Die Macher von Wein lassen sich in drei große Herstellertypen untergliedern: Kellereien für die Massenware, Genossenschaften als Zusammenschlüsse zahlreicher Weinbauern sowie Weingüter. Die haben den besten Ruf und sind meist als Familienbetriebe organisiert, die ohne feste Arbeitszeiten immer alles geben, damit sie davon leben können. Nur wenige Weingüter haben hierzulande eine andere Eigentümerschaft, bei der Gebäude und Weinberge nicht der Familie gehören und jemand anderes als Vater oder Tochter im Keller für die Weine verantwortlich zeichnet. Und manche davon sind wirklich ungewöhnlich. Wir stellen einige vor.
Bundesgartenschau-Riesling
Verwundert rieb man sich beim „Winter Wein Date“ am Mittelrhein die Augen. Bei der Verkostung in Schloss Arenfels in Bad Hönningen prangten auf den meisten Etiketten und an den meisten Ständen die Namen der Familienweingüter des kleinen Anbaugebietes. Bis auf einen: BUGA 29 lautete die Aufschrift dort. Was macht die Bundesgartenschau 2029, die im Oberen Mittelrheintal abgehalten wird, bei einer Weinpräsentation?
Die Bundesgartenschau Oberes Mittelrheintal 2029 gGmbH hat ein Stück des Weinbergs Schloss Fürstenberg gepachtet, der sich in einem kleinen Seitental des Rheins befindet. Die Mitarbeiter werden gelegentlich in den Weinberg gesendet, um die Reben zu pflegen und nebenher den Gemeinschaftsgeist zu fördern. Auch bei der Kellerarbeit hat man Einzelne von ihnen schon gesichtet. Der Ausrichter der Gartenschau meint die Sache offenkundig ernst. Schließlich hat man nicht hektisch vor der Schau ein paar Reben in Blumenerde gesteckt und aus den Früchten Showkelterei betrieben, sondern sich für eine mittelrhein-typische Schiefersteillage entschieden und bereits 2021 mit dem ersten Jahrgang begonnen.
Warum aber keltert eine Bundesgartenschau überhaupt Wein? Laut Kommunikationsabteilung soll eine Verbindung geschaffen werden zwischen der Gartenschau und der „jahrhundertealten Weintradition“ des Mittelrheintals. Außerdem biete ein „speziell kreierter BUGA-Wein eine Möglichkeit zur emotionalen Markenbindung“. Eine gute Idee für ein Souvenir jenseits von Magneten und Postkarten jedenfalls. Aber probieren kann man den Wein auch jetzt schon.

Gekeltert wird dieser natürlich nicht in der BUGA-Geschäftsstelle, sondern im Weingut Ratzenberger, von dem man auch die Parzelle gepachtet hat. Da eine Präsentation außer beim „Wein Date“ nicht geplant ist, läuft der Riesling sicher unter dem Radar der meisten Menschen. Dabei stammt er nicht nur aus guter Lage, sondern durfte sogar schon ein paar Jahre reifen. Einer der Weine ist der 2021er Schloss Fürstenberger. Er duftet nach Aprikose, rotbackigem Pfirsich, Honigmelone und leicht vegetabil, geschwenkt auch nach Grapefruit und Rauch. Nimmt man einen Schluck, empfängt einen sogleich eine zupackende, aber reife Säure. Aromen von Grapefruit, Mirabelle, Limette, sanfte Textur. Saftig, präzise, mittellanges Finale. Klasse Wein.
