Für Barry Rosen ist Iran weit mehr als ein paar abstrakte Schlagzeilen in der Zeitung. Iran ist sein Lebensthema. „Ich war in meinen Dreißigern, als iranische Studenten mich in einen Raum zerrten und mir sagten, ich würde nirgendwo mehr hingehen“, schreibt der frühere Presseattaché der amerikanischen Botschaft in Teheran. 444 Tage lang war er dort nach der Revolution von 1979 gefangen, gemeinsam mit 51 anderen Diplomaten. Rosen wurde Scheinhinrichtungen unterzogen. Fanatische Studenten wollten ihn als „Spion und Verschwörer“ vor ein Revolutionsgericht stellen, weil sie glaubten, Washington plane eine Konterrevolution. Nach seiner Freilassung im Januar 1981 verbrachte Rosen die nächsten Jahrzehnte damit, zu verstehen, „was zwischen unseren beiden Ländern passiert ist – und noch immer passiert“.
Wie sehr ihn das 47 Jahre später noch beschäftigt, kann man in diesen Tagen auf der Plattform X nachlesen. In den Sechzigerjahren, als Iran noch ein wichtiger Verbündeter der Vereinigten Staaten war, hatte der jüdische Amerikaner das Land als freiwilliger Helfer des Peace Corps bereist und war begeistert. Heute schreibt er Sätze wie: „Meine Knochen wissen, dass auch ein weiterer Krieg Iran nicht brechen wird. Ich habe diese Sturheit 444 Tage aus nächster Nähe beobachtet.“ Rosen sagt voraus, dass der Irankrieg nicht mit einem Friedensabkommen enden werde, sondern in einem Zustand, der weder Krieg noch Frieden sei. Das Ergebnis würden zwei Länder sein, „die stillschweigend vereinbaren, einander nicht zu zerstören“. Ohne Garantien. „Ich weiß, was es heißt, auf der Basis von etwas so Fragilem zu überleben. 444 Tage lang war das alles, was ich hatte.“
Das Geiseldrama von Teheran hat nicht nur bei Rosen ein Trauma hinterlassen. Es hat sich in das kollektive Gedächtnis Amerikas eingefressen. Bis heute bestimmen die Bilder von den gedemütigten Diplomaten und die Erinnerungen an den gescheiterten Befreiungsversuch den Blick auf das verfeindete Land. Bei der Rettungsaktion von 1980, „Operation Adlerklaue“, kamen acht amerikanische Soldaten ums Leben, als ein Hubschrauber und ein Transportflugzeug zusammenstießen. Ihre Leichen wurden von Iran propagandistisch zur Schau gestellt. Im selben Jahr wurde Präsident Jimmy Carter nicht wiedergewählt.
Die Geschichte ist ein ständiger Begleiter
Auch in Teheran ist der Hass nicht vom Himmel gefallen. Die Geschichte, und das, was über sie erzählt wird, ist im Irankrieg ein ständiger Begleiter. Sie prägt die gegenseitige Wahrnehmung und schürt das tiefe Misstrauen, das die Verhandlungen zwischen den Kriegsgegnern so schwierig macht.
Donald Trump sind die Ereignisse von damals sehr gegenwärtig. Laut „Wall Street Journal“ soll der Präsident seine Mitarbeiter nach Kriegsbeginn noch einmal daran erinnert haben, „was mit Jimmy Carter geschah . . . mit den Hubschraubern und den Geiseln. Es hat sie die Wahl gekostet.“ Als dann an Ostern ein amerikanisches Kampfflugzeug über iranischem Gebiet abgeschossen und eines der beiden Besatzungsmitglieder nicht gleich gefunden wurde, soll Trump getobt haben. Er fürchtete, dass die Geschichte sich wiederholt.
