
Dieselbe intellektuelle Leistung werde bei Männern oft ernster genommen als bei Frauen, sagt Alma Dreković. „Hohe Intelligenz wird noch immer deutlich seltener mit Weiblichkeit als mit Männlichkeit assoziiert. Bei Männern wird sie eher selbstverständlich mitgedacht; bei Frauen stößt sie häufiger auf Irritation, Relativierung oder soziale Umcodierung.“ Dreković, die im Kindesalter als höchstbegabt getestet wurde, arbeitet als Coach und Beraterin mit Führungskräften, Akademikern und Künstlern, darunter viele Hoch- und Höchstbegabte.
Äußere eine intelligente Frau denselben Gedanken wie ein intelligenter Mann, werde seine Aussage oft eher als souverän, autoritativ oder originell wahrgenommen. „Das hat mit Auftreten und Stimme zu tun, vor allem aber mit patriarchal geprägten Vorstellungen von Autorität und Brillanz. Herausragende intellektuelle Leistung ist in vielen Köpfen noch immer männlich codiert, obgleich es glücklicherweise inzwischen immer mehr sichtbare Frauen in unterschiedlichen Disziplinen gibt.“
Hoch- und höchstbegabte Frauen irritierten dabei nicht nur Männer, sondern oft auch Frauen, weil sie tradierte Vorstellungen von Weiblichkeit und sozialer Erwartbarkeit störten. „Wird eine Frau intellektuell sehr sichtbar, kann die Wahrnehmung schneller in ,zu viel‘, ,zu scharf‘ oder ,zu kompliziert‘ kippen.“
Der Mann will sich als wissender erleben
Mit Frauen umzugehen, die intellektuell sehr präsent und eigenständig aufträten, falle vielen Menschen nicht leicht, sagt Dreković. „In Paarbeziehungen wirken darüber hinaus oft noch traditionelle Vorstellungen von Männlichkeit fort, etwa das Bedürfnis, sich als stärker, wissender oder beschützend zu erleben.“
Männer überschätzen, wie Studien zeigen, ihre Intelligenz, Frauen unterschätzen sie. Der britische Organisationspsychologe Adrian Furnham hat das „männliche Hybris und weibliche Bescheidenheit“ genannt. Nach einer Untersuchung der Griffith-Universität in Brisbane von 2022 ist das Geschlecht, das biologische wie das psychologische, der stärkste Prädiktor für die Überschätzung des IQs: Je maskuliner sich eine Person, auch eine Frau, verhält, umso stärker überschätzt sie ihren IQ.
Dabei unterscheiden sich Männer und Frauen nicht in der allgemeinen kognitiven Intelligenz. Biologisch ist also nicht zu erklären, warum eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz stärker Männern zugeschrieben wird – warum viel mehr Jungen als Mädchen Intelligenztests absolvieren, weil eine Hochbegabung mit einem IQ von mindestens 130 vermutet wird, warum im Hochbegabtenverein Mensa Deutschland Männer mit einem Anteil von etwa zwei Dritteln dominieren.
Mädchen eher leise, Jungen eher laut
Melanie Mewes nennt mögliche Gründe. Fänden hochbegabte Mädchen in der Schule kein passendes Umfeld, reagierten sie eher leise, Jungen eher laut. „Und das Laute bindet Aufmerksamkeit“, sagt Mewes, die hochbegabte und hochsensible Kinder und Jugendliche coacht und Eltern und pädagogische Fachkräfte zu diesen Themen berät. In der Tendenz neigten die Mädchen zu nach innen gerichteten Verhaltensweisen wie Rückzug und Anpassung, während die Jungen eher nach außen gingen, wütend würden, diskutierten, Regeln hinterfragten.
Hochbegabte Mädchen hätten außerdem weniger auffallende Interessensgebiete. „Während sich Jungen für Gesteinsschichten, Plattentektonik, Robotik und Bionik begeistern, sind Mädchen eher in leiseren Themen unterwegs – sprachlich, künstlerisch und vor allem sozial“, sagt Mewes. Und so suchten Eltern von Jungen oft schon im Kitaalter ihre Unterstützung. Eltern von Mädchen kämen hingegen tendenziell später in die Beratung, Richtung vierte Klasse oder sogar erst im Jugendalter. „Ich befürchte, dass immer noch eher den Jungen eine hohe Intelligenz zugetraut wird“, schlussfolgert Mewes.
„Schon kleine hochbegabte Mädchen entwickeln Schutzstrategien“, erklärt Dreković. Früh lernten sie, dass Zugehörigkeit stark über Beziehung, Harmonie und soziale Anschlussfähigkeit vermittelt sei, und entwickelten feine Antennen dafür, was in einer Gruppe akzeptiert werde. „Um sozial nicht aus dem Rahmen zu fallen, nehmen sie sich oft früh zurück; sie drosseln ihr Tempo, formulieren vorsichtiger und achten darauf, andere nicht zu überstrahlen.“ Das setze sich oft bis ins Erwachsenenalter fort.