Wein aus Forschungsanbau
Wie entstehen eigentlich neue Reben? Und wer bewahrt alte Rebsorten, die niemand mehr anbaut, die aber vor dem Aussterben bewahrt werden sollen? Um beides kümmert sich das Institut für Rebenzüchtung am Geilweilerhof in der Pfalz. Die Einrichtung gehört zum Julius-Kühn-Institut, einer Forschungseinrichtung des Bundes. Und in diesem Institut wird auch Wein gekeltert. Nicht etwa als Hobby der Mitarbeiter, sondern als Teil des Auftrags. Eine neue Rebsorte zu entwickeln, ist nicht nur ein sehr zeitaufwendiges Unterfangen, mit dem sich der Geilweilerhof seit hundert Jahren beschäftigt: Von der Kreuzung bis zur Zulassung einer neuen Sorte vergeht gut und gerne ein Vierteljahrhundert. Doch bei der Rebenzüchtung müssen neben Eigenschaften wie Widerstandsfähigkeit gegen Pilze oder Trockenstress natürlich auch die organoleptischen Eigenschaften des Endprodukts stimmen, mit anderen Worten: Der Wein muss schmecken. Daher muss man die Trauben auch keltern und das Ergebnis aus verschiedenen Jahrgängen probieren.
Außerdem werden Tausende teils historische Rebsorten vorgehalten. Und zwar nicht nur in einer Gendatenbank, sondern auch ganz lebendig im Weingarten. Das ist nicht nur ein Gebot der Biodiversität und des kulturellen Gedächtnisses, sondern manche Sorten bekommen unter den veränderten klimatischen Bedingungen auch eine zweite Chance, etwa der Gelbe Orleans, der einst viele Weinberge in Deutschland bedeckte. Mittlerweile bauen einige Weingüter die wärmebedürftige Sorte wieder an. Über 3500 verschiedene europäische Sorten stehen mit jeweils drei Pflanzen am Geilweilerhof bereit, wiederentdeckt zu werden. Aus einigen der entstehenden Trauben werden außerdem jedes Jahr ein weißer und ein roséfarbener Mischsatz gekeltert, also zusammen gelesen und gekeltert. „Vielfalt“ heißt das Produkt treffenderweise.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Es überrascht ein wenig, dass man die Weine überhaupt kaufen kann, schließlich handelt es sich um eine Forschungsanstalt und nicht um ein Familienweingut. Die Pressestelle ist sich dieses Kuriosums bewusst und kennt auch mögliche Konflikte. „Wir wollen nicht in Konkurrenz zu Winzern treten, daher werden die Weine auch nicht beworben“, heißt es. Schließlich werden das Institut und seine Mitarbeiter durch Steuergelder bezahlt, eine Gewinnabsicht verfolge man daher nicht im Onlineshop, es handele sich um Selbstkostenpreise. Und irgendetwas müsse man mit den Weinen jenseits von Empfängen des Landwirtschaftsministeriums machen, wenn man sie nicht wegschütten wolle. Außerdem sollen natürlich Weingüter die Sorten probieren können, um sich eventuell für den Anbau zu entscheiden. Auch Privatleuten wolle man die Möglichkeit geben, zu begutachten, was dort auf Steuerzahlerkosten passiert. Es geht also auch um Akzeptanz. Gewissermaßen ist der Onlineshop so etwas wie ein dauerhafter Tag der offenen Tür.
Und was erwartet einen da? Etwa die oben bereits erwähnte Cuvée „Vielfalt“. Nicht immer die gleiche Anzahl an Rebsorten findet Eingang in diesen Mischsatz. Im Jahrgang 2023 waren es sage und schreibe 513 in der weißen Cuvée. Der „Vielfalt“-Wein duftet intensiv nach Wiesenkräutern und Stängeln, herb, aber auch nach Physalis und Steinobst, etwa Aprikose. Am Gaumen zeigt er sich weniger vegetabil und mit Noten von Birne, Limette, rotbackigem Apfel und Honigmelone mehr auf der fruchtigen Seite. Saftiger Weißwein mit einer weichen Oberfläche, unter der sich eine vitale Säure Bahn bricht. Können 513 Sorten einen stimmigen Wein ergeben? Die Antwortet lautet: Ja!
