Das Gejammer darüber, dass Berlin nicht mehr so aufregend sei wie früher, ist fast genauso alt wie Berlin selbst: In den Zwanzigerjahren trauerte man der Pracht des Kaiserreichs und seiner Salons hinterher, in den Siebzigerjahren den „Roaring Twenties“, in den Neunzigerjahren hieß es, einen David Bowie, einen Martin Kippenberger wie in den Siebzigern gibt’s hier nicht mehr – und jetzt heißt es, die Energie, die Berlin in den Neunzigern zum weltweiten Sehnsuchtsort machte, sei verschwunden.
Jedes Mal ist die Klage Quatsch. Was verschwunden ist, sind allenfalls die günstigen Mieten für Wohnungen und Ateliers, und der Senat tut immer noch zu wenig, um die Kunstwelt, mit der die Imagekampagnen der Hauptstadt gern Werbung machen, in der Stadt zu halten. Die gute Nachricht lautet: Trotz Arbeits- und Wohnbedingungen, die mittlerweile ähnlich miserabel sind wie in New York, hat Berlin immer noch eine spannende, neue Generation von Künstlern, Kuratoren, Galeristen und Sammlern – obwohl die Schließung von Julia Stoscheks Berliner Dependance und der Abzug ihrer auch international bedeutenden Sammlung von Film -und Videoarbeiten (modischer Kunstkauderwelsch-Fachbegriff: „zeitbasierte Kunst“) ein herber Verlust für die Stadt sind.
Mut zu Entdeckungen
Was in Berlins Kunstwelt passiert, kann man auf dem diesjährigen Gallery Weekend sehen, das trotz der globalen Kunstmarktkrise zum 23. Mal stattfindet. Auch in Berlin leiden die Galerien unter der Krise, aber, so erklärt Weekend-Chefin Antonia Ruder, sie treffe vor allem den hochpreisigen Markt, und die mittleren Segmente seien resilienter: „Wir haben hier eben nicht reihenweise Galerienschließungen“, und obwohl der Markt nach „Blue Chips“ sucht, wagten die Berliner Galerien es immer wieder, auch neue und unbekanntere Künstler auszustellen.

Ein schönes Beispiel dafür liefert die Galerie Buchholz: Hier zeigt der 1956 in Japan geborene, in New York lebende Yuji Agematsu eine epische Monumentalarbeit. Jeden Tag geht er mit einer leeren Zigarettenschachtel durch die Straßen der Städte, in denen er sich aufhält, und steckt Heruntergefallenes, herumliegende Dinge hinein: ein paar Gummibärchen, eine Feder, einen Kronkorken, einen Plastikdeckel, ein Stück Ast – alles, was in der Gosse liegt, in vergessene Ecken der Stadt wehte.
Diese poetischen Gewölle, die, aus der Schachtel entnommen, wie aparte kleine Müllskulpturen im Regal landen, sind Dokumente eines Moments, einer Stimmung einer Stadt, die aus Tausenden solcher Einzelheiten besteht: dem Gefühl der Plastikdeckel, der Zellophanhüllen der Zigarettenpakete. Die Kollektion der verwehten Dinge des Schaltjahrs 2024, also 366 Objekte, werden zusammen verkauft und kosten für Berliner Galerienverhältnisse viel, aber immerhin weniger als ein neuer Lamborghini.
Zur Performance in den Bunker
Aber wer sind die Künstler, wegen denen man im Jahr 2050 sagen wird, die Zwanzigerjahre in Berlin waren phantastisch? Zum Beispiel ist in Berlin gerade eine ganz neue Form von Performance-Kunst entstanden. Zu Ihren Vertreterinnen gehört auch Göksu Kunak. Sie wird am 2. Mai in der Galerie Ebensperger im Kreuzberger Fichtebunker eine Performance veranstalten, die sich auf Yves Kleins „Anthropométries“ bezieht, bei der er Abdrücke von blau angemalten nackten Frauen nahm. Bei Kunak werden dagegen ein Bodybuilder und ein Crossfit-Athlet vollständig mit blauem Pigment bestrichen, die dann ihre Bewegungen ins Blech eines Autos einpressen und so Körperkult und Objektfetisch zu einem neuen Bild verarbeiten.

