
Ein paar Minuten vor Spielende geht Albert Riera in die Hocke. Dort, wo es der Eintracht-Trainer am liebsten macht: am rechten Eck der Coaching-Zone. Sein Platz. Zeitgleich auf der Tribüne im Waldstadion stehen viele Menschen von ihren Plätzen auf und streben fast fluchtartig den Ausgängen entgegen. Sie wollen sich Frankfurts fußballerisches Trauerspiel beim 1:2 gegen Hamburger im sportlichen Hoch nicht länger anschauen. Ihnen reicht es. Nicht zum ersten Mal.
Viele Anhängerinnen und Anhänger der Eintracht bekommen nicht mehr mit, wie Rasmus Kristensen in der zwölften Minute der Nachspielzeit die Gelb-Rote Karte erhält. Auch das noch zu allem Überfluss. Albert Riera steht jetzt regungslos da mit verschränkten Armen vor der Brust. Als kurz darauf der Abpfiff ertönt, hält sich der Spanier erst einmal weiter vor der Frankfurter Bank auf. Der 44-Jährige nimmt sich Zeit, bevor er den Platz betritt und zu den Schiedsrichtern geht. Am Ende befindet sich der Trainer ganz links in der Reihe der Spieler, die sich mit bedröppelten Mienen vor der Nordwestkurve aufgestellt haben. Auch ihm müssen die Pfiffe der Frankfurter Ultras in den Ohren geklungen haben.
Bei der Eintracht ist eine Neuaufstellung nötig
Zwei Spieltage vor Rundenschluss erreichte die Gefühlslage einen neuen Tiefpunkt. Endzeitstimmung: Die Fans wenden sich von ihrer Mannschaft ab. Die Höchststrafe aus deren Sicht. Die Risse im Eintracht-Gefüge werden immer größer. Keiner scheint sie kitten zu können.
Noch ist die alte Saison nicht ganz vorbei, die anspruchsvollen Aufgaben in Dortmund und gegen Stuttgart bilden den Schlusspunkt. Aber schon jetzt ist klar: Es bedarf einer Neuaufstellung bei der Eintracht für die neue Spielzeit. Das betrifft die Mannschaft, und es geht um den Trainer. Alle stehen auf dem Prüfstand. Albert Riera an erster Stelle: „Heute ist der Trainer kein Thema“, sagte Sportvorstand Markus Krösche nach dem Spiel.
Auch einen Tag später, am Sonntag, war Albert Riera bis zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe seinen Posten nicht los. Aber was passiert in den kommenden Tagen oder nach dieser für die Hessen so unbefriedigend verlaufenen Saison? „Lasst uns heute über die Leistung reden, und die war nicht gut genug“ – das antwortete Markus Krösche ausweichend auf die Frage, ob Riera in der neuen Runde Eintracht-Trainer bleiben werde. Ein Treuebekenntnis würde sich anders anhören. Und es wäre zum jetzigen Zeitpunkt wohl auch nicht angebracht wie zielfördernd.
Denn Riera hat Frankfurts Spiel unter dem Strich in keiner Form besser gemacht – und das, obwohl der so selbstbewusste Spanier einen Leistungsaufschwung unter seiner Anleitung vollmundig in den schönsten Farben versprochen hatte. Als wäre alles ganz einfach. Er muss nur machen. Nur zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft heute eine bedenkliche Lücke.
Der Trainer hält nicht Wort. Dessen große Ankündigungen füllen die Spieler nicht mit Leben, ganz im Gegenteil: Das aktuelle Team zeigt auf dem Platz bei Weitem nicht die Lebensgeister, die notwendig wären – und die in Frankfurt die Vorgängermannschaften oft ausgezeichnet haben. Die mit ihrer Energie, Hingabe und Emotionalität vorneweg marschiert sind und damit den Eintracht-Anhang mitgenommen und hinter sich versammelt haben. Alle zusammen demonstrierten (Willens-)Stärke und bejubelten so Erfolge, die zuvor kaum für möglich gehalten wurden. Und im Mai 2026?