Sanktionen wie Ausgrenzung und Neid drohen
„Denn andernfalls drohen soziale Sanktionen wie Ausgrenzung, Neid, subtile Abwertung oder die Erfahrung, als schwierig gelesen zu werden – das ist in vielen meiner Coachings ein Thema.“ Mewes berichtet, dass hochbegabte Mädchen, um in der Masse mitzuschwimmen, ihre Noten herunterregulieren. „Sie haben die Erfahrung gemacht, nur durch Anpassung und Nichtauffallen für sich einen Platz in der Gruppe zu finden.“
Misserfolge bezögen viele auf die eigene Person. „Wenn sie eine schlechte Note schreiben, kommt schnell: ,Ich bin so dumm, ich kann das nicht, ich mache alles falsch.‘ Gute Noten werden dagegen abgewertet: ,Die Aufgabe war einfach‘ oder ,Ich hatte Glück‘“, berichtet Mewes. Der Selbstwert schrumpfe, das Gefühl des Falschseins bekomme Raum. Bei starken Leistungen in der Schule vermute auch das Umfeld dahinter eher Fleiß, Strebsamkeit und Ehrgeiz als eine hohe Begabung.
Viele Mädchen und Frauen entwickelten ein funktionales falsches Selbst, erklärt Dreković. „Es ist angepasst, leistungsfähig und sozial gut anschlussfähig; nach außen wirkt man oft souverän, innerlich aber läuft eine permanente Selbstkorrektur.“ Langfristig könne das zu innerer Leere, Rückzug und auch zu psychosomatischen Beschwerden führen.
Mobbing, eine Klasse wiederholt, Abitur mit 3,2
Mit alldem ist Susanne Burzel wohlvertraut. Erst mit 53 Jahren erfuhr die Hessin von ihrer Hochbegabung. Zuvor hatte sie ihr Abitur mit der Note 3,2 gemacht, ein Lehramtsstudium abgebrochen, eine Diskothek betrieben, sich zur Werbekauffrau umschulen lassen, in der Elternzeit ein BWL-Studium absolviert. Nun führt sie ihre eigene Werbeagentur, ist Bloggerin, Podcasterin, Youtuberin und schreibt Bücher. Eines hat hochbegabte Minderleister zum Thema, basierend auf Erfahrungen mit ihren beiden hochbegabten Söhnen – und ihren eigenen.
„In der Schule lief ich unter dem Radar“, erzählt Burzel. Sie wurde gemobbt, wiederholte eine Klasse. Niemand bemerkte ihre hohe Auffassungsgabe. Eher hörte sie, aus ihr werde nie etwas werden. „Ich war sehr anpassungsfähig, still und schüchtern – wie viele hochbegabte Mädchen.“ Sie hatte wenige „handverlesene“ Freundinnen. „Wir standen abseits, beobachteten das Treiben und konnten wenig damit anfangen.“
Für die psychische Gesundheit und die berufliche Entwicklung Hochbegabter müsse vor allem eines stimmen: die Passung, erklärt Dreković. „Entscheidend ist, ob das Umfeld Tempo, Intensität und Tiefe tragen kann, ob es ermutigt oder ob man sich ständig regulieren muss, um überhaupt anschlussfähig zu bleiben.“ Fehlende Passung, etwa in Schule oder Beruf, werde von Betroffenen oft nicht als Strukturproblem, sondern als persönlicher Mangel erlebt.
„Ich hatte lange Zeit das Gefühl, nichts wert zu sein“
„Daraus entstehen tiefe Selbstzweifel bis hin zu der Frage, ob mit einem selbst grundsätzlich etwas nicht stimmt.“ Perfektionismus werde dann gerade bei Mädchen und Frauen oft zu einer Form psychischer Selbstsicherung. „Sie wollen alles richtig machen, um Unsicherheit zu kontrollieren und sich vor weiterer Irritation oder Abwertung zu schützen.“
Susanne Burzel ist froh, dass sie als Kind wenigstens ein Spezialinteresse hatte: die Musik. Mit 17 Jahren absolvierte sie die Dirigentenprüfung, „ein Moment der Selbstwirksamkeit, in dem ich wusste, ,ich bin jemand, ich kann was‘“. Sie hat Kirchenmusik gemacht, in einer Gothic-Band gesungen, den Spielmannszug geleitet, eine Jagdhornbläsergruppe dirigiert. Sie spielt sieben Instrumente, hatte jedoch nie das Gefühl, eins richtig zu beherrschen. „Dieses Grundgefühl begleitet mich: vieles zu können, aber nichts richtig oder tief genug.“
Nicht wenige hochbegabte Frauen leiden, wie Dreković berichtet, unter dem Impostor- oder Hochstapler-Syndrom. Susanne Burzel sagt: „Ich hatte lange Zeit das Gefühl, nichts wert zu sein. Wenn ich Erfolg hatte, schrieb ich ihn dem Zufall oder Glück zu, nicht meiner eigenen Arbeit. Stolz darauf zu sein musste ich erst mühsam lernen.“ Heute hilft ihr, sich ein gutes und ein böses Engelchen vorzustellen.
