
Das verwackelte Handyvideo setzt ein, als der israelische Armeehubschrauber landet. Soldaten, die sich auf den Boden geduckt hatten, springen auf. Auf einer Trage bringen sie einen verwundeten Kameraden über den staubigen Boden zu dem Hubschrauber. Die Rettungsaktion scheint schon vorüber, der Hubschrauber macht sich zum Abflug bereit, da taucht ein schwarzer Punkt am Himmel auf. Mindestens ein Soldat feuert, aber er trifft die Drohne nicht. Sekunden später schlägt sie wenige Meter hinter dem Hubschrauber ein und explodiert. Die Soldaten werfen sich auf den Boden. Sie haben Glück, es gibt keine weiteren Verwundeten. Der Hubschrauber kann abfliegen.
Das Video verdeutlicht, was für eine Gefahr von den Drohnen ausgeht, welche die Hizbullah verstärkt gegen Israel einsetzt. Der Vorfall ereignete sich vor etwa einer Woche in dem Ort Taybeh im Süden Libanons. Eine Gruppe israelischer Soldaten, die einen Panzer reparierten, war mit einer Drohne attackiert worden. Einer wurde getötet, weitere verwundet. Als sie nach Israel gebracht werden sollten, kam die zweite Drohne, die den Hubschrauber nur knapp verfehlte.
Die Hizbullah selbst veröffentlichte einen Tag später ein eigenes Video dazu. Mit dramatischer Musik unterlegt, zeigt es den Angriff aus der Perspektive der Drohne. Daraus wird ersichtlich, wie genau das kleine Gerät in sein Ziel gesteuert werden kann.
Die israelische Armee tut sich schwer, ein Mittel gegen diese sogenannten First-Person-View-Drohnen (FPV) zu finden. Sie können nur schwer durch die Abwehrsysteme aufgehalten werden, die bei anderen unbemannten Luftfahrzeugen (UAVs) zum Einsatz kommen, etwa die Störung der Funksignale. Denn die Datenübertragung der Steuersignale und Kamerabilder dieser Drohnen erfolgt nicht über Funk – sondern über ein ultradünnes, unsichtbares Glasfaserkabel. Der Pilot steuert die Drohne also ähnlich wie einen Flugdrachen.
Eine effektive und kostengünstige Waffe
Das macht sie immun gegenüber der elektronischen Kriegführung des israelischen Militärs, begrenzt aber gleichzeitig die Reichweite. Libanesische Experten sprechen von fünf bis fünfzehn Kilometern. Die Drohnenoperateure sitzen also in der Umgebung des Angriffsgebiets. Sie müssen vor allem darauf achten, dass das Kabel sich nicht in einem physischen Hindernis verfängt oder gekappt wird.
Für die Hizbullah sind die FPV-Drohnen, die schon seit langer Zeit im Ukrainekrieg im Einsatz sind, in der gegenwärtigen Situation ein effektives Angriffsmittel. Sie sind kostengünstig – Fachleute sprechen von 300 bis 400 Dollar pro Stück. Die Miliz kann sie selbst herstellen, sie sind klein und leicht transportierbar, und sie können unauffällig gestartet werden. Auf die Drohnen werden Sprengköpfe von Panzerabwehrgranaten montiert.
Die Schiitenmiliz hat solche Drohnen zuletzt merklich häufiger eingesetzt. In den vergangenen zwei Wochen hat die Propagandaabteilung der Hizbullah weit mehr als ein Dutzend solcher Attacken gemeldet. Immer wieder gibt es Vorfälle mit Toten und Verwundeten. In dem südlibanesischen Ort Qantara sichteten israelische Soldaten am Donnerstag zwei Drohnen. Eine konnten sie abwehren, die zweite ging nieder und tötete einen Soldaten.
Am selben Tag traf in Shomera im Norden Israels eine Drohne einen mutmaßlich mit Munition beladenen Armeetransporter. Dabei wurden zwölf Soldaten verwundet. Ob der Angriff mit einer FPV-Drohne mit Glasfaserkabel durchgeführt worden war, war zunächst offen.