Der Freistaat lässt winzern
Staatsweingüter sind eigentlich ein Anachronismus. Denn wo es sich nicht um staatliche Aufgaben handelt, sollte die öffentliche Hand nicht den Wettbewerb verzerren. Einige staatliche Weinbaudomänen sind daher privatisiert worden, Ausnahmen aber geblieben. Eine davon heißt Schloss Wackerbarth. Das Gut steht in Radebeul, Sachsen. Ein einfacher Grund lautet: Die Privatisierung schlug fehl. Zu groß war der Sanierungsbedarf des Elbbarock-Schlosses aus dem 18. Jahrhundert und seiner Außenanlagen, nachdem das Ensemble nach 40 Jahren DDR-Sozialismus an den Freistaat Sachsen fiel. Dieser reichte es an die Sächsische Aufbaubank weiter, die freilich auch der öffentlichen Hand gehört.
Nachdem das Schloss saniert und in ein Erlebnisweingut umgewandelt wurde – sieht die Sache mit der Verkäuflichkeit nicht mittlerweile anders aus? Möglicherweise schon, doch laut Pressestelle „war und ist bis heute die Mission des Sächsischen Staatsweingutes, die sächsische Weinkulturlandschaft zu erhalten“. Ein Verkauf wird also mittlerweile gar nicht mehr angestrebt. Zum Erhalt trägt die Pflege typischer Steillagen und Terrassenweinberge bei, etwa durch den Erhalt von rund 25.000 Quadratmeter Trockensteinmauern.

Umso mehr möchte man wissen, wie denn nun die Weine von Schloss Wackerbarth schmecken. Eines vorweg: Barock wie das Schlösschen fallen sie nicht aus, vielmehr orientiert man sich an zeitgemäßer Stilistik. Um diese möglichst gut zu treffen, berät Master of Wine Janek Schumann das Weingut seit zehn Jahren. Einer der Paradeweine ist der trockene Riesling aus dem Goldenen Wagen, der Name einer von Trockensteinmauern eingefassten Terrassenlage. Der Jahrgang 2023 riecht nach nassem Stein, Keller, geschwenkt auch nach Weinbergpfirsich. Am Gaumen spürt man auch Boskop, deutliche Mineralität. Präsente, aber gut eingebundene Säure, Grip, tolle Länge. Immer noch zu jung, trotzdem schon gut. Etwas für Menschen, die gut strukturierte Weine zu schätzen wissen. Edel.
Weinbau für den guten Zweck
Das letzte Beispiel ist das Weingut Juliusspital. Das deutschlandweit zweitgrößte Weingut besitzt stolze 180 Hektar Weinberge, die verstreut im Anbaugebiet Franken liegen. Anteile an den besten Lagen inbegriffen. Der seltsam wirkende Name verrät bereits einiges über die Konstruktion. Das Weingut Juliusspital gehört der Stiftung Juliusspital Würzburg, die soziale Einrichtungen unterhält, darunter ein Krankenhaus und ein Seniorenstift. Seit seiner Gründung im Jahr 1576 durch Fürstbischof Julius Echter widmet sich die Stiftung ihrem gemeinnützigen Auftrag. Und die Gewinne aus dem Weinbau tragen ihren Teil dazu bei.
Allein aufgrund der Größe des Guts ist die Weinkarte lang. Eine Konstante ist in Franken aber immer gegeben, und zwar die Fokussierung auf Silvaner in verschiedenen Qualitäten, von verschiedenen Lagen und Böden.
Fazit
Gute Weine gibt es nicht nur dann, wenn eine Winzerfamilie alleinverantwortlich dahintersteht. Und während man sich fragt, was mit dem BUGA-Wein nach dem Jahr 2029 passieren wird, gibt es den Pfälzer Forschungswein und den sächsischen Staatswein bereits seit Jahrzehnten und den Spitalwein sogar schon seit Jahrhunderten. Sicher schmeckt es manchen Menschen über den Weingenuss hinaus, besonders alte oder ganz neu gezüchtete Rebsorten kennenlernen zu dürfen, den Erhalt einer Kulturlandschaft oder eine soziale Einrichtung zu unterstützen. Der Ausspruch „Zum Wohl“ bekommt dann noch eine weitere Bedeutung.
