
Wenn es um die Lage an der Front geht, hat Wolodymyr Selenskyj oft wenig Positives mitzuteilen. Doch Mitte April war das anders. „Zum ersten Mal haben wir eine feindliche Stellung allein mittels unbemannter Systeme übernommen, mit Bodenrobotern und Flugdrohnen“, erklärte der ukrainische Präsident während einer Ansprache an die Rüstungsindustrie. Die Aktion sei ohne Infanterie und ohne eigene Verluste abgelaufen, während die russischen Soldaten kapituliert hätten.
Den genauen Frontabschnitt verriet Selenskyj aus Sicherheitsgründen nicht. Militärbloggern zufolge lief die Aktion jedoch so ab: Ein Bodenroboter sprengte den Zugang zum Unterstand, ein weiterer blockierte den Ausgang. Danach wurden die gefangen genommenen Soldaten mithilfe von Drohnen abgeführt. Anschließend rückte die ukrainische Infanterie kampflos in das Gelände vor.
Schon seit geraumer Zeit setzt die ukrainische Armee neben Drohnen in der Luft auch zunehmend unbemannte Landfahrzeuge ein – zur Versorgung von Fronteinheiten mit Nahrungsmitteln und Munition, zur Evakuierung von Verwundeten oder in Kampfgebieten verbliebenen Zivilisten, zum Minenräumen sowie als sogenanntes Kamikazefahrzeug mit Sprengladung.
Zahl der Robotereinsätze hat sich verdreifacht
Dem ukrainischen Verteidigungsministerium zufolge hat sich die Zahl der von Landrobotern durchgeführten Einsätze zwischen November 2025 und März 2026 von 2900 auf 9000 mehr als verdreifacht. Inzwischen setzten schon 167 Einheiten der ukrainischen Armee bodengestützte Systeme ein. Im November waren es noch 67. Die Einnahme einer Stellung ausschließlich mittels Technik hebt den Krieg nun abermals auf eine neue technologische Stufe oder wie Selenskyj sich vor den Rüstungsunternehmern ausdrückte: „Die Zukunft ist da.“
Dieser Erfolg kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lage an der Front weiter kompliziert, allerdings auch nicht desaströs ist. „Während im Jahr 2025 das Risiko eines Frontkollapses für die Ukraine real war, bleibt die Lage im Jahr 2026 zwar weiterhin schwierig, ist jedoch in stärkerem Maße kontrollierbar“, sagt Dmytro Kornjijenko, Gründer der unabhängigen Analyseplattform Resurgam, der F.A.Z.
Und das liegt auch an der von Selenskyj beschriebenen Entwicklung. Die Strategie, „vermehrt luft- und bodengestützte unbemannte Systeme“, also Drohnen und Roboter, einzusetzen, zeige positive Ergebnisse. Denn sie ermögliche es, die nach wie vor großen Personalprobleme der Streitkräfte „in größerem Maße zu kompensieren“.
Dies mache sich an mehreren Punkten bemerkbar. So hätten die ukrainischen Streitkräfte im vergangenen Jahr die sogenannte Todeszone auf bis zu 20 Kilometer ausgeweitet. Das hat die russische Armee zwar ebenso, doch gelang es den Ukrainern, mit Technik in dieser Zone zu operieren. In der durch Drohnen und Bodenroboter überwachten „Todeszone“ wird alles getötet, was sich bewegt. Soldaten sind gezwungen, überwiegend in Unterständen auszuharren, ohne nennenswerte Geländegewinne zu erzielen.
Kornjijenko sagt, inzwischen ermögliche der konzentrierte Einsatz unbemannter Technik jedoch auch die massenhafte Zerstörung frontnaher Flugabwehrsysteme, Munitionslager und Sammelorte der russischen Armee. Beides zusammen verhindere russische Offensiven, und sollten diese doch stattfinden, seien allenfalls geringe Geländegewinne möglich.