Zwei Engelchen und ein Glas voller Lob
„Das böse flüstert mir ein, ich könne nichts, alles sei nur oberflächlich oder Zufall.“ Das gute Engelchen erinnere sie an ihren IQ-Test mit dem für sie damals so überraschend hohen Ergebnis. „Es sagt mir, ich habe Potential, eine schnelle Auffassungsgabe, kann Dinge verknüpfen, bringe Empathie und Spürsinn mit.“ Positives Feedback von Kunden könne sie heute eher ihren Fähigkeiten zuschreiben. „Um das zu verankern, sammle ich Lob, Rezensionen und Rückmeldungen ausgedruckt in einem Glas – als sichtbaren Beweis, dass es real ist und ich es feiern darf.“
Als Burzels Söhne, erst im Jugendalter, als hochbegabt diagnostiziert wurden, war sie überzeugt, das komme von ihrem Mann, auf jeden Fall nicht von ihr. Doch dann las sie in einem Buch über spät erkannte hochbegabte Frauen eine Geschichte, die ihrer sehr ähnlich schien, und stellte sich zum ersten Mal die Frage, ob sie hochbegabt sein könnte.
Mütter sollten eigene Hochbegabung in Betracht ziehen
Vor der Begabungsdiagnostik sei sie extrem nervös gewesen. „Als das Ergebnis kam, dachte ich, es sei ein Fehler passiert.“ Sie brauchte einige Zeit, um es anzunehmen. „Anfangs holte ich den Bericht immer wieder hervor, um mich zu vergewissern“, sagt Burzel. Sie begegne „vielen Frauen mit hochbegabten Kindern, die bei sich selbst nie daran denken“.
Vor einem Jahr lud Burzel hochbegabte Frauen zu einer „Blogparade“ ein, um von ihren Erfahrungen zu berichten. In den Beiträgen hätten sich viele Gemeinsamkeiten gezeigt, erzählt Burzel – ein intensives Spezialinteresse oft schon im frühen Kindesalter, Mobbing in der Schule, nur ein oder zwei enge Freundinnen. Im Berufsleben suchten viele nach etwas Erfüllendem, um die eigenen Neigungen zu leben. „Doch es bleiben Selbstzweifel: ,Darf ich das, kann ich das?‘“
In den Schulen müsste – nicht nur zum Wohle der Hochbegabten – differenziert unterrichtet werden, wünscht sich Coach Mewes. Niemand sollte in eine Sonderrolle gedrängt werden, in der man sich exponiert oder im Rampenlicht fühle. „Hochbegabte Mädchen scheuen das besonders.“
Und es brauche eine begabungsförderliche Haltung der Lehrkräfte. „Wissensdurst darf nicht ausgebremst werden.“ Mit den Eltern sollten sie in einem guten Austausch stehen, „damit leise, sehr angepasste, super höfliche Kinder nicht übersehen werden“. Zentral sei in der Pädagogik die Beziehung. „Gerade hochbegabte Mädchen brauchen ein gutes Vorbild, einen wertschätzenden Austausch und eine gute Bindung.“
Frauen, die ihre Hochbegabung gut integriert hätten, müssten sich nicht mehr fortwährend anpassen, sagt Dreković. „Sie kommunizieren klarer, vertrauen ihrer Wahrnehmung und setzen klarer Grenzen, ohne sich sofort infrage zu stellen. Die Überanpassung nimmt ab, die innere Stabilität wächst. Die eigene Intelligenz muss nicht länger maskiert werden.“
Unternehmen nutzten das Potential hoch- und höchstbegabter Menschen oft nicht, sagt die Karriereberaterin und fordert ein Umdenken. „Weg vom Elitedenken, hin zur Passung; dann wird Hochbegabung zu einem Thema von Führung, Unternehmenskultur und Organisation.“ Arbeitgeber müssten Bedingungen schaffen, unter denen Tiefe, Autonomie und nicht-lineare Entwicklungen als Ressourcen erkannt und genutzt würden.