Die Drohnen könnten ein Mittel in einem längeren Zermürbungskrieg gegen Israel sein, auf den die Hizbullah sich vorbereitet. Ein Sprecher der Schiitenorganisation bezeichnete sie als „Teil einer Strategie, ständigen Druck auf den israelischen Feind auszuüben, solange dieser den Süden besetzt hält“.
Von einer Waffenruhe spricht kaum noch jemand
In solchen Äußerungen spiegeln sich die Veränderungen wider, die sich im Vergleich mit der vorherigen Waffenruhe ergeben haben. Nach dem Krieg von 2024, der Ende November 2024 mit einer Waffenruhe endete, hielt die Hizbullah trotz fortgesetzter israelischer Angriffe still, zumindest was Offensivaktionen betrifft.
Jetzt, nach der vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump am 16. April erklärten Feuerpause, die kürzlich verlängert wurde, zeigt die Organisation sich unnachgiebiger. Sie reagiert mit eigenen Angriffen auf israelische Militäraktionen – nach dem Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.
Jeder israelische Angriff auf ein libanesisches Ziel, unabhängig von seiner Art, gebe der Hizbullah das Recht, „entsprechend den Gegebenheiten vor Ort angemessen zu reagieren“, erklärte Ali Fayyad, einer ihrer Vertreter im libanesischen Parlament vor gut einer Woche. Die Propagandameldungen über Angriffe sind immer mit dem Zusatz versehen, sie erfolgten „zur Verteidigung Libanons und seines Volkes sowie als Reaktion auf die Verletzung des Waffenstillstands durch den israelischen Feind und dessen Angriffe auf Dörfer sowie die Zerstörung von Häusern in Südlibanon“.
Die Erklärungen ähneln darin in gewisser Weise den Mitteilungen der israelischen Armee zu Militäraktionen in Libanon. In diesen heißt es regelmäßig, die Hizbullah habe die Waffenruhe verletzt und die Armee handele, um Bedrohungen für israelische Zivilisten und Soldaten zu beseitigen. Mit dieser Begründung zerstört die Armee in der Zone, die sie im Süden Libanons besetzt hält, immer wieder „Terrorinfrastruktur“ und tötet „Terroristen“.
Die Soldaten fühlen sich wie leichte Beute
Die gegenseitigen Angriffe haben sich seit dem 16. April wieder so sehr hochgeschaukelt, dass kaum noch jemand von einer Feuerpause spricht. Israels Generalstabschef Eyal Zamir äußerte das kürzlich sogar öffentlich: „An der Front gibt es keine Waffenruhe“, sagte er bei einem Truppenbesuch in Taybeh am Mittwoch. Die Mission der Soldaten beschrieb er so: „Man kämpft weiter, um direkte und indirekte Bedrohungen für die Gemeinden im Norden zu beseitigen, die Infrastruktur des Terrors zu zerschlagen und Terroristen aufzuspüren und zu töten.“ Das schließe Militäraktionen nördlich der „Vorwärtsverteidigungslinie“ und sogar nördlich des Litani-Flusses ein.
In der Praxis beklagen viele Soldaten israelischen Medienberichten zufolge aber, dass die militärische Handlungsfreiheit durch politische Vorgaben eingeschränkt würde. Gleichzeitig wurde die Truppenstärke an der libanesischen Front nach der Erklärung der Waffenruhe offenbar spürbar reduziert.
Die verbliebenen Truppen in Südlibanon fühlen sich laut Presseberichten wie leichte Beute für die Hizbullah. Die Armee hat die von FPV-Drohnen ausgehende Gefahr grundsätzlich zwar schon vor einigen Jahren erkannt. Aber erst Mitte April rief die Entwicklungsabteilung des Militärs Firmen dazu auf, Lösungen zu entwickeln.
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu verkündete indessen am Dienstag, dass er „vor einigen Wochen“ ein „Spezialprojekt“ in Auftrag gegeben habe, um die Bedrohung durch solche Drohnen auszuschalten. „Es wird dauern, aber wir werden auch das in die Luft jagen“, sagte er in einem mit dramatischer Musik unterlegten Video in Anspielung auf von Israel gesprengte Hizbullah-Tunnel.