Die Vielfalt der Ausstellungen ist erstaunlich: Es gibt ein reiches Angebot an spannenden neuen Arbeiten von international etablierten Künstlern wie Thomas Demand bei Sprüth Magers, Daniel Buren bei Fischer oder Jorinde Voigt, die bei Judin ihre eigenweltlichen Raumkosmen – diesmal eine Serie abstrakt-surrealer innerer Ozeane – zu einem farbintensiven Gesamtkunstwerk arrangiert. Es gibt bei jungen Galerien interessante Arbeiten: bei Molitor die vielfach abfotografierten, im Internet bearbeiteten und wieder abfotografierten Aufnahmen von Ketuta Alexi-Meskhishvili, die ein magisch wirkendes Eigenleuchten auszeichnet (ab 5000 Euro), bei ART die Aquarelle von Jagoda Bednarsky. Es gibt Wiederentdeckungen wie den großartigen, neunzigjährigen Giorgio Griffa, der vom Informel und der Arte Povera beeinflusst ist und dessen an musikalischen Notationen orientierten Sfumato-Farbfelder und abstrakten Zeichengedichte bei Walter Storms zu besichtigen sind (Großformate ab 44.000 Euro).
Zu den Neuentdeckungen zählen bei Esther Schipper die seltsam verdrehten, an Picassos und Le Corbusiers hyperplastische Figurenbilder erinnernden Gemälde der in Chicago lebenden, 1985 geborenen Celeste Rapone, deren meist weibliches Personal aussieht, als sei ihm bei einem Fernsehabend gerade die Idee zu einer Gruppenwrestling-Session gekommen (ab 30.000 Euro).

Bei Trautwein Herleth wird, wieder einmal, eine der formal interessantesten Künstlerinnen dieses Gallery Weekend gezeigt: Stella Zhong, 1993 in China geboren, hat ein schwarzes ovales Röhrensegment in der Galerie aufgebaut, das schon als Dark-Minimal-Raumobjekt oder als Inversion eines schwarzen Lochs beeindruckend wäre, aber dazu noch zwei winzige Öffnungen hat, durch die man am Ende eines langen schwarzen Tunnels einige winzige Skulpturen sieht, als schaue man in ein kosmologisches Modell, das die unvorstellbaren Entfernungen zwischen verschiedenen Galaxien darstellt.
Bei einer weiteren Arbeit weiß man nicht, ob die kieselförmigen Objekte graue Stoffkissen sind oder Steine. Beides falsch, sie sind aus Holz und malerisch auf eine Weise bearbeitet, die an Robert Rymans „White Paintings“ erinnert: Die Oberfläche der Skulptur ist der Ort, an dem die Geschichte der abstrakten Malerei sich mit einer neuen Idee von Skulptur verbindet. Hebt man einen Teil der Skulptur an, finden sich auch in ihr weitere Werke – eine Explosion oranger Röhrensegmente und Scheiben. Die Riesenformen verbergen ganze Welten aus delikaten, manchmal nur perlengroßen, formal kunstvoll zwischen Schwere und filigraner Leichtkonstruktion ausgependelten Miniaturwerken, die ihr Inneres besiedeln wie Bakterien einen Körper (Kleinskulpturen ab rund 3000 Euro).

