
Nach dem Regierungswechsel in Ungarn mehren sich Hinweise über Vermögenstransfers von Oligarchen aus dem Umfeld des abgewählten nationalkonservativen Ministerpräsidenten Viktor Orbán in Drittstaaten. „Oligarchen aus Orbáns Umfeld transferieren Dutzende Milliarden Forint in die Vereinigten Arabischen Emirate, die Vereinigten Staaten, Uruguay und andere ferne Länder“, verbreitete der künftige konservative Regierungsvorsitzende Péter Magyar am Wochenende in sozialen Netzwerken. Mehrere Oligarchenfamilien hätten schon das Land verlassen, ihre Kinder von der Schule abgemeldet und vertrauenswürdige Sicherheitskräfte für die Abreise organisiert, heißt es.
Magyar, Wahlsieger und designierter Ministerpräsident, hat umfassende Schritte zur Korruptionsbekämpfung und Vermögensrückgewinnung angekündigt und Strafverfolgung bei mutmaßlichen Fluchtbewegungen gefordert. Dies dürfte die wegen Rechtsstaatlichkeitsverletzungen ins Stocken geratenen EU-Geldflüsse kurz- bis mittelfristig entscheidend beeinflussen; sie sind für die Entwicklung des kleinen mitteleuropäischen Landes sehr wichtig. Ungarn wird von der Nichtregierungsorganisation Transparency International seit Jahren als besonders anfällig für Misswirtschaft kritisiert.
Jugendfreund Orbáns steht im Fokus
Unter Druck steht der Unternehmer Lőrinc Mészáros, ein langjähriger Vertrauter Orbáns, dessen Beteiligungskonglomerat Opus Global deutliche Kursverluste verzeichnet. Seit der Wahlniederlage des bisherigen Ministerpräsidenten Mitte April hat der Mischkonzern Opus Global ein Drittel an Wert verloren. Auch das von ihm maßgeblich kontrollierte zweitgrößte Geldhaus des Landes, die MBH Bank, verzeichnet ein Minus des Aktienkurses in zweistelliger Prozenthöhe. Bloomberg berichtet, Mészáros habe Magyar per Brief um genaue Informationen gebeten und darum, „die angespannte Situation zu entschärfen“. Dabei gehe es ihm um die Stellensicherung seiner 60.000 Beschäftigten. Magyar zufolge befindet sich der Magnat bereits in Dubai, das Unternehmen bestätigte das nicht.
Berichte über Schulabmeldungen von Kindern, Abreisevorbereitungen und Sicherheitsvorkehrungen festigen den Eindruck einer konzertierten Vermögensmigration. Investigativportale (Vsquare, 444.hu) und internationale Medien („The Guardian“) berichten seit Tagen über auffällige Privatjetbewegungen von Wien aus sowie über Visa-Anträge für die Vereinigten Staaten. Spekuliert wird über mögliche Anbindungen an die MAGA-Bewegung von Orbáns Freund Donald Trump.
Vom Klempner zum Krösus
Mészáros stieg unter Orbán vom Klempner in die Riege der reichsten Ungarn auf. Er ist der Prototyp des unauffälligen, aber überaus einflussreichen Oligarchen im Umfeld von Orbán. Der gelernte Handwerker aus Felcsút, Orbáns Heimatort, kam binnen weniger Jahre zu sagenhaftem Wohlstand. Magyar thematisierte in den vergangenen Monaten wiederholt dessen Reichtum, auch auf seiner Pressekonferenz nach dem Wahlsieg: „Lorinc Mészarós wurde in zehn Jahren zehnmal reicher als die britische Königsfamilie in 400 Jahren.“
Diese sensationelle Entwicklung begann mit kommunalen Aufträgen und dem Bauwesen. Später weitete der Günstling sein Imperium auf Medien, Energie, Landwirtschaft, Finanzdienstleistungen, Tourismus und Immobilien aus. Prägend war dabei der Zugang zu öffentlichen Ausschreibungen und EU-finanzierten Infrastrukturprojekten, bei denen Mészáros’ Beteiligungen über Jahre hinweg überproportional erfolgreich waren. In Medienkreisen ist sein Name untrennbar mit dem Aufbau eines regierungstreuen Konglomerats verbunden, das viele Zeitungen, Radiosender und Onlineportale vereinte und 2018 weitgehend in die regierungsnahe KESMA-Stiftung eingebracht wurde.