Es herrschen Tristesse und Wut über eine ungenügende Darbietung wie gegen den HSV. Hinzu kommen Unverständnis sowie Ratlosigkeit. Ein schlimmer Perspektivenmix. „Ich bin sehr enttäuscht über das Ergebnis und die Leistung“, sagte Riera. „Wir müssen viel besser spielen.“ Er sprach von einem „harten Moment und schweren Abend für uns, für die Fans“. Es folgten Worte, die aus seinem Mund mittlerweile wie ein Versprechen klingen, das von seinen Spielern – sind die zurückliegenden Auftritte der Maßstab – wahrscheinlich nicht umgesetzt werden kann.
Der Mannschaft fehlen die Kraft und die Überzeugung zur Erneuerung
„Ab morgen müssen wir nach vorne schauen, ich muss der Mannschaft wieder Liebe, Optionen und Lösungen geben“, sagte der Trainer in gewohnter Manier. Wie auch immer: Bisher zeigten seine Maßnahmen nicht die Wirkung, die für ein neues, besseres Erscheinungsbild der Eintracht erforderlich ist. Ihr fehlen ganz offensichtlich die Kraft und die Überzeugung zur Erneuerung.
Nach jetzigem Stand wäre es daher eine Überraschung, wenn mit Albert Riera der alte Coach seine Arbeit über diese Saison hinaus fortsetzen darf. Seine Bilanz, sein Handeln sowie sein Auftreten sind keine Empfehlung für eine Weiterbeschäftigung, mit der wieder Aufbruchstimmung und Freude auf zukünftige Aufgaben erzeugt werden kann. Er sorge sich nicht um seine Zukunft, sie sei auch nicht in seinen Händen, sagte Riera am Samstag. Ihm wird bewusst sein, dass seine Tätigkeit in Frankfurt auf der Kippe steht.
Dafür hat er auch mit zweifelhaften Auftritten und unüberlegten Äußerungen schon zu viele Irritationen hervorgerufen. Er fördert Argwohn und provoziert Widerspruch. Reichlich Angriffsfläche bietet auch die Mannschaft, die immer mehr in die Defensive gerät. Mit ihrer offensichtlichen Gleichgültigkeit im Umgang mit der brenzligen Situation läuft sie Gefahr, im Saisonendspurt einen internationalen Startplatz zu verspielen.
Markus Krösche zeigte sich in hohem Maße verärgert über die Energielosigkeit der Profis und deren fehlerbehaftetes Spiel. „Ganz ehrlich, wenn wir Leistungen wie diese abrufen, dann haben wir mit dem Kampf um Europa auch nichts zu tun“, kritisierte der Sportvorstand. „Keiner kommt an sein Leistungsmaximum, einzeln und als Gruppe.“ Was die Sache aus Eintracht-Sicht so schlimm macht: „Das zieht sich durch die gesamte Saison.“ Und weiter in der Bestandsaufnahme, die einer Abrechnung glich. „Die fehlende Energie in unserem Spiel ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb wir es nicht schaffen, unsere Leistung abzurufen. Das muss eigentlich die Basis sein. Wir bekommen es aber nicht hin“, beklagte sich Krösche.
Warum nicht, vermochte Kapitän Robin Koch nicht zu sagen. Letztendlich hätten die Frankfurter „irgendwie zu Recht“ gegen den HSV verloren, meinte der Verteidiger lapidar. „Wir müssen zusehen, dass wir die grundsätzlichen Tugenden reinbekommen. Keinem der Jungs mangelt es an Willen, wir müssen es halt auf den Platz bringen und auch ein Stück weit erwachsener spielen.“ Hehre Worte, die Koch in den vergangenen Wochen wiederholt gewählt hatte. Doch Taten lassen die Profis dann nicht folgen. Ihre Plan- und Ideenlosigkeit gehört zum schlechten Spiel, das nicht enden will. Die Spieler verharren sinnbildlich im Stillstand.
Dino Toppmöller, Übergangstrainer Dennis Schmitt und Albert Riera – keiner der drei brachte das Team in dieser Saison sportlich in die Spur. Albert Riera könnte nun der Nächste sein, der an dieser Mannschaft scheitert. Seinem Selbstbewusstsein würde das wohl nicht schaden. Ob er dann die Fehler auch bei sich sucht?