Man muss die russischen Verluste hochtreiben
„Ziel dieser Maßnahmen ist es, Russland zu zwingen, für jeden Meter Vormarsch möglichst viele Soldaten zu verlieren, während zugleich die Beteiligung der ukrainischen Infanterie an der Abwehr minimiert wird“, sagt Kornjijenko. Im Ergebnis sei die vom Kreml ausgerufene „Frühjahrsoffensive“ gescheitert. „Die russische Führung verschiebt bereits zum dritten Mal in diesem Jahr Pläne, die vollständige Besetzung des Donbass zu erreichen.“ Zudem seien die Verluste der russischen Armee inzwischen größer als der Nachschub an neuen Soldaten, die sich auf Vertragsbasis rekrutieren lassen. Eine Mobilmachung aber scheute Moskau angesichts der massiven Proteste, die bereits eine „Teilmobilmachung“ 2022 ausgelöst hatte.
Schätzungen zufolge verliert Russland an der ukrainischen Front zurzeit rund tausend Soldaten täglich durch Tod oder Verwundung. Größere Geländegewinne aber gelangen Moskau seit Jahresanfang kaum noch. Dem unabhängigen amerikanischen Institute for the Study of War (ISW) zufolge rückte Russland vor allem im Donbass bis zum 21. April um 381,5 Quadratkilometer vor und eroberte 13 Ortschaften. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres hatte Moskau mit rund tausend Quadratkilometern fast drei Mal so viel erobert. Zudem gelang es der Ukraine im Februar laut ISW, 257 Quadratkilometer Land zurückzuerobern, wobei der ukrainische Generalstab sogar von 480 Quadratkilometern bis Ende März spricht.
Der Fokus liegt auf dem Donbass
Die russischen Vormarschversuche an der mehr als tausend Kilometer langen Front konzentrieren sich nach wie vor auf den Donbass und dort auf die Abschnitte Pokrowsk/Myrnohrad und Kostjantyniwka sowie im Raum Lyman-Siwersk, mit dem Ziel, auf den sogenannten Festungsgürtel im Gebiet Slowjansk-Kramatorsk vorzurücken. Russland versucht, diese Gebiete einzunehmen, um dann weiter in die strategisch wichtige Stadt Kramatorsk vorrücken zu können. Im Süden, wo der Ukraine Anfang des Jahres Rückeroberungen bei Huljajpole gelangen, versuchen russische Truppen, das Örtchen Orichiw einzukesseln, um von dort weiter auf die Gebietshauptstadt Saporischschja vorzurücken.
Zudem sei die Lage im russisch-ukrainischen Grenzgebiet schwierig, berichtet Dmytro Kornjijenko. So versuche Moskau, in die im ukrainischen Nordosten gelegenen Regionen Sumy und Tschernihiw einzudringen, oder simuliere solche Vorhaben, um die ohnehin knappen ukrainischen Kräfte an der Front auszudünnen. Mutmaßlich dem gleichen Ziel dienen Verlautbarungen des belarussischen Machthabers Alexandr Lukaschenko, wonach er die militärische Infrastruktur ausbauen und Reservisten einberufen will. Da Russland im Februar 2022 die Ukraine auch von Belarus aus überfiel, würden solche Äußerungen ernst genommen und dadurch weitere Kräfte Kiews gebunden.
„Einerseits gibt es viele schwierige Abschnitte, andererseits gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass der Kreml einen operativen Durchbruch erzielen kann“, resümiert Kornjijenko. Wenn überhaupt, gebe es nur äußerst langsame russische Vorstöße die mit enormen Verlusten einhergingen. Doch auch die Lage der ukrainischen Armee bleibe wegen des permanenten Personalmangels schwierig. Dass dieser Nachteil durch Technik wettgemacht werden kann, habe die Ukraine gezeigt.
Jetzt komme es darauf an, Russland keine Zeit zu geben, sich daran anzupassen. Das heiße, die Ukraine müsse zügig ausreichende Mengen an Drohnen und Bodenrobotern herstellen. Deshalb sei die Verzögerung des 90-Milliarden-Euro-Kredits der EU durch Ungarn für Kiew hoch problematisch gewesen. „Zeit ist der entscheidende Faktor“, so Kornjijenko. Je schneller die Ukraine große Mengen herstellen könne, umso schwieriger sei es für Russland, sich an eine solche Strategie anzupassen.
