
Die Mundart ist vom Aussterben bedroht. Nicht nur aus Hessen ist diese Sorge immer wieder zu hören. Das hessische Heimatministerium will etwas dagegen unternehmen. Im Herbst 2025 rief es dafür einen Runden Tisch mit Vertretern aus Wissenschaft, Bildung und Ehrenamt ins Leben. Die Experten sollten Ideen entwickeln, um die Mundart in Hessen zu stärken. Nun hat das Ministerium konkrete Vorschläge veröffentlicht.
86 Projektideen trug eine Arbeitsgruppe des Gremiums zusammen. Im Mittelpunkt stehen Bildung, Sichtbarkeit und die Erlebbarkeit der Mundart. Lehrkräften könnte für den Schulunterricht künftig ein „Methodenkoffer Dialekt und Sprachvielfalt“ an die Hand gegeben werden, so eine der Ideen. Zusätzliches Unterrichtsmaterial und Fortbildungsangebote sollen es Lehrern erleichtern, die Dialektwelt im Unterricht zu behandeln. Spielerisch will man damit schon in der Grundschule beginnen.
Auch abseits des Schulalltags plant das Heimatministerium, den Dialekt in der Gesellschaft stärker zu verankern. Helfen soll eine digitale Vernetzungsplattform, sprich: Social Media für Dialektinteressierte. Zugleich will man neue Veranstaltungsformate wie Festivals oder Poetry Slams auf Hessisch ins Leben rufen und mehr auf Mundartformate bei Großveranstaltungen wie dem Hessentag setzen. „Dialekte dahin bringen, wo die Menschen sind“, fasst Heimatminister Ingmar Jung (CDU) die Ideen zusammen. Sprache erzähle Geschichten, stifte Identität und schaffe Gemeinschaft, gerade in einer vielfältigen Gesellschaft.
Kindern wurde der Dialekt ausgetrieben
Wie vielfältig auch Hessens Dialektwelt ist, weiß Brigitte Ganswindt vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas der Universität Marburg. „Durch Hessen verläuft die stärkste Dialektgrenze Deutschlands“, sagt die Forscherin. Es gibt Nordhessisch, Osthessisch, Zentralhessisch und das unter anderem in Frankfurt gesprochene Rheinfränkisch. In Teilen Nordhessens wird wiederum ganz anders gesprochen. Nämlich Niederdeutsch, auch Plattdeutsch genannt. Statt des hochdeutschen Worts „Wasser“ wird dort zum Beispiel „Water“ gesagt.
Aber sind Dialekte wirklich vom Aussterben bedroht? Aktuelle belastbare Statistiken existierten für Hessen nicht, so Ganswindt. Die letzte Erhebung stamme aus den Achtzigerjahren. Trotzdem ließen sich Trends beobachten. Sie habe eine kleine, nicht repräsentative Pilotstudie im Landkreis Marburg-Biedenkopf vorgenommen. Viele Leute hätten angegeben, die Dialekte gut bis sehr gut zu verstehen. Der Anteil derer, die angegeben hätten, sie gut bis sehr gut zu sprechen, sei aber deutlich geringer.
Die Sorge, die Mundart könnte verschwinden, gebe es schon lange, stellt Ganswindt fest. „Den Topos des Dialektsterbens können wir in der Literatur seit 300 Jahren beobachten.“ Wenn das wirklich so wäre, dürfte die Dialektsprache längst nicht mehr existieren, meint die Wissenschaftlerin. Der Dialekt sterbe nicht aus, sondern er verändere sich laufend. Dabei gelte es auch zu fragen, was überhaupt der „richtige Dialekt“ sei. Wer die Sprechweise der eigenen Großeltern zum Maßstab mache, müsse zwangsläufig einen großen Unterschied feststellen. „Es zeigt, dass der Wandel der Sprache häufig als ein Verlust wahrgenommen wird und nicht als etwas Natürliches.“
Dennoch nehme der Dialektgebrauch ab, so Ganswindt. „Da müssen wir uns nichts vormachen.“ Dies habe auch mit Stigmatisierung zu tun. Durch die Schulen und auch aus Teilen der Wissenschaft sei in den Sechzigerjahren das Bild vermittelt worden: „Wenn aus euren Kindern was werden soll, dann müssen sie den Dialekt ablegen und Hochdeutsch lernen.“ Die Mundart sei Kindern in den Schulen regelrecht ausgetrieben worden. „Durch diese massive Stigmatisierung des Dialekts hat die Weitergabe rapide abgenommen.“ Bis heute halte sich das Vorurteil, Mundart habe etwas mit Bildungsferne zu tun, in manchen Bevölkerungsschichten hartnäckig, sagt Ganswindt.
Dabei hat das Lernen oder Behalten eines Dialekts außer kulturellen und gemeinschaftsstiftenden Effekten laut der Sprachforscherin auch ganz praktischen Nutzen. „Wir konnten feststellen, dass die Neuronendichte bei Dialekt sprechenden Menschen ähnlich ausgeprägt ist wie bei Menschen, die zweisprachig aufwachsen.“ Außerdem zeige eine Studie, dass Kleinkinder, die mit Dialekt und Hochdeutsch aufwüchsen, „mit mehr Neugier auf sprachlichen Input reagieren“.
Noch im Jahr 2026 sollen erste Pilotprojekte beginnen. Wie das Heimatministerium auf Rückfrage mitteilte, ist noch nicht bezifferbar, zu welchem Zeitpunkt wie viel Geld benötigt werde. Bis zum Ende der Legislaturperiode kalkuliere man mit knapp 300.000 Euro.
