Die Leistung des jungen Italieners über die 57 spannendsten Runden der bisherigen Grand-Prix-Saison, ganz ohne das prophezeite Unwetter, war schon berauschend genug. Schließlich saß ihm bis zum Schluss Lando Norris im technisch wieder erstarkten McLaren im Nacken. Vielleicht hat der Titelverteidiger bei diesem Duell schon seinen Nachfolger gejagt.
Antonelli ist nach dem ersten Mercedes-Sieg überhaupt in Miami mit 100 WM-Punkten weiterhin der jüngste Spitzenreiter der Historie und hat 20 Zähler Vorsprung auf seinen Teamkollegen George Russell. Fünf verschiedene Führende hatte dieser vierte WM-Lauf, und die Regeln spielten dabei keine große Rolle. Eine schöne Erkenntnis für das Publikum, vor allem aber für die Formel 1 selbst: purer, harter Rennsport ist immer noch die beste Show.
Dafür braucht es immer auch die richtigen Typen. Das Comeback von Max Verstappen, der mit seinem Red Bull trotz eines spektakulären Drehers Fünfter wurde, trug zur gelungenen PS-Party bei. Der Niederländer gehörte zu den ersten Gratulanten.
Für Kimi Antonelli war es eine wiederholt bestandene Reifenprüfung, weder das abermalige Problem mit der Startsoftware des Silberpfeils noch zwischenzeitliche Probleme beim Schalten konnten seiner Konzentration etwas anhaben. An die Siegerhymne hat er sich gewöhnt, immer die linke Hand am rechten Fleck des Rennanzugs, mit Lobbekundungen tut er sich schwer, versucht sie beinahe verlegen wegzulächeln. „Das ist erst der Anfang“, bilanziert er auf die Frage nach dem weiteren Potential.
Er meinte damit vorrangig die technischen Upgrades, mit denen Mercedes beim nächsten Grand Prix in Montreal die McLaren-Offensive kontern will, aber die Aussage wirkt wunderbar doppeldeutig: Da dürfte noch mehr kommen, Mercedes hat einen echten Titelkandidaten großgezogen.
Auch wenn der selbst beinahe ungläubig seine Erfolgsserie bewertet. „Oh mein Gott, was für ein Rennen“, stammelte er nach der Zieldurchfahrt. Mercedes-Teamchef Toto Wolff stellte seinem Chauffeur über Boxenfunk ein erstklassiges Zeugnis aus: „Eine beeindruckende Fahrt vom Anfang bis zum Ende, so dominant. Du weißt ja, dass ich gern klage, aber heute gab es absolut keinen Grund dazu.“ Dem Österreicher imponiert besonders, dass der Fahrer das Manko wettmachen konnte, dass der Mercedes durch die Offensive der anderen nicht mehr das überlegene Auto ist.
Langsamer sein und trotzdem Erster bleiben, das bekommt beispielsweise der abgestürzte Ferrari-Pilot Charles Leclerc, lange auch in Italien als Wunderkind gehandelt, momentan nicht hin. Wenn Antonelli vom Momentum des Silberpfeils spricht, spielt Wolff das Kompliment sofort wieder zurück: „Kimi ist richtig in Fahrt. Ich glaube, da kommt noch viel.“ Antonelli selbst würde sich öffentlich nie über den Mercedes beklagen, so ist er nicht erzogen. Er sagt, dass er volles Vertrauen in seinen Dienstwagen habe. So wie sein Rennstall umgekehrt in den Junior-Partner. Ein Pakt auf Gegenseitigkeit.

Lando Norris, der seinen stärksten Auftritt in diesem immer noch jungen Rennjahr hatte, wollte weder mit der Taktik noch dem von ihm weiterhin ungeliebten Jo-Jo-Effekt bei den Überholmanövern hadern. „Keine Entschuldigungen, Kimi hat einen guten Job abgeliefert. Er hat einfach keine Fehler gemacht, die ich hätte ausnutzen können. Hut ab!“
Den entscheidenden Schritt zum Sieg hatte Antonelli nach seinem Platzverlust am Start durch eine Zauber-Runde gemacht, während der britische Rivale beim Reifenwechsel war. Das erinnerte ein bisschen an die Fähigkeit seines Vorgängers Lewis Hamilton, auf Anweisung seines Renningenieurs die eigene Maximalkraft abzurufen, „Hammer-Time“ genannt.
Bonnington betreut inzwischen Antonelli, und ist ebenfalls schwer beeindruckt vom Mann der Stunde: „Das war schon ziemlich besonders, denn es war alles andere als ein einfaches Rennen. Die anderen haben Schritte nach vorne gemacht, das hat uns ein paar knifflige Situationen beschert.“ Nichts überstürzen, sich nur auf die Chancen konzentrieren, das ist „Bonos” Credo – und das hat abgefärbt.
Mahnen musste der Stratege lediglich am Ende, als Antonelli bereits zweimal die Rennstreckenbegrenzung überfahren hatte und eine Fünf-Sekunden-Strafe drohte. Toto Wolff erteilte auch dafür nachträglich die Absolution: „Kimi schiebt das Limit hinaus. Liebend gern fange ich so jemand dann wieder ein, wenn es notwendig werden sollte.“
