Nach dem Angriff im Hilton-Hotel in Washington steht wieder einmal die Frage nach dem Motiv des Täters im Mittelpunkt der Ermittlungen – und auch des öffentlichen Interesses. Etliche weitere Fälle politischer Gewalt in den vergangenen Jahre zeigen: Die immer größere Polarisierung der amerikanischen Gesellschaft befeuert die Taten. Die Täter politisch zu verorten, ist meist schwierig.
September 2025: Tod eines „Märtyrers“
Nur wenige Stunden nachdem Charlie Kirk an seinen Schussverletzungen gestorben war, erklärte die MAGA-Welt ihn zum „Märtyrer“ der Bewegung. Der 31 Jahre alte rechtskonservative und evangelikale Podcaster galt als Trumps Sprachrohr für die Jugend. Einen Tag später gab Gouverneur Spencer Cox bei einer Pressekonferenz die Festnahme eines Tatverdächtigen bekannt: „Wir haben ihn.“

Laut den Ermittlungen hatte der 22 Jahre alte Tyler Robinson auf Kirk geschossen, als dieser am 10. September 2025 als Gastredner auf dem Campus der Universität Utah Valley auftrat. Robinson ist in einer republikanischen und mormonisch geprägten Familie aufgewachsen. Nach Aussagen seiner Mutter soll er sich aber zunehmend von den konservativen Ansichten seiner Familie entfernt haben. Er habe begonnen, sich für die Rechte von Homosexuellen und Transgender-Personen einzusetzen. Auch soll er in einer Liebesbeziehung mit seiner transsexuellen Mitbewohnerin gewesen sein, der er in Textnachrichten geschrieben haben soll, dass er genug von Kirks Hass habe.
Für die Trump-Regierung war damit klar: Bei dem Täter muss es sich um einen Linken mit Hass auf Rechte und Konservative handeln. Beleg dafür sollten auch die am Tatort gefundenen Patronen sein, in die er Sprüche wie „Hey Faschist, fang!“ oder „Bella ciao!“ geritzt hatte. Fachleute deuten diese Botschaften eher als Zeichen für Robinsons tiefe Verankerung in Onlinesubkulturen, die auch von den Ermittlungen bestätigt wurde. So hatte er Anspielungen auf unterschiedliche Bewegungen gemacht, wie die Groyper-Szene, die dem rechtsradikalen Holocaustleugner Nick Fuentes anhängt. Seit Dezember steht Robinson vor Gericht, hat sich bisher aber nicht zu seinem Motiv geäußert.
Juni 2025: Angriff eines falschen Polizisten
In der Nacht auf den 14. Juni 2025 klingelte ein Mann in Polizeiuniform an einer Haustür in Champlin. Er trug eine Silikonmaske über dem Kopf. Wenig später fielen Schüsse. Der demokratische Senator des Bundesstaats Minnesota, John Hoffman, und seine Frau Yvette wurden schwer verletzt. Zwei Stunden später schoss der Täter auch auf die ehemalige Sprecherin des Repräsentantenhauses von Minnesota, die Demokratin Melissa Hortman, und ihren Mann Mark. Die beiden starben wenig später.

