Herr Wambach, wir haben uns für dieses Jahr wenigstens auf ein bisschen Aufschwung gefreut. Ist der jetzt schon wieder weg?
Das ist keine gute Nachricht.
Unser Institut hat einen Finanzmarkt-Indikator, der ist im März eingebrochen und im April noch weiter gesunken. Meine Interpretation ist: Zu Anfang war das die hohe Unsicherheit – und jetzt ist es die Erkenntnis, dass unsere Probleme noch länger bleiben werden. Es ist kein schnelles Ende in Sicht.
Das klingt, als wäre der Irankrieg das Hauptproblem.
Das kann man schön angucken: Wir haben mit einem Prozent Wachstum gerechnet. Davon kamen 0,3 Prozentpunkte aus dem Fiskalpaket. Noch mal 0,3 Prozentpunkte kamen daher, dass dieses Jahr mehr Feiertage auf Wochenenden fallen. Aus eigener Kraft hätten wir nur 0,4 Prozentpunkte hinbekommen. Die sind jetzt weg. Also: Unsere Probleme sind hausgemacht. Unser Wachstum ist an sich schwach.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Woher kommt unser Wachstumsproblem?
Das große Problem sind die fehlenden Investitionen. Unternehmen investieren nicht in Deutschland. Vergangenes Jahr war ich in Osteuropa und habe da mehrere Hauptstädte besucht. Die haben sich alle gewundert: Wenn Deutschland schwächelt, dann schwächeln sie normalerweise auch. Im Moment geht es denen aber gut. Warum? Weil wir kein Konjunkturproblem haben, sondern ein strukturelles Problem. Die Unternehmen investieren dann in Prag. Wir haben mit die höchste Belastung der Arbeitskosten mit Steuern und Gebühren. Die Regulierungskosten sind höher, das hat auch mit fehlender Digitalisierung zu tun. Und wir haben jetzt drei Jahre kein Wirtschaftswachstum.
Deutschland ist immer noch ungefähr auf dem Wohlstandsniveau von 2018.
Die Stimmung ist sehr schlecht. Jetzt müssen wir Arbeitsplätze schaffen, die nicht nur morgen da sind, sondern auch in zehn Jahren. Dafür brauchen wir Innovation. Und das hat alles mit den Investitionen zu tun. Die Unternehmen investieren dort, wo sie denken, dass sie in fünf bis zehn Jahren Gewinne erwirtschaften können.
Und was sollen die Leute tun, die gerade Arbeit suchen?
In den vergangenen Jahren haben wir in der Industrie Arbeitsplätze abgebaut, in der Pflege und der öffentlichen Hand aufgebaut. Das ist nicht nachhaltig, aber es überdeckt vieles. Und der deutsche Arbeitsmarkt hängt sehr an den alten Strukturen.
Eigentlich wäre die Krise die Zeit für Reformen. In der Corona-Krise hatten wir weniger Insolvenzen als nachher. In der Krise! Und wir hatten ein weitgreifendes Kurzarbeitergeld – anstatt dass die Arbeitskräfte zu zukunftsfähigeren Unternehmen wechseln. Das passiert in Deutschland auch wenig von selbst.
Muss man den Kündigungsschutz lockern?
Da müsste auch mehr von den Arbeitnehmern selbst kommen. Man könnte überlegen: Dürfen die ihre Rechte ins neue Unternehmen mitnehmen, damit ein Wechsel attraktiver ist? Der Immobilienmarkt ist auch ein großes Hindernis. Es ist halt nicht lustig, nach Frankfurt oder nach München zu wechseln, wenn man da keine Wohnung hat. Bei sehr innovativen Projekten oder bei Start-ups kann man sicher auch mit dem Kündigungsschutz etwas lockerer umgehen.
Und wo findet man Stellen?
Die Unternehmen zögern gerade mit Einstellungen, jetzt auch wegen der Konjunktur. Im Prinzip herrscht aber nach wie vor Fachkräftemangel. Das ist nicht mehr das größte Problem, aber kommt in Unternehmensbefragungen immer bald hinter der Bürokratie.
Sogar in der IT sind die Perspektiven jetzt schlechter geworden. Wo also muss man sich bewerben?
Auch die Künstliche Intelligenz muss angeleitet werden. Man braucht analytisches Wissen, um Probleme zu strukturieren. Man muss im Team arbeiten können. Wir werden nach wie vor Ingenieure haben. Unser Maschinenbau ist nach wie vor eine Stärke. Und auch in der Autoindustrie bin ich nicht so pessimistisch wie viele andere.
Die Industrie hat immer noch viel Forschung und Entwicklung. Da kommen auch viele Patente raus, oft rund um den Elektromotor und das autonome Fahren. Und jetzt kommt die Phase, in der der Wettbewerb für die chinesischen Unternehmen hart wird. Da werden sicherlich noch viele Unternehmen aus dem Markt gehen, vor allem im asiatischen Raum. Man sollte die Branche nicht schönreden, aber auch nicht schlechtreden.
Machen Sie uns noch mehr Mut, bitte! Was ist positiv?