Solche Worte zeigen vor allem, dass auch der Ministerpräsident wegen der Angriffe unter Druck steht. Denn vorerst muss die Armee improvisieren: Laut israelischen Medienberichten wurde in jeder Einheit ein Soldat dafür abgestellt, „Drohnenwacht“ zu halten: Er beobachtet den Himmel und feuert, wenn er eine Drohne erspäht. Es gibt auch Videos von Truppentransportern, über die Drahtnetze gespannt wurden, um zumindest etwas Schutz zu bieten.
Verärgerung bei den Bewohnern Nordisraels
Der Verdruss wird dadurch verstärkt, dass auch das Ziel, Sicherheit für den Norden Israels zu erreichen, nicht erreicht wurde. In den Medien des Landes gibt es täglich Interviews mit Bewohnern der grenznahen Dörfer oder ihrer politischen Vertreter, die sich alleingelassen fühlen. Ihrer Verärgerung über die Regierung lassen sie oft freien Lauf.
„Was hier geschieht, ist völlige Vernachlässigung“, sagte ein Bewohner von Shomera im Armeeradio nach dem Drohneneinschlag dort. Der Regierung sei es „egal, was mit den Einwohnern geschieht“. Der Mann schickt, ebenso wie viele andere Bewohner der Orte im Norden, seine Kinder in diesen Tagen nicht zur Schule, obwohl die Regierung vor zwei Wochen die landesweite Wiedereröffnung der Schulen erklärt hat. „Das Risiko gehen wir nicht ein“, sagte er.
Wie die Situation sich entwickeln wird, ist ungewiss. Der diplomatische Weg zu einer anhaltenden Waffenruhe ist weiter verschlungen. Nach dem Willen Trumps sollen die israelische und die libanesische Regierung direkt miteinander verhandeln. Die Hizbullah lehnt das jedoch nach wie vor „kategorisch“ ab, wie ihr Anführer Naim Qassem am Montag noch einmal bekräftigte. „Diese direkten Verhandlungen und ihre Ergebnisse sind für uns nicht existent und gehen uns überhaupt nichts an“, erklärte er in einer Stellungnahme. Die Hizbullah werde ihren „defensiven Widerstand“ fortsetzen.
Ein israelisch-libanesisches Treffen im Weißen Haus?
Aber auch die libanesische Führung hat weiter Vorbehalte, die mit den andauernden israelischen Militäraktionen und der systematischen Zerstörung libanesischer Dörfer im Grenzgebiet zusammenhängen. Nach dem Willen Trumps sollen sich Netanjahu und der libanesische Präsident Joseph Aoun bald im Weißen Haus treffen. Aoun machte allerdings am Mittwoch noch einmal deutlich, dass solche Treffen in der derzeitigen Lage für ihn nicht infrage kommen. Israel müsse „zunächst den Waffenstillstand vollständig umsetzen, um zu direkten Verhandlungen übergehen zu können“, hieß es in einer Stellungnahme, die vom Präsidialamt veröffentlicht wurde. „Die israelischen Angriffe dürfen nicht in dieser Form weitergehen.“
Angesichts des Widerstands der Hizbullah stehen die Zeichen militärisch derzeit jedoch eher auf Eskalation denn auf Beruhigung. Ranghohe israelische Armeeoffiziere drängen darauf, das Vorgehen in Südlibanon zu verschärfen, heißt es in Medienberichten. Dabei sind die Angriffe schon jetzt wieder massiv. Auch am Wochenende attackierte die Armee zahlreiche Ziele. Laut eigenen Angaben zerstörte sie dabei allein am Freitag „mehr als 50 Infrastrukturstandorte der Hizbullah“.
Zudem wurden für mehrere Dörfer in Südlibanon Evakuierungsanordnungen verkündet. Laut offiziellen libanesischen Angaben vom Samstag wurden Dutzende Menschen getötet. Aus Libanon wurden Raketen abgefeuert, und auch weitere Drohnen flogen in Richtung Israels. Sie verwundeten mehrere Soldaten und Zivilisten.