Am nächsten Tag wurde der 57 Jahre alte Vance Luther Boelter festgenommen. In seinem Auto fanden die Ermittler neben Munition auch eine Liste mit rund 50 Politikern und Befürwortern des Rechts auf Abtreibung; außerdem Flugblätter mit der Aufschrift „No Kings“, dem Titel von Anti-Trump-Demonstrationen.
Boelter, der in einem kleinen Ort in Minnesota lebte, soll keiner politischen Partei angehört haben. Im Jahr 2022 war er als Wähler der Republikaner registriert. Laut CNN war Boelter als Abtreibungsgegner bekannt und hatte Verbindungen zu evangelikalen Gemeinden. Zugleich hatte er offenbar Verbindungen in die „Prepper“-Szene. Seine Ehefrau sagte aus, dass sie und ihr Mann sich „auf schwerwiegende oder katastrophale Ereignisse vorbereitet“ hätten. Nach den Morden habe er sie per SMS gewarnt, sie solle sich „auf einen Krieg vorbereiten, das Haus verlassen und damit rechnen, dass bewaffnete Personen vor dem Haus auftauchen könnten“. Seit Juni steht Boelter vor Gericht.
April 2025: Brandanschlag auf einen Gouverneur
Josh Shapiro und seine Familie schliefen, als die Residenz des demokratischen Gouverneurs von Pennsylvania in der Nacht des 13. Aprils 2025 zu brennen begann. Ein Unbekannter war in das Haus eingedrungen und hatte mehrere Brände gelegt. Die Familie konnte knapp entkommen. Am nächsten Tag stellte sich der 38 Jahre alte ehemalige Mechaniker Cody Allen Balmer der Polizei. Er sagte aus, „Hass auf Shapiro zu hegen“.

Shapiro und seine Familie hatten in dem Haus wenige Stunden vor dem Brand ein Sedermahl abgehalten, um das jüdische Pessachfest zu feiern. Daher kam schnell die Frage auf, ob die Tat antisemitisch motiviert war. In einem Brief aus dem Gefängnis soll Balmer das verneint haben. Der Glaube des Gouverneurs habe keine Rolle gespielt, stattdessen habe er dessen Haltung zum Nahostkonflikt abgelehnt. Gegenüber Ermittlern sagte Balmer aus, er sei besorgt über die mögliche Zahl der Todesopfer im Gazakrieg.
Die Mutter des Täters sagte, ihr Sohn habe eine diagnostizierte bipolare Störung sowie Schizophrenie, habe aber aufgehört, seine Medikamente zu nehmen. Laut seiner Familie war Balmer politisch interessiert, habe sich aber als unabhängig bezeichnet. Vor der Präsidentschaftswahl 2024 habe er versucht, seine Familie davon zu überzeugen, Trump ihre Stimme zu geben. Vor Gericht verweigerte Balmer zwar die Aussage, gestand über seinen Verteidiger aber die Tat. Er wurde zu 25 bis 50 Jahren Haft verurteilt.
Juli 2024: Schüsse in Butler
Es war ein Bild, das um die Welt ging: Donald Trump, Präsidentschaftskandidat der Republikaner, umringt von Beamten des Secret Service, das Gesicht blutverschmiert, eine Faust nach oben gereckt. „Fight! Fight! Fight!“, rief er. Der Attentäter Thomas Matthew Crooks, dessen Kugel Trump am Ohr verletzt hatte, war da schon tot. Er lag auf dem Dach eines Lagerhauses, etwa 150 Meter entfernt von der Bühne bei Butler, Pennsylvania, wo Trump im Juli 2024 einen Wahlkampfauftritt hatte. 16 Sekunden nach seinem ersten Schuss wurde Crooks selbst von einem Scharfschützen getötet.

Dass der Attentäter mit seinem Gewehr so nah an Trump herankommen konnte, offenbarte nicht nur gravierende Fehler des Secret Service. Es führte auch dazu, dass bis heute Verschwörungstheorien über das Attentat wuchern. Zumal das Motiv nie wirklich aufgeklärt werden konnte.
Als er auf Trump schoss, war Crooks 20 Jahre alt. Er hatte die Highschool mit hervorragenden Noten abgeschlossen, wollte ein Technikstudium aufnehmen, galt als zurückhaltend. In einem Schulaufsatz beklagte er die „spaltenden und aufwieglerischen Wahlkampagnen, die das Land auseinanderreißen“. Wie die „New York Times“ nachzeichnete, hatte er aber zunehmend psychische Probleme.
Sein Vater erzählte den Ermittlern, dass sein Sohn Selbstgespräche geführt und nachts im Schlafzimmer herumgetanzt habe. In den Wochen vor dem Attentat informierte er sich über Joe Biden und Donald Trump. Er hortete Sprengstoff, trainierte auf dem Schießstand. Und kaufte seinem Vater das Gewehr ab, mit dem er dann auf Trump schoss.
September 2024: Ein Bewaffneter an Trumps Golfplatz
Nur zwei Monate nach dem Attentat von Butler spielte Trump Golf, als seine Personenschützer im Gebüsch neben dem Golfplatz in West Palm Beach einen bewaffneten Mann entdeckten. Sie schossen sofort auf ihn. Der Mann floh, konnte aber wenig später festgenommen werden. In seinem Auto lagen 17 Handys und ein Karabiner mit Zielfernrohr.

