Der 3400 Meter hohe Ätna auf Sizilien ist bei Weitem der größte und aktivste Vulkan Europas. Er ist aber auch der merkwürdigste. So passt er nicht in die klassische Differenzierung zwischen Schild- und Stratovulkan. Seine Basis ist bis in etwa 2900 Meter Höhe ein flaches Schild mit einer Grundfläche von etwa 1200 Quadratkilometern. Darüber ist in den vergangenen 35.000 Jahren ein geschichteter, nahezu kegelförmiger Stratovulkan entstanden, der von Sizilianern Mongibello genannt wird. Der Ätna fügt sich zudem nicht in die typische, von der tektonischen Geographie her bestimmte Verteilung der Vulkane auf der Erde ein. Geoforscher aus der Schweiz und Italien glauben nun herausgefunden zu haben, warum der Ätna in keines der bekannten vulkanischen Schemata passt: Demnach gehört der sizilianische Feuerberg zu einer seltenen Klasse von Vulkanen, den sogenannten Petit-Spots, die von Magmen aus arg verbogenen Teilen des oberen Erdmantels gespeist werden, schreiben Sebastien Pilet von der Universität Lausanne und seine Kollegen im „Journal of Geophysical Research“.
In den vergangenen 400 Jahren brach der Ätna mindestens 22-mal aus und förderte dabei insgesamt mehr als eine Milliarde Kubikmeter Lava an die Erdoberfläche. Manche Lavaströme waren fast 15 Kilometer lang, andere endeten schon 250 Meter unterhalb der Ausbruchsstelle. Die eigentliche Gipfelregion, der Mongibello, besteht aus fünf Kratern, von denen der jüngste, der Südostkrater, erst im Jahre 1979 entstanden ist.
Der Ätna ist auch der größte vulkanische Luftverschmutzer der Erde. Jahr für Jahr quellen im Durchschnitt 25 Millionen Tonnen Kohlendioxid aus seinen Gipfelkratern und den vielen Spalten und Fumarolen an seinen Hängen. Dieser Ausstoß ist mindestens zehnmal so groß wie die Menge an CO2, die beispielsweise dem Vulkan Kilauea auf Hawaii entweicht, dem zweitgrößten natürlichen Lieferanten dieses Treibhausgases.
Was den Ätna von anderen Vulkanen unterscheidet
Der zweifellos beeindruckendste Teil des Ätna-Gebirges ist das Valle del Bove, das sich oberhalb der Ortschaft Zafferana bis fast zum Torre del Filosofo zieht. Dieses nahezu unbegehbare Gewirr aus Lavaströmen, vulkanischen Ergüssen und bizarr erkalteter Magma gleicht einer Mondlandschaft. Im neunzehnten Jahrhundert verbrachte der Göttinger Mineraloge Sartorius von Waltershausen viele Jahre in dieser unwirtlichen Landschaft und erschloss durch seine Studien die Ausbruchsgeschichte des sizilianischen Feuerberges in bis dahin unbekannten Details.
Trotz der intensiven geowissenschaftlichen Erforschung besteht über den Ursprung des Ätna längst noch keine Klarheit. Fest steht lediglich, dass er in die äußerst komplexe Tektonik der eurasischen und afrikanischen Kontinentalplatten eingebettet ist. Deren Kollision verursacht einerseits die schweren Erdbeben auf Sizilien und in Süditalien, sie führt andererseits aber auch dazu, dass sich das italienische Festland wie ein Sporn in den westeuropäischen Kontinent bohrt und dabei die Alpen auftürmt.
Obwohl der Ätna an einer Plattengrenze liegt, ist er nicht mit den ebenfalls an solchen Grenzen wachsenden Vulkanen wie in Alaska, Chile oder Japan vergleichbar. Dort befinden sich nämlich Subduktionszonen, an denen sich eine Erdkrustenplatte unter eine andere schiebt und dabei schmilzt. Das ist unter Sizilien nicht der Fall.
Widersprüchliche Hypothesen über den Ätna-Vulkanismus
Der Ätna gehört auch nicht, wie die Feuerberge auf Hawaii oder Island, zu jenen Vulkanen, die über einem „Hotspot“ entstehen, einem Schlot heißen Magmas, der sich aus dem tiefen Erdmantel wie ein Schweißbrenner durch die Erdkruste glüht. Nirgendwo im zentralen Mittelmeer gibt es einen solchen Hotspot. Der Ätna ist noch nicht einmal mit seinen vulkanischen Nachbarn im Norden, den Liparischen Inseln des Tyrrhenischen Meeres, verwandt. Und auch mit dem Vesuv, dem bedrohlich den Golf von Neapel und die süditalienische Großstadt überschattenden Vulkan, hat der Ätna wenig gemein.
Der in Catania arbeitende deutsche Vulkanologe Boris Behncke hatte schon vor Jahren mindestens sechs von verschiedenen Geowissenschaftlern entwickelte, zum Teil widersprüchliche Hypothesen über die Ursachen des Ätna-Vulkanismus zusammengetragen. Die Möglichkeiten reichen dabei von der Bildung eines Grabens zwischen Sizilien und dem italienischen Festland bis zum Aufreißen einer tektonischen Verwerfung zwischen Malta und den Liparischen Inseln.

Diesen Thesen hat die Forschergruppe um Sebastian Pilet jetzt eine weitere hinzugefügt. Wie die Geologen aus Lausanne schreiben, stützen sich ihre Untersuchungen auf der genauen Analyse der chemischen Zusammensetzung von erstarrten Laven, die vom Ätna zu verschiedenen Zeiten ausgestoßen worden waren, und zwar von der Frühzeit des Ur-Ätna vor etwa 500.000 Jahren bis in die Gegenwart. Dabei hat sich herausgestellt, dass sich die Zusammensetzung der entnommenen Lavaproben in diesem großen Zeitraum nur wenig verändert hat. Das sei überraschend, schreiben die Forscher, weil sich unterdessen das tektonische Umfeld und die Art und Weise, wie die afrikanische und eurasische Kontinentalplatten in der Region um Sizilien zusammenstoßen, erheblich verändert haben.
Der Größte unter den Petit-Spot-Vulkanen
Während sich das Magma in vielen anderen ähnlich großen Vulkanen jeweils erst kurz vor einer Eruption verflüssigt, nehmen Pilet und seine Kollegen an, dass Ätnas Laven aus seit sehr langer Zeit bestehenden Magmareservoiren in etwa 80 Kilometer Tiefe gespeist werden. Zu Eruptionen kommt es immer dann, wenn das Magma durch jene Risse und Spalten aufsteigt, die sich beim Verbiegen und Zusammenquetschen der afrikanischen Platte bei ihrem Zusammenstoß mit Europa bilden.
Der Ätna sei damit mit vielen kleinen, oft weit unter dem Meeresspiegel liegenden Vulkanen im Pazifik und im Puerto Rico Graben des Atlantiks vergleichbar. Japanische Forscher hatten dort vor etwa zwei Jahrzehnten ähnliche Magmaquellen und Eruptionsmechanismen entdeckt. Im Gegensatz zu den riesigen, bis in den tiefen Erdmantel reichenden Hotspots, die beispielsweise die Vulkane auf Hawaii mit Magma füttern, nannten sie diese bis dahin unbekannten kleinen Magmaquellen „Petit-Spots“. Sollte sich die jüngste Vermutung bestätigen, wäre Ätna das allergrößte Exemplar dieser Petit-Spot-Vulkane auf der Erde.
