Die arabische Welt ist dabei, ihre Beziehungen neu zu sortieren. Und auch der syrische Machthaber Ahmed al-Scharaa will die Chance nutzen. Gerade ist er an den Golf gereist, um sich als Partner zu etablieren. Syrien ist strategisch wichtig gelegen, mit Grenzen zur Türkei und Zugang zum Mittelmeer. Scharaa kann den schwerreichen Herrschern am Golf ein Verbündeter gegen Iran sein, dessen Einfluss er aus seinem Land ebenso wie sie fernhalten will. Die Gelegenheit für Damaskus ist günstig.
Vor allem die reichen Ölmonarchien denken um. Im Zuge des Irankrieges, den der amerikanische Präsident Donald Trump und der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gegen ihren Willen entfacht haben, richten sie sich strategisch neu aus. Die Syrer haben auf besonders brutale Weise erlebt, wie es ist, Verlierer regionaler Konflikte und rücksichtsloser Großmachtpolitik zu sein.
Die Golfstaaten sind dabei, eine abgeschwächte Erfahrung dieser Art zu machen. Nur entscheidet sich hier maßgeblich die Zukunft der Region. Die Monarchien gelten als Vorbild. Sie sind zwar autoritär geführt, aber dafür reich und sicher. Sie sind das arabische Modell für einen stabilen und erfolgreichen Staat. Womöglich das einzige.
Das Vertrauen in die USA als Schutzmacht hat gelitten
Doch das Modell Golf ist dieser Tage wie nie herausgefordert. Der iranische Raketenterror hat gezeigt, dass die Golfstaaten nicht immun sind gegen die Konflikte in der Region. Nicht nur die Infrastruktur hat sich als verwundbar herausgestellt, sondern ebenso ihre Handelsrouten.
Das gefährdet sowohl den Wohlstand als auch den Fortschritt – denn die Golfstaaten wollten mit volkswirtschaftlichen Umbauarbeiten unabhängig von den Öl- und Gaseinnahmen werden. Aber auch die Gesellschaftsverträge, nach denen Wohlstand und Sicherheit die Gegenleistung für Gehorsam und Gefolgschaft der Bevölkerung sind, könnten untergraben werden.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Außenpolitische Gewissheiten sind ebenso erschüttert worden. Das Vertrauen in die Vereinigten Staaten als Schutzmacht hat gelitten. Die Erwartungen in die amerikanischen Verhandlungen mit dem iranischen Regime sind gering. Es herrscht Sorge, dass Trump dem iranischen Regime zu viele Zugeständnisse macht, um aus dem Iran-Abenteuer aussteigen zu können. Und dann der Region den Rücken kehrt.
Das iranische Regime und seine israel- und amerikafeindliche Allianz, die sogenannte Achse des Widerstands, sind zwar militärisch massiv geschwächt worden. Die arabischen Staaten müssen sich aber darauf einstellen, es mit einem aggressiveren Iran zu tun zu bekommen. Teheran hat mit der Schließung der Straße von Hormus – neben seinen Drohnen und Raketen – ein effektives Erpressungsinstrument entdeckt. In den Hauptstädten nimmt aber ebenso das Unbehagen gegenüber dem aggressiven und hegemonialen Gebaren Israels zu.
China könnte ein Gewinner sein
So herrscht zunehmender Widerwillen, sich einem amerikanisch-israelischen Lager anzuschließen, sich überhaupt auf einen Partner oder ein Lager zu stützen. Am Golf hat sich das Bestreben verstärkt, die strategischen Beziehungen zu diversifizieren. Die Herrscher suchen nach Möglichkeiten, ihre Unabhängigkeit von Washington zu stärken und ihre eigene strategische Relevanz zu bewahren.
Dazu gehören etwa Projekte, um neue Handelswege und Exportrouten zu etablieren, mit denen sich die Straße von Hormus umgehen lässt. Oder das Bestreben, die Rüstungsproduktion stärker in die eigenen Länder zu verlagern. China könnte ein Gewinner sein, auch wenn es sich nicht als antiiranischer Partner anbietet. Russland hat durch seine Unterstützung des iranischen Regimes viel politisches Kapital verspielt.
Führende Golfstaaten wählen nun einen Weg weg von den Großmächten und verstärken die Kooperation mit regionalen Mittelmächten. Saudi-Arabien etwa arbeitet enger mit Pakistan zusammen. Qatar setzt auf die Türkei als Brücke nach Europa.
Auch wenn es viel zu früh ist, hier von einer Allianz zu sprechen: Immer wieder ist von einer neu entstehenden, sunnitischen Achse die Rede, die von Kairo über Damaskus, Riad und Doha bis nach Ankara reichen könnte. Gemeinsame diplomatische Anstrengungen von Führungen aus dem Kreis dieser Länder werden als Hinweis darauf gesehen. Sie alle sind sowohl skeptisch gegenüber dem Regime in Teheran als auch gegenüber Israel.
Es ist zu hoffen, dass es den Golfstaaten gelingt, den Schaden durch den Irankrieg zu begrenzen. Und dass die arabischen Ängste vor einer langen Phase der Instabilität nicht wahr werden. Denn wenn die Fortschrittsprojekte der Golfstaaten ins Wanken geraten, gerät die gesamte Region in Schwierigkeiten.