Im Februar wurde Ryan Routh wegen versuchten Mordes zu einer lebenslangen Gefängnisstrafe verurteilt. Routh hatte den Großteil seines Lebens in Greensboro, North Carolina, verbracht. Er ist Vater dreier Kinder, hatte als Dachdecker und Bauarbeiter gearbeitet. Er hatte etliche Vorstrafen, unter anderem weil er sich mit einer vollautomatischen Waffe in einem Gebäude in Greensboro verschanzt hatte. Beiträge in sozialen Medien deuteten darauf hin, dass er 2016 ein Trump-Anhänger war, sich aber bis 2020 gegen ihn gewandt hatte.
Er beschimpfte den Republikaner als „Pavian“. Routh veröffentlichte eine fast 300 Seiten dicke Schrift mit dem Titel „Ukraine’s Unwinnable War“, eine wirre Sammlung von Texten und blutigen Bildern aus Kriegsgebieten. Fast wahnhaft schien er für die Ukraine kämpfen „und sterben“ zu wollen, wie er schrieb, und reiste sogar nach Kiew. Wenige Tage nach seiner Festnahme erhielten die Ermittler einen Brief, den Routh schon Monate vor der Tat geschrieben hatte. Er begann mit den Worten: „Liebe Welt, das war ein Mordversuch an Donald Trump, aber es tut mir so leid, dass ich euch im Stich gelassen habe.“
Oktober 2022: Hammerangriff auf Paul Pelosi
Als David DePape wenige Tage vor den Kongresswahlen im Oktober 2022 in ein Wohnhaus in San Francisco einbrach, hatte er einen Hammer, Kabelbinder und ein Seil dabei. Damit wollte DePape, das sagte er später der Polizei, die demokratische Sprecherin des Repräsentantenhauses Nancy Pelosi in seine Gewalt bringen.

Er wollte ihr die Kniescheiben brechen, da er sie als „Anführerin eines Rudels von Lügnern“ in der demokratischen Partei betrachtete. Er wollte Pelosi im Rollstuhl in den Kongress rollen sehen, sagte er aus, um den anderen Abgeordneten eine Lektion zu erteilen. Nancy Pelosi war nicht zu Hause. Als ihr Ehemann Paul Pelosi den Eindringling stellte, verletzte DePape den 82-Jährigen mit dem Hammer schwer.
Vor Gericht gestand DePape die Tat. Er beschrieb einen bizarren Plan, in dem er ein Einhornkostüm tragen wollte, während er Nancy Pelosi vor laufender Kamera verhörte. Er habe weitere „Ziele“ gehabt, die er in Pelosis Haus locken wollte, darunter den Senator Bernie Sanders, den Investor George Soros und Präsident Joe Biden. Das Geständnis unterstrich, was auch die Ermittlungen zuvor schon ergeben hatten: War DePape früher vor allem als aggressiver Anhänger eines radikalen Nudismus aufgefallen, verstrickte er sich in den Jahren vor der Tat immer tiefer in einer wirren Verschwörungswelt.
Er folgte rechten und verschwörungsideologischen Podcastern und verbreitete die typischen QAnon-Erzählungen einer pädophilen Elite. Er äußerte sich antisemitisch und drohte Kritikern von Trumps falscher Behauptung, dass die Wahl 2020 gefälscht worden sei, mit der Erschießung. DePape wurde zu lebenslanger Haft verurteilt.