Irans Chefunterhändler Mohammad Bagher Ghalibaf spottete, Trump habe „ein schlimmeres Desaster“ gedroht als seinerzeit Carter. Das iranische Regime hatte nach dem Abschuss des Flugzeugs sofort die symbolische Sprengkraft erkannt, sollte abermals ein amerikanischer Soldat in die Hände Teherans geraten. Es war das erste Mal seit dem gescheiterten Befreiungsversuch von 1980, dass amerikanische Truppen auf iranischem Boden operierten. Die iranischen Streitkräfte setzten alle Hebel in Bewegung, um den verletzten US-Soldat aufzuspüren. Doch die Amerikaner kamen ihnen zuvor.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Schon als Trump am 28. Februar den Beginn des Krieges verkündete, erinnerte er an die Besetzung der amerikanischen Botschaft und an ein weiteres einschneidendes Ereignis: den Bombenanschlag auf ein Militärgelände am Flughafen der libanesischen Hauptstadt Beirut im Oktober 1983, bei dem mehr als 240 amerikanische Soldaten getötet wurden. Trump rührte am kollektiven Trauma, um seine kriegsskeptischen Anhänger von der Notwendigkeit des Waffengangs zu überzeugen. 47 Jahre lang sei das Regime „mit Mord davongekommen“, sagte er.
Amerikanische Ermittler machen die Schiitenmiliz Hizbullah für den Selbstmordanschlag von Beirut verantwortlich und sind überzeugt, dass diese im Auftrag des iranischen Regimes handelte. Das Blutbad zwang die Vereinigten Staaten zum Rückzug ihrer Truppen aus Libanon – ein Triumph für Teheran. Zwanzig Jahre später sprach ein amerikanisches Gericht den Angehörigen der Opfer Anspruch auf iranische Entschädigungszahlungen in Höhe von 2,65 Milliarden Dollar zu. Um das Geld wird bis heute gerungen. Der Anschlag von Beirut und das Geiseldrama legten die Grundlage für die amerikanische Sanktionspolitik gegen Iran, die die Wirtschaft des Landes seither beutelt.

Die Geiselnahme war ursprünglich wohl nur für ein paar Tage geplant, um dagegen zu protestieren, dass Schah Mohammad Reza Pahlavi zur Krebsbehandlung von Amerika aufgenommen wurde. Für Revolutionsführer Ruhollah Khomeini eröffnete die Botschaftsbesetzung aber eine Chance, die radikale Linke, die bislang entscheidenden Anteil an der Revolution hatte, auszustechen. Es war ein Wettbewerb der Antiamerikanismen, den die Islamisten für sich entschieden. Schon damals waren sie wie besessen von der Idee, den amerikanischen Hegemon zu demütigen.
Das Regime in Teheran sorgt bis heute dafür, dass die iranische Bevölkerung das Geiseldrama nicht vergisst. Die Wände der früheren amerikanischen Botschaft werden regelmäßig mit Propagandabildern bemalt. Das Hauptgebäude wurde in ein Propagandamuseum verwandelt. „Spionagehöhle“ haben sie es genannt. In einem Raum ist Spitzeltechnik des Auslandsgeheimdienstes CIA ausgestellt. An den Wänden hängen Bilder der Geiseln und das offizielle Porträt von Präsident Carter. Das Regime präsentiert das Museum als Symbol und Beleg für die amerikanische Einmischung in Iran.
Geschredderte Dokumente der Botschaft wurden von iranischen Studenten mühsam wieder zusammengesetzt. Vor zehn Jahren beklagte der Oberste Führer Ali Khamenei, dass diese nicht im Schulunterricht thematisiert würden. Das Parlament verabschiedete drei Jahre später eine Resolution, die das Bildungsministerium verpflichtete, „amerikanische Verschwörungen“ in die Schulbücher aufzunehmen. Trotz der neuen Schulbücher und trotz der „Tod Amerika“-Rufe in jeder Freitagspredigt ist die iranische Jugend wohl so amerikafreundlich wie in keinem anderen islamischen Land der Region. Irans Generation Z ist tief geprägt von amerikanischer Popkultur, auch wegen der großen iranischen Diaspora in Los Angeles.