Und sonst? Nun ja. Edi Rama, der früher Kunst machte, seit 2013 aber vor allem albanischer Ministerpräsident ist und unter anderem in die Kritik geriet, weil er der Journalistin Ambrozia Meta nach einer kritischen Frage grob ins Gesicht fasste, darf bei Société das zeigen, was er an Zeichnungen neben dem Regieren noch hinbekommt. Wenn die Galerie noch mehr Politikerkunst verkaufen möchte, könnte sie bei George Bush Jr. anfragen, der nach seiner Regierungszeit Porträts zu malen begann; darunter ist auch ein missglücktes Bild von Putin, wo der wie ein Panzerknacker aussieht.
Hallenfüllendes mit Geld von Chanel
Auch einige Museen eröffnen zum Gallery Weekend Ausstellungen. Die umtriebigen Kuratoren des Hamburger Bahnhofs haben viel Geld von Chanel bekommen und zeigen damit eine hallenfüllende Arbeit von Lina Lapelytė, die ein paar singende Performer nicht weniger als 400.000 Holzwürfel zu Landschaften türmen lässt.
Ein bisschen erinnert der Anblick an Berlin kurz nach 1945, wo sogenannte Trümmerfrauen die noch zu gebrauchenden Steine der zerbombten Häuser aussortierten. Die Holzwürfel hier, Chanel oblige, riechen aber nicht nach Krieg, sondern sehr gut nach frischem Holz, und die Kinder können damit spielen (und schauen, ab welcher Stapelhöhe die Museumswächter einschreiten). Und weil „hier kann man schön spielen und es riecht gut“ nicht reicht, um einen Kunstanspruch zu rechtfertigen, reichen die um Worthülsen nie verlegenen Museumsleiter einen kuratorischen Beipackzettel nach; dies hier sei „ein lebendiges Monument für Zeit, Fürsorge und Koexistenz“. Aha.

Ein noch eigenartigeres Monument für Koexistenz hat sich die Neue Nationalgalerie einbestellt, die eigentlich gerade mit ihrer Brancusi-Ausstellung begeistert. Jetzt ist dort auch eine Arbeit zu sehen, die schon auf der jüngsten Art-Basel-Messe in Miami Beach wild diskutiert und tausendfach gepostet wurde. Es sind ein paar Roboterhunde, denen man sehr realistisch aussehende Köpfe berühmter Männer aufgeschraubt hat, zum Beispiel den von Elon Musk oder Mark Zuckerberg, die nun so aussehen, als ob Circe sie zur Strafe für die Trump-Nummer und die von ihnen verursachten Digitalisierungsschäden nicht in Schweine, sondern in Roboter verwandelt hat. Manchmal bleiben diese Silicon-Valley-Wolpertinger sitzen, und dann sieht es so aus, als ob sie einen Haufen machten – aber es kommt hinten nur ein Ausdruck von den Überwachungsbildern heraus, die ihre Kamera vorn von den Besuchern macht.
Warum nervt Beeple so?
Der Erfinder dieser Kreaturen ist der Künstler Beeple, dessen Arbeit „Every-day: the first 5000 Days“ vor fünf Jahren als NFT bei Christie’s versteigert wurde. Der Käufer zahlte damals in der Kryptowährung Ether eine Summe, die in der echten Welt gut 69 Millionen Euro wert wäre. Man kann davon ausgehen, dass Beeples Kopfroboter auch in Berlin zu einem der meistfotografierten Werke werden, weil Menschen nun mal gern Bilder von komischen Tieren herumschicken. Die Dinger hier sehen so aus wie komische Tiere, und die Besucher freuen sich und schütteln den Kopf und posten begeistert, und die ehemalige Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev krabbelt sogar auf allen vieren dazwischen herum. Man könnte die Arbeit mit einem schönen Song der Berliner Band „Die Ärzte“ („Du nervst noch mehr als Yoko Ono“) in den Ohren aber auch für ein Ärgernis halten. Warum nervt Beeple so?
Erstens, weil Roboterhunde mit Überwachungskamera und körperlose Köpfe die langweiligste Metapher für die Folgen der Digitalisierung sind („sie machen uns zu Robotern, die Bilder verdauen“). Zweitens, weil jede Hito-Steyerl-Arbeit klügere Bilder dafür findet und man sie lieber groß in der Nationalgalerie sehen würde als Beeples One-Liner. Und wie gesagt: Es gäbe ja genügend gute neue Kunst in Berlin, die man zeigen könnte.
Gallery Weekend Berlin, bis zum 3. Mai, Ausstellungen darüber hinaus
