ebenfalls sehr, sehr witzig. Ich hingegen finde sie überhaupt nicht witzig.“ Soldaten fänden auf unerwartete Weise Zugang zu dieser Arbeit.
Kadyrova schrieb einmal, zu Beginn des Krieges habe sie gedacht, Kunst sei völlig machtlos und vergänglich im Vergleich zur gnadenlosen Militärmaschine, die friedliche Städte und Menschenleben zerstört. Dass das Gegenteil der Fall ist, beweist sie seither mit ihrem unermüdlichen Schaffen.
