
Die Macht amerikanischer Stimmrechtsberater wie zum Beispiel Institutional Shareholder Services (ISS) schwindet. ISS, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Börse, oder Glass Lewis haben über viele Jahre hinweg Hauptversammlungen rund um den Erdball dominiert, weil ihren Empfehlungen viele Fondsgesellschaften gefolgt sind. Das lag daran, dass vor allem kleinere Vermögensverwalter mit der Vorbereitung auf alle Aktionärstreffen überfordert waren. Doch nun wendet sich das Blatt.
Der entscheidende Impuls kam im Dezember 2025 vom US-Präsidenten Donald Trump, der per Dekret eine Überprüfung der Stimmrechtsberater angeordnet hat. Er wirft ISS und Glass Lewis vor, radikale, politisch motivierte Themen voranzutreiben. Unternehmen zu einem nachhaltigen Kurs und zu mehr Diversität zu verpflichten, ist ihm ein Dorn im Auge. Wie der Klimawandel zu bekämpfen ist und ob mehr Frauen in die Führungsetagen müssen, darüber lässt sich schließlich streiten.
Prominente Kritiker: Trump und Dimon
Für einen nachhaltigen Kurs sprechen aber auch ökonomische Gründe, weil Unternehmen resilienter werden, wenn sie zum Beispiel auf weniger Rohstoffimporte angewiesen sind. Unternehmen mit vielen weiblichen Führungskräften sind nach einer Studie der Unternehmensberater von McKinsey innovativer und erfolgreicher. Doch ob man Trumps Kritik teilt oder nicht – es gibt gute Gründe, die Macht der Stimmrechtsberater zu hinterfragen, weil sie Entscheidungen der Unternehmen nicht unbedingt im Sinne aller Aktionäre beeinflussen.
Zu ihren prominentesten Kritikern zählt Jamie Dimon, Vorstandschef der amerikanischen Großbank J.P. Morgan und kein Trump-Freund. Er hält ISS und Glass Lewis für schlichtweg inkompetent. Die Vermögensverwalter von J.P. Morgan werden in Zukunft keine Stimmrechtsberater mehr nutzen, sondern setzen stattdessen auf eine eigene, auf Basis Künstlicher Intelligenz (KI) entwickelte Lösung. In der Tat stellt die KI-Technologie eine Bedrohung für die Macht von ISS und Glass Lewis dar: Sie ermöglicht kleinen Fondsgesellschaften die schnelle Auswertung relevanter Daten aus Hauptversammlungen und den Abgleich mit den eigenen Prinzipien für eine gute Unternehmensführung.
Unmut in deutschen Unternehmen
Auch in Deutschland üben die Stimmrechtsberater ihren Einfluss aus. Siemens musste in diesem Jahr seine Hauptversammlung wieder in Präsenz veranstalten, auch deshalb, weil ISS keinen Blankoscheck für das virtuelle Format ausstellen wollte. Ein weiteres Beispiel ist die Munich Re: ISS lehnt beim Rückversicherer die Wahl von früheren Vorstandsmitgliedern in den Aufsichtsrat ab, weil sie nicht unabhängig seien. Das bekam der Aufsichtsratsvorsitzende Nikolaus von Bomhard in seiner Wiederwahl 2024 zu spüren. Er erhielt nur 70 Prozent der Stimmen, nachdem ISS empfohlen hatte, gegen ihn zu votieren. Dabei spielte seine Leistung als oberster Kontrolleur keine Rolle. ISS geht es um das Prinzip.
Das sorgt für Unmut. An diesem Mittwoch wird daher auch von Bomhard auf der Hauptversammlung die Rolle der Stimmrechtsberater angreifen: „Eine derart kategorische Haltung, die weit über die aktienrechtlichen Vorgaben hinausgeht, sehe ich kritisch“, steht in seiner vorab veröffentlichten Hauptversammlungsrede. Er will den Weg für Joachim Wenning als seinen Nachfolger ebnen. Wenning hat zum Jahreswechsel das Vorstandszepter an Christoph Jurecka übergeben und hätte zur Hauptversammlung 2028 die vom deutschen Aktienrecht vorgeschriebene Abkühlungsperiode von zwei Jahren hinter sich gebracht. Dann endet die Amtszeit von Bomhards.
Frühere Vorstandsmitglieder im Aufsichtsrat bringen seiner Ansicht nach wertvolles Wissen in die Kontrolltätigkeit. Das ist im Sinne der Aktionäre, vor allem bei einem so spezialisierten Unternehmen wie der Munich Re. Ob zwei Jahre Abkühlungsperiode reichen, um Abstand zum operativen Geschäft zu gewinnen, über diese Meinung von Bomhards lässt sich diskutieren. Fraglich ist auch, ob frühere Vorstandschefs das Kontrollgremium leiten müssen. Ihr Wissen können sie auch als einfache Aufsichtsräte einbringen. Doch dürfen die Stimmrechtsberater ehemalige Vorstände für den Aufsichtsrat nicht kategorisch ablehnen.
Investoren, die bislang deren Empfehlungen blind gefolgt sind, müssen lernen, sich eine eigene Meinung zu bilden. Mithilfe der KI lässt sich die Informationsflut bewältigen. Nicht vergessen werden darf, dass ISS ebenfalls einem Interessenkonflikt unterliegt. Eine Einheit berät Unternehmen in guter Unternehmensführung. Das wirft die Frage auf, wie dann die Empfehlungen der Kollegen zu den Hauptversammlungen ausfallen.
