
Es lief bereits die zehnte Minute der Nachspielzeit. Ein paar Minuten mehr als zunächst angezeigt, zu viele Verletzungsunterbrechungen hatte es in der Schlussphase dieser Partie in der Münchner Arena gegeben. Die Spieler des 1. FC Heidenheim begannen, sich abzuklatschen, es sah ganz danach aus, dass sie die Überraschung des Spieltags geschafft haben könnten: einen Sieg gegen den FC Bayern, den alten und neuen deutschen Meister und damit die Chance auf den Klassenverbleib wahren.
Aber dann kam Michael Olise, und traf. Vom linken Pfosten sprang der Ball an den Rücken von Heidenheim-Torhüter Diant Ramaj und rollte dann langsam über die Torlinie. Es war die letzte Aktion des Spiels, der letzte Schuss, und am Ende jubelten doch wieder die Münchner.
Sie haben das Bundesligaspiel am Samstag gegen den Tabellenletzten von der Ostalb zwar nicht mit Olises Last-Minute-Tor gewonnen, aber mit dem 3:3 haben die Münchner ihren Ruf, die Unbeugsamen zu sein, unterstrichen. „Wir wollten unbedingt nicht verlieren“, sagte Sportdirektor Christoph Freund bei Sky. Heidenheims Trainer Frank Schmidt zeigte sich gefasst: „Nicht hadern, ein Punkt ist etwas wert.“
Vier Tage vor dem Halbfinale-Rückspiel in der Champions League gegen Paris St. Germain haben die Bayern dieses Mal in vielen Phasen nicht den Biss und die nötige Konzentration gezeigt. „Wir haben es nicht so auf den Platz gebracht, wie wir uns das vorgestellt haben“, sagte Sportvorstand Max Eberl. Man könne für das Duell mit PSG am Mittwoch (21 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) zwar „mitnehmen, dass wir wieder zurückgekommen sind“, stellte er fest. „Aber wir können auch mitnehmen, dass es nicht reicht, wenn wir keine 100 Prozent geben. Egal, ob wir gegen Heidenheim oder Paris spielen.“
Trainer Vincent Kompany hatte schon geahnt, dass es dieses Mal noch schwieriger werden würde, den Fokus auf die Bundesliga zu behalten, als zwischen den beiden Partien gegen Real Madrid. „Die Wahrheit ist natürlich, das Spiel gegen PSG war so intensiv und die Vorfreude in ganz München ist so groß auf das Rückspiel, dass ich als Trainer alle überzeugen muss, erst einmal das Heidenheim-Spiel hundertprozentig spielen zu müssen.“
Wie immer hatte Kompany vor der Partie nicht viel über die Aufstellung verraten, nur dass Jonas Urbig statt Manuel Neuer im Tor stehen würde. Aber dass nicht nur der Kapitän, sondern ein paar mehr Spieler, die am vergangenen Dienstag Teil dieses Feuerwerks im Pariser Prinzenpark gewesen waren, pausieren würden, war klar. Nur Jonathan Tah, Jamal Musiala, Josip Stanisic und Aleksandar Pavlovic aus der Startelf gegen PSG standen auch in diesem vorletzten Bundesliga-Heimspiel von Beginn an auf dem Platz.
In der Bundesliga ist es in diesen entscheidenden Champions-League-Wochen fast schon zur Gewohnheit geworden, dass die Gegner der Bayern in Führung gehen. Lediglich bei St. Pauli Mitte April hatten die Bayern das erste Tor der Partie erzielt (und auch alle anderen vier), ansonsten überließen sie es nach der Länderspielpause im März stets dem Gegner, in Führung zu gehen.
Die in der ersten Viertelstunde eher vorsichtigen Heidenheimer nutzten eine Ecke in der 22. Minute zum 1:0. Marnon Busch hatte den bereits abgewehrten Standard wieder nach vorne gespielt, wo Budu Zivzivadze blitzschnell reagierte und den Ball per Direktabnahme ins Tor schoss. Neun Minuten später war Jonathan Tah nicht auf der Höhe oder – eigentlich verboten – mit den Gedanken schon bei PSG. Der Münchner Innenverteidiger ließ Eren Dinkci entwischen, und der schob den Ball an Urbig vorbei ins Tor.
Wie als Warnung an den Gegner schickte Kompany anschließend die bayerische Offensivmacht zum Warmlaufen. Wettbewerbsverzerrung im Abstiegskampf, das wollte sich der Bayern-Trainer gewiss nicht vorwerfen lassen. „Ich möchte keinem etwas schenken“, hatte er vor der Partie wissen lassen.
Damit Harry Kane, Michael Olise, Luis Díaz und Joshua Kimmich, die nach der Pause kamen, nicht mehr ganz so viel zu tun haben mit dem Aufholen, hatte Leon Goretzka kurz dem Pausenpfiff per Freistoß das 1:2 erzielt. Für den Ausgleich sorgte dann aber nicht einer der Hochkaräter, sondern wieder Goretzka (57.). Dieses Mal traf er aus kurzer Distanz, nach einer Ecke von Olise.
Die Bayern ließen nun ein bisschen die Muskeln spielen. Olise, Kimmich und Díaz versuchten es aus der Distanz, verpassten aber das Ziel jeweils knapp. Aber dann hatte dieses Spiel eine ganz besondere, für die Bayern ungewohnte Volte parat. Denn der Gegner kam noch einmal zurück. Zivzivadze wurden nach einem weiten Abschlag des Heidenheimer Torhüters Diant Ramaj zuerst nur höflich begleitet, dann von Olise nicht beherzt genug gestört, weshalb der georgische Stürmer einfach abschloss – zum 3:2 für den Klub von der Ostalb (76.).
Die Bayern versuchten nun, die zweite Bundesliga-Niederlage der Saison abzuwenden, aber Heidenheim verteidigte geschickt. Bis Sekunden vor dem Abpfiff. In der zehnten Minute der Nachspielzeit wurden die Bayern wieder ihrem Ruf als Unbeugsame, als Last-Minute-Ungeheuer gerecht.
