
In der Oper „Tristan und Isolde“ wird viel geliebt und noch mehr gelitten. Mit fünf Stunden ist das Werk von Richard Wagner selbst für hartgesottene Operngänger keine leichte Kost. Wie also die tragische Liebesgeschichte zugänglich machen? Einen Versuch hat das Staatstheater Wiesbaden zur Eröffnung der Internationalen Maifestspiele am 1. Mai gewagt. Statt sich die Oper auf Plätzen für bis zu 149 Euro im Saal anzuschauen, konnte jeder kostenlos die Liveübertragung am Warmen Damm sehen. Gut 700 Zuschauer auf der Wiese haben nun die Geschichte voller Weltschmerz in der Maisonne verfolgt.
Das Publikum ist viel gemischter, als man es für Oper vermuten würde: Viele junge Leute mit Picknickdecken und -stühlen oder riesigen Sitzkissen sind gekommen, einige Kinder und manche Passanten, die sagen, sie seien „reingestolpert“, angelockt von der großen Leinwand und den imposanten Klängen des Hessischen Staatsorchesters Wiesbaden – und vielleicht auch vom Geruch von Bratwürsten und Pommes. Es ist eher Festivalstimmung als Festspielstimmung.
Doch das ist nicht alles. Auf dem Platz verteilt sind fünf bunte Bänke, auf denen sogenannte „Lebende Archive“ sitzen: Personen, darunter die Autorin dieses Textes, die ihr Wissen oder ihre Kenntnisse über Wagner oder „Tristan und Isolde“ teilen. Das Leitmotiv der Inszenierung – „Die Kunst des Archivs“ – ist so auch abseits der Bühne erlebbar. Jeder Bank ist dabei auf einem Schild eine Frage zugeordnet, über die man sprechen kann: Was wäre ohne Wagner? Was wollte Wagner eigentlich? Oder: Was macht „Tristan und Isolde“ feministisch? Fragen, die zum Nachdenken anregen sollen. Manch einer nutzt die „Lebenden Archive“ aber auch, um sich schlicht die Handlung erklären zu lassen, auf lebendige Weise.
Nach dem ersten Akt schon wird diskutiert
Schon nach dem ersten Akt allerdings wird über das diskutiert, was auf der Leinwand zu sehen ist. Auf das Schild mit der Frage „Wie inszeniert man Tristan und Isolde?“ kritzelt im Verlauf des Abends jemand: „So nicht.“ Ein Kommentar, der die Stimmung in Teilen des Publikums zusammenfasst. So zugänglich die Oper durch den Livestream wird, so schwer macht es die Inszenierung den Zuschauern. Buhrufe, wie sie drinnen im Haus zu hören waren, gab es auf der Wiese zwar nicht, dafür aber viel Kopfschütteln.
Regisseur Tiago Rodrigues versetzt „Tristan und Isolde“ in ein Archiv. Zwei Tänzer (Sofia Dias und Vítor Roriz) halten Schilder hoch, auf denen die Handlung kommentiert wird: Über Tristan heißt es „Der traurige Mann singt“, während eines Duetts wird ein Schild mit der Aufschrift „Sie sagen nichts als die Liebe“ hochgehalten. Statt mit einem echten Schwert lässt sich Tristan von einem Schild mit der Aufschrift „Schwert“ erstechen. Da neben den Requisiten auch die Übertitel fehlen, wird am Warmen Damm viel gewispert und gerätselt, was die Sänger da eigentlich gerade singen. Manch einer nutzt das Tageslicht, um im Textbuch mitzulesen.
Die Kopfschüttler verlassen nach und nach die Wiese am Warmen Damm, auf der es mit jedem Akt kälter wird. Doch viele bleiben. Sie trinken ihren mitgebrachten Sekt oder den Todes- und Liebestrank, den es an der Bar gibt, und flüstern sich Interpretationen der Schilder zu. Kinder, denen der Weltschmerz zu langatmig wird, spielen neben der Leinwand Fußball. Ob am Ende des Abends jemand zum Wagnerianer geworden ist? Ungewiss. Aber für fünf Stunden ist ein anderer Zugang zu Oper möglich geworden. Am Warmen Damm finden alle ihren Platz: Menschen, die von Anfang bis Ende gebannt zuhören, und solche, die ihren „Wagner-Schnupperkurs“ rasch beenden. Über den Versuch allein können sich das Theater und die Freunde der Oper nur freuen.