Die Geopolitik. Da wird immer gesagt: Unser Außenhandel stößt an Grenzen, weil die USA Zölle verlangen und wir mit China vorsichtiger sein müssen. Aber diese beiden Länder machen zusammen nur ein Fünftel unseres Außenhandels aus. Knapp 80 Prozent sind der Rest der Welt. Jetzt sehen wir Freihandelsabkommen mit Südamerika, mit Indonesien, mit Indien. Und das sind die Teile der Welt, die wachsen. Außerdem geht ein großer Teil unseres Handels in europäische Nachbarländer, und die Europäische Kommission hat gelernt, dass sie den Binnenmarkt pflegen muss, statt immer nur neue Regeln zu erlassen.
Dafür ist Energie jetzt teuer.
Die Energiepreise sind hoch, aber wirklich gefährdet ist nur ein kleiner Teil der Wirtschaft, nämlich die energieintensive Produktion mit geringer Wertschöpfung. Auch viele energieintensive Betriebe haben viele Patente und höhere Margen und können daher besser mit höheren Energiepreisen umgehen. Und der Verteidigungssektor wächst weltweit. Das ist eine Chance für die deutsche Industrie. Die Amerikaner, Israel, Südkorea – sie alle betreiben im militärischen Bereich Forschung, die auch der zivilen Wirtschaft nützt. Das kann eine echte Chance sein.
Das muss der Staat aber richtig organisieren. Die Regierungen der USA und anderer Länder haben das in den vergangenen Jahrzehnten besser hingekriegt.
Die USA haben ihre eigenständige Forschungsagentur fürs Militär. Das für die Bundeswehr ähnlich zu machen, wäre ein logischer Schritt. Das ist ein dickes Brett. Im Moment geht von dem Bundeswehrgeld noch vieles in neue Kasernen und die Verwaltung, damit Musterungen ausgebaut werden. Aber wir müssen eben auch an der technischen Front dabei sein.
Vieles davon ist Zukunftsmusik. Was läuft denn heute schon gut in Deutschland?
Die Regierung hat schon beschlossen, dass die Steuern sinken. Die Reformkommissionen liefern ihre Vorschläge ab. Und natürlich wird von den neuen Investitionen einiges in Infrastruktur gehen, auch wenn man lange darüber streiten kann, wie viel von dem Geld zweckentfremdet ist . . .
. . . andererseits kosten Schulden Geld, das merken wir jetzt.
Ja, das kann schnell zum Problem werden, wenn der Zins größer ist als das Wirtschaftswachstum. Noch hat Deutschland den finanziellen Spielraum. Aber das Wachstum muss hoch.
Auf welchem Feld könnte man die Investitionen am schnellsten ankurbeln?
Es sind halt die Strukturreformen, vor denen sich die Politik jahrelang gedrückt hat. Schnell geht das nicht. Es gibt ja Gründe, warum das niemand gemacht hat. Aber zumindest die Expertenkommissionen liefern im Sommer. Wenn das nicht zerredet wird, wenn die Reformen angepackt werden und die Unternehmen wissen, dass wir hier ein nachhaltiges System haben – dann kann hier in diesem Jahr echt was passieren.
Wie zuversichtlich sind Sie im Moment?
Krisenzeiten sind Reformzeiten. In den Ministerien sind sich alle bewusst, dass jetzt gehandelt werden muss. Wenn die Regierung es gut macht, schafft sie ein Paket, in dem sich jeder bewegt und man insgesamt das hinbekommt, was für alle eine gute Lösung ist. Manchmal verliert man, manchmal gewinnt man, aber dafür kriegt man insgesamt ein nachhaltiges Steuer- und Sozialsystem.
Man hat den Eindruck: Im politischen Prozess geht es nur sehr mühsam voran.
Ja, Popper hatte recht – politischer Fortschritt geht nur inkrementell. Angesichts der aktuellen Berichte über den Streit in Berlin wirkt es so, als sei selbst dieses Vorwärtstasten einem Stillstand gewichen. Aber wir dürfen auch nicht vergessen: Der Wohlstand ist in Deutschland seit 2000 insgesamt um 30 Prozent gewachsen. Mit allen Reform-Einschränkungen wird es uns trotzdem noch viel besser gehen als damals. Auch die Renten sollen ja nicht sinken, sondern nur langsamer steigen.
Für viele Leute fühlt sich das Leben nicht besser an als im Jahr 2000.
Schon allein das Gesundheitssystem hat sich deutlich verbessert. Wir können Krankheiten viel besser behandeln, die Früherkennung hat zugenommen. Die Lebenserwartung ist um drei Jahre gestiegen. Wir wohnen auf mehr Quadratmetern als früher. Wir reisen viel mehr. So schlecht geht es uns gar nicht. Wir sollten stolz sein auf das, was wir erarbeitet haben, und von dort aus nach vorne schauen.
Zuletzt gab es lange Stagnation. Und viele Leute finden die Aussichten schlecht.
Ja. Die Leute sagen oft: Mir geht es gut, aber dem Land geht es schlecht. Wir sollten das Problem nicht aus den Augen verlieren. Bei uns ist Teilzeit zu attraktiv geworden. Die Belastungen sind zu hoch. Wir müssen die Arbeitsanreize verbessern.
Wenn Sie den wachsenden Wohlstand so loben, gehört Teilzeit nicht auch dazu? Uns geht es besser, dann nehmen wir uns mehr Freizeit.
Ja, auch. Aber wenn es uns besser geht, dann reagieren wir auf die Belastungen noch mehr. Von dem, was wir erwirtschaften, sollte mehr bei den Arbeitnehmern bleiben.
Die Fragen stellten Patrick Bernau und Alexander Wulfers.
