
Die Messerattacke auf zwei Juden im Londoner Stadtteil Golders Green hat in Großbritannien einen politischen Alarmzustand hervorgerufen. Seit Monaten schon erzeugten antisemitische Vorfälle, auch judenfeindliche Verbalattacken im Internet, ein steigendes Unbehagen nicht nur in der jüdischen Gemeinschaft, sondern auch bei den Sicherheitsbehörden, die sich mit der Bekämpfung extremistischer Ausschreitungen befassen.
Der aktuelle Fall, bei dem ein in Somalia geborener 45 Jahre alter Brite mit einem Messer bewaffnet am Mittwochvormittag auf offener Straße Jagd auf erkennbar jüdisch gekleidete Männer machte, ist von Premierminister Keir Starmer als ein „Angriff auf ganz Großbritannien“ gewertet worden.
Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft warfen hingegen Politik und Polizei vor, es sei nicht genug unternommen worden, um solche Angriffe zu verhindern. Sie urteilen, die Massenproteste gegen Israel, die seit Beginn des Gazakrieges vor zweieinhalb Jahren in London und anderen britischen Städten organisiert werden, hätten Hassbotschaften kultiviert, die sich als antisemitische Angriffe auch gegen die Juden im Land richteten.
Ein weiterer jüngerer Ursprung liegt offenkundig im amerikanisch-israelischen Angriff auf Iran. Seit März ist vor allem die Zahl von Brandanschlägen auf jüdische Einrichtungen in London markant gestiegen; in vielen Fällen vermuten die Ermittler hier eine verdeckte Steuerung durch iranische Urheber.
Antisemitische Vorfälle seit Oktober 2023 verdoppelt
Die private jüdische Sicherheitsinitiative CST, in der freiwillige Helfer jüdische Schulen und Synagogen schützen, registriert seit Jahrzehnten die antisemitischen Vorfälle in ganz Großbritannien. Sie gibt an, seit Oktober 2023, also seit dem Überfall der Hamas auf den Süden Israels und der anschließenden israelischen Besetzung von Gaza, hätten sich die antisemitischen Ereignisse verdoppelt. Im Jahr 2025 seien rund 3500 Fälle registriert worden. Größtenteils handele es sich um Beleidigungen und verbale Ausfälle, allerdings habe es auch mehr als 200 Sachbeschädigungen und 170 tätliche Angriffe gegeben.
Der Jahresbericht des CST weist auch aus, dass nach schwerwiegenden Angriffen oder Terrorattacken die Zahl antisemitischer Vorfälle sofort stark steigt. Nach der tödlichen Attacke auf die Heaton-Park-Synagoge in Manchester im vergangenen Oktober, bei der zwei jüdische Gottesdienstbesucher getötet wurden, hätten sich die registrierten Fälle von Antisemitismus in der folgenden Woche auf 180 verdreifacht. Unter anderem seien viele Beleidigungen und Herabsetzungen in den sozialen Medien registriert worden.
Am Tatort in Golders Green wurden der Londoner Polizeipräsident Mark Rowley und die Labour-Wahlkreisabgeordnete Sarah Sackman am Mittwochabend mit Buhrufen empfangen. Sackman, die selbst zur jüdischen Gemeinschaft der Gegend gehört, hat im Justizministerium den Posten einer parlamentarischen Staatssekretärin inne.
„Die Bedrohung ist Wirklichkeit“
Sie sagte, der Messerangriff auf zufällig präsente jüdische Passanten zeige, „dass die Bedrohung der jüdischen Bevölkerung in diesem Land eine Wirklichkeit ist“. Zur Wahrheit gehöre aber auch, „dass wir nicht garantieren können, dass jedermann immer sicher ist“.
Der Londoner Oberrabbiner Ephraim Mirvis sagte, die Attacke in Golders Green belege, dass alle, die äußerlich als Juden erkennbar seien, „nicht mehr sicher sind“. Die Identifizierbarkeit betrifft dabei nicht nur Ultraorthodoxe, deren religiöse Orientierung an ihrer Glaubenstracht ablesbar ist, sondern alle, die sich durch das bloße Tragen einer Kippa oder eines Davidsterns zum Judentum bekennen, selbst Kinder, deren Schuluniform mit einem Wappen verziert ist, das ein jüdisches Symbol zeigt.
