Die Wirklichkeit war dem Bild ein Stückchen voraus: „Assistant Coach“ stand unter dem Foto von Markus Steuerwald auf der Videowand, als die Mannschaften vorgestellt wurden vor dem entscheidenden dritten Spiel um den Einzug ins deutsche Volleyballfinale. Assistent aber war Steuerwald nur bis zum Donnerstag gewesen.
Am Sonntag stand er als Chef der Berlin Volleys an der Linie, nachdem Alexandre Leal aus „dringenden familiären Gründen“, wie es hieß, zurückgetreten und in seine brasilianische Heimat zurückgekehrt war. Drei Tage vor einem solchen „Do or die“-Spiel, wie es allenthalben angekündigt wurde, war das ein ungewöhnlicher Vorgang. Von dem sich die Volleys aber nicht bremsen ließen.
Im Eiltempo nahmen sie mit einem 3:0 gegen Friedrichshafen (25:20, 25:20, 25:18) Kurs auf die Finalserie, die den Blick auf eine schöne neue Volleyballrivalität eröffnet: Berlin gegen Lüneburg, das ist zwar noch lange nicht der „Klassiker“ dieses Sports, hat aber in der Gegenwart das ewige Duell der Volleys mit Friedrichshafen abgelöst.
Am Ende zählte vielleicht einfach die Schlagzeile
Zu sehen war dabei auch ein Steuerwald, der bei seiner Premiere als Chef die Ruhe selbst zu sein schien. „Ich mag es, wenn man gut vorbereitet ist“, sagte er trocken, und über sein Team: „Wenn sie so spielen, so viel miteinander reden, wenn alles so klar ist, dann ist das Trainerleben ein einfaches.“
Ganz so einfach war es freilich nicht, schon gar nicht über die ganze Saison betrachtet. Die hatte mit der Ansage aus Berlin begonnen, die aufstrebenden Lüneburger mit dem klaren Finalsieg im Vorjahr wieder „auf den Topf gesetzt“ zu haben. So hatte das Kaweh Niroomand formuliert, der Macher des Meisters der vergangenen neun Spielzeiten.
Einerseits war es ihm ja ganz recht, dass sich die deutsche Spitze mit Lüneburg um einen Player erweitert hatte, immer nur Berlin gegen Friedrichshafen – seit 1998 hat es keinen anderen Meister gegeben – ist ja auch etwas eintönig, andererseits waren ihm die Niedersachsen im Zuge der Duelle in Liga und Champions League ein bisschen forsch aufgetreten. Am Ende zählte vielleicht einfach auch die Schlagzeile.
Dann jedenfalls kochte erst mal in Berlin etwas über: Nach mäßigem Saisonstart musste der erste Trainer gehen, Joel Banks, dessen Assistent Leal übernahm. Mit ihm stabilisierten sich die Volleys und liefen in der Hauptrunde als Zweite ein, punktgleich mit Lüneburg. International schied man aber sowohl aus der Champions League als auch aus dem CEV Cup schmucklos aus, im Pokal war Friedrichshafen Endstation, die Meisterschaft somit die letzte Titelchance. Ein verpasstes Finale, sagte Niroomand, wäre eine „kleine oder mittelgroße Katastrophe“ gewesen.

In dieser doppelten Do-or-die-Situation hatte Steuerwald offenkundig an den richtigen Schrauben gedreht. Mit geradezu perfekter Annahme machten seine Spieler die Friedrichshafener Stärke beim Aufschlag zunichte, und weil auch sonst fast alles leicht von der Hand zu gehen schien, kam die vielleicht beste Saisonleistung heraus.
„Seine Ruhe und Klarheit hat sich ein bisschen auf die Mannschaft übertragen“, sagte Ruben Schott. Auch der Kapitän war der Mannschaft mit schwankenden Leistungen nicht der Halt gewesen, den sie gebraucht hätte – und schien das Titelziel zwischenzeitlich aus den Augen verloren zu haben. „Es gibt schon Momente, in denen man den Kopf ein bisschen fallen lässt“, sagte er, auch wegen der Unzufriedenheit mit sich selbst. „Ich glaube, ich war nicht der Einzige, dem das so ging.“
Steht ein Machtwechsel unmittelbar bevor?
Für die Finalduelle im Best-of-Five-Modus, die am Mittwoch in Lüneburg beginnen, sieht er den Herausforderer leicht im Vorteil. Den Pokal hat Lüneburg schon gewonnen, im CEV Cup stand das Team von Trainer Stefan Hübner ebenfalls in den Finals, unterlag aber gegen Piacenza. Steht ein Machtwechsel unmittelbar bevor? Auch Steuerwald, der zur neuen Saison Chef in Giesen wird, wies darauf hin, dass Lüneburg konstanter sei. „Aber was wir haben, ist die Erfahrung, wie man Meisterschaften gewinnt.“
Wie es auch kommt – eine umfassende Analyse, wie Souveränität und Dominanz verloren gingen, steht auf der Berliner Agenda. Manager Niroomand sucht dabei auch bei sich selbst Verantwortung. Er habe „zu drei Vierteln anderes im Kopf gehabt“, weshalb die Nähe zu den Spielern gelitten habe und damit deren emotionale Bindung an den Verein.
Niroomand ist zugleich Olympiabeauftragter des Senats und als solcher unentwegt unterwegs, auch gegen Widerstände. Am Sonntag war in der Schmeling-Halle die bunte Kampagne auf den Banden sichtbar. „Olympia ist ein Berliner“, stand da etwa. Ein Bild, das der Wirklichkeit voraus war, bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Ob zumindest Volleyball ein Berliner bleibt, ist vorher noch zu klären.