Der Loyalist pflegte stets das Image des politisch zurückhaltenden Unternehmers, der Orbáns Wirtschaftspolitik praktisch umsetzt: Dazu gehörte die Nationalisierung strategischer Sektoren, der Aufbau nationaler Champions und die Verschmelzung von staatlichen Interessen mit privatwirtschaftlichen Strukturen. Befürworter verweisen auf Investitionen in die Provinz und die Sportinfrastruktur, etwa den Puskás-Akadémia-Komplex in Felcsút, sowie auf die Stärkung ungarischer Eigentümerschaft in Schlüsselbranchen. Offiziell gibt es keine direkten Geschäftsverbindungen zu Orbán. Doch hat Mészáros „Gott, Glück und Viktor Orbán“ als Aufstiegsfaktoren genannt.
Schwiegersohn und Aufstieg im Sog von Fidesz
Neben Mészáros ist István Tiborcz eine wichtige Figur – und Orbáns Schwiegersohn. Er hat den Mischkonzern BDPST (Banken, Logistik, Immobilien) aufgebaut. Zwar hat er einen Wohnsitz mit Familie in den Vereinigten Staaten, betreibt aber fortgesetzte Geschäfte in Europa. Tiborcz’ Entwicklung ist eng mit dem Machtgefüge der Fidesz-Ära verbunden. Bekannt wurde er zunächst als Gründer von Elios Innovatív, einem Unternehmen für LED-Straßenbeleuchtung, das viele öffentliche Aufträge erhielt und später in das Visier des EU-Amts für Betrugsbekämpfung OLAF wegen Unregelmäßigkeiten bei EU-finanzierten Projekten geriet. Tiborcz veräußerte seine Anteile an Elios und verlagerte seinen Schwerpunkt auf das Immobilien- und Finanzwesen. Dort wurde er zu einem der sichtbarsten Investoren Budapests: Über die Holding BDPST Group sammelte er Luxushotels, historische Immobilien, Büroprojekte und Beteiligungen, flankiert von Engagements im Energiesektor und im Bereich Finanzdienstleistungen.
Kritiker sehen in Tiborcz einen zentralen Nutznießer staatlicher Vergaben, günstiger Kreditlinien und behördlicher Gunst, die es ermöglichten, wertvolle Liegenschaften und Projekte zu attraktiven Konditionen zu konsolidieren. Befürworter verweisen auf die Revitalisierung denkmalgeschützter Gebäude, die Aufwertung des Budapester Hotelmarkts und auf Investitionen, die Arbeitsplätze schufen und den städtischen Tourismus befeuerten.
Die Kombination aus politischem Machtwechsel, angekündigten Antikorruptionsmaßnahmen und sichtbar reagierenden Märkten markiert einen Wendepunkt im ungarischen Wirtschaftsmodell der vergangenen Jahre. Der Fall Mészáros steht exemplarisch für die Verflechtung von politischer Günstlingswirtschaft und unternehmerischer Expansion.
In dieser Gemengelage wären geordnete Ermittlungen mit bestimmten Vermögenssicherungen in den kommenden Monaten und eine Neubewertung öffentlicher Auftragsketten möglich. Jedoch könnte es auch eine beschleunigte Kapitalflucht, juristische Gegenoffensiven und internationale Schiedsverfahren geben. Dazwischen wären Übereinkommen mit Schlüsselfiguren über gezielte Vermögensrückführungen gegen Rechtsfrieden denkbar.