Schon vor zwei Jahren hatte ein Vorfall nationales Aufsehen erregt, bei dem die Polizei einem Kippa tragenden Juden die Überquerung einer Straße im – überwiegend von Muslimen bewohnten – Stadtteil Tower Hamlets verwehrt hatte, durch die gerade eine Pro-Palästina-Demonstration zog. Die Begründung der Bereitschaftspolizisten lautete damals, dass seine Anwesenheit von den Demonstranten als Provokation empfunden und in einem Gewaltausbruch enden könne, bei dem er selbst in Gefahr gerate. Der Betreffende, der selbst eine Initiative gegen Antisemitismus anführt, warf der Polizei hingegen vor, sie stelle sich auf die Seite rassistischer Gewalttäter.
Muslime setzen Labour unter Druck
Die regierende Labour-Partei gerät durch die aktuellen Terrorakte auch intern unter Druck. In den englischen Großstädten zählen muslimische Minderheiten, die meist ethnische Wurzeln in Pakistan und Bangladesch haben, überwiegend zu ihrer Wählerklientel. Viele Angehörige dieser Minderheitengemeinschaften sind enttäuscht davon, dass Labour das Vorgehen Israels in Gaza nicht schärfer verurteilt und mit Sanktionen belegt.
Zahlreiche muslimische Labour-Kommunalpolitiker haben unterdessen die Partei verlassen und werben als unabhängige Kandidaten bei den bevorstehenden Kommunalwahlen um Stimmen. Labour droht auf diese Weise ein bedeutendes Wählerpotential zu verlieren: Allein die Großstadt Birmingham beherbergt eine pakistanisch-muslimische Minderheit, die größer ist als die gesamte jüdische Bevölkerung des Vereinigten Königreiches, die rund 275.000 Zugehörige zählt.
Die britische Innenministerin Shabana Mahmood, die selbst pakistanische Wurzeln hat und aus Birmingham stammt, beteuerte nach der Attacke in Golders Green, die Regierung werde „jede Sehne anspannen“, um antisemitische Angriffe zu unterbinden. Mahmood sagte am Donnerstag im Sender BBC, man müsse „anerkennen, dass wir ein Problem mit Antisemitismus in diesem Land haben“.
Polizei hat erweiterte Befugnisse
Auf den künftigen Umgang mit Palästina-Demonstrationen angesprochen, sagte die Innenministerin, es seien gerade verschärfende Auflagen für solche Demonstrationen gesetzlich in Kraft getreten. Sie gestand zu, es habe bislang „viel zu viele Fälle gegeben“, bei denen „Hassverbrechen“ in solchen Protestaktionen begangen worden seien. Die Polizei habe jetzt aber erweiterte Befugnisse, um dies zu unterbinden. Sollten weitere Einschränkungen notwendig sein, werde sie nicht zögern, in diesem Sinne zu handeln.
Mahmood gab am Donnerstag zudem an, die Antiterrorermittler prüften noch, ob eine Selbstbezichtigung der Gruppierung Harakat Ashab al-Yamin al-Islamia (HAYI), die mit Iran verbunden ist, stichhaltig sei oder nicht. HAYI hatte sich in den vergangenen Wochen schon als Urheber mehrerer Brandanschläge auf jüdische Einrichtungen bezeichnet. Im gegenwärtigen Fall gibt es jedoch nach Angaben der Innenministerin Mutmaßungen, die Selbstbezichtigung könne „opportunistischen Motiven“ folgen und falsch sein.
Nicht nur die Zäune erhöhen
Die aktuelle Attacke hat auch die Debatte in der jüdischen Gemeinschaft über Auswanderungsoptionen neu belebt. Schon vor einem Jahr gab es Meldungen, die Zahl derer, die Großbritannien in Richtung Israel verlassen, habe sich im Vergleich zu der Zeit vor Oktober 2023 verdoppelt. Allerdings gibt das Institut für jüdische Politikforschung an, die Zahl der Auswanderer, die im vergangenen Jahr auf 740 gestiegen sei, liege statistisch noch immer im Durchschnitt der vergangenen zwei Jahrzehnte.
Der in Golders Green ansässige Rabbi Ben Kurzer sagte nach dem Messerangriff auf den Straßen seiner Gemeinde, natürlich werde nun wieder mehr über Auswanderung geredet. Aber die meisten Mitglieder seiner Gemeinde wollten doch „Juden in Großbritannien bleiben und hier ihr Leben weiterleben“. Kurzer sagte, es sei sicher notwendig, die Sicherheit jüdischer Einrichtungen durch bessere Bewachung und höhere Zäune zu schützen. Aber das führe auch zu einem Leben in eingeschlossenen Zonen. Es müsse darum gehen, die Wurzeln des Hasses zu bekämpfen, der von anderen geschürt werde.