Die am Geiseldrama beteiligten Iraner beschäftigen die USA bis heute
Um das Geiseldrama ranken sich bis heute Verschwörungstheorien, ausgehend von der Frage, warum die Geiseln nach monatelangen Verhandlungen erst am Tag der Amtsübernahme Ronald Reagans freigelassen wurden. Der damalige iranische Präsident Abolhassan Banisadr schrieb in seinen Memoiren, es habe vor der Wahl Kontakte und Absprachen zwischen Reagans Unterstützern und dem Umfeld Khomeinis gegeben. Carters Berater Gary Sick vertrat später in seinem Buch „October Surprise“ dieselbe These, ohne schlagende Beweise vorzulegen. Ein Untersuchungsausschuss des Kongresses verwarf seine Behauptung, doch an seinem Vorgehen gibt es Kritik.
Die damals beteiligten Iraner beschäftigen die amerikanische Politik bis heute. Erst kürzlich wurde der Sohn von Masoumeh Ebtekar in seinem amerikanischen Wohnort mit seiner Familie in Abschiebehaft genommen. Seine Green Card wurde widerrufen. Ebtekar trat seinerzeit als Sprecherin der Geiselnehmer auf und wurde später Vizepräsidentin. Ihr Sohn, ein Psychologieprofessor, lebte seit 2014 in den Vereinigten Staaten.
Der frühere Armeegeneral Stanley McChrystal sagte jüngst in einem Interview mit der „New York Times“ über den Irankrieg: „Es geht um den in 47 Jahren angehäuften Schmerz.“ Amerikas Schmerz sei jedoch nur „der eine Teil der Geschichte“. „In Wirklichkeit beginnt es 1953, als die Geheimdienste der USA und Großbritanniens den verfassungsmäßig gewählten Ministerpräsidenten stürzten und den Schah zurück an die Macht brachten.“ Der Schah und sein Geheimdienst Savak hätten die Iraner dann extrem unterdrückt, sagte McChrystal. Das sei der Grund gewesen, warum die Revolutionäre 1979 „Tod Amerika“ gerufen hätten.

McChrystals Verständnis vom Sturz des parlamentarisch legitimierten Ministerpräsidenten Mohammad Mossadegh im Jahr 1953 entspricht dem, wie die meisten Iraner die Ereignisse von damals abgespeichert haben: als einen der dreistesten Eingriffe in die Souveränität ihres Landes. Die Realität war etwas chaotischer. Der Putschplan „Operation Ajax“ der CIA und des britischen MI6 schlug zunächst fehl. Erst im anschließenden Tumult wurde Mossadegh abgesetzt. Die Bewertungen darüber, wie bedeutend dabei die Rolle der CIA im Vergleich zu den iranischen Akteuren war, gehen in der Forschung auseinander.
Der Politikwissenschaftler Vali Nasr schreibt in seinem aktuellen Buch „Iran’s Grand Strategy“, die Revolutionäre von 1979, Islamisten wie Linke, hätten Amerikas Rolle als vermeintlicher Drahtzieher aufgebauscht. Mossadegh habe auch im Innern einflussreiche Gegner gehabt: im Militär, in der politischen Elite und unter den Klerikern. Ähnlich sieht es der Irankenner Michael Axworthy, der ein Standardwerk zur revolutionären Geschichte des Landes geschrieben hat.
Mossadegh hatte mit breiter Unterstützung der Bevölkerung die von Großbritannien dominierte Ölindustrie verstaatlicht. Im Laufe der Zeit wuchsen Zweifel an seiner kompromisslosen Haltung. Seine Gegner fürchteten die wirtschaftlichen Folgen der Konfrontation mit London und den wachsenden Einfluss der Sowjetunion. So wandte sich etwa Großayatollah Hossein Borudscherdi von Mossadegh ab und rief zu Pro-Schah-Demonstrationen auf. Die Absetzung Mossadeghs zementierte die Macht des Schahs. Die Ereignisse von 1953 gerannen zu einer wirkmächtigen, identitätsstiftenden Erzählung, auf die sich das Regime in Teheran noch heute beruft, wenn es auf Irans vermeintliches Recht auf ein ziviles Atomprogramm pocht.
„Sie töteten uns, und wir töteten sie“
Der frühere Armeegeneral McChrystal hat zwischen 2003 und 2008 den Hass der iranischen Revolutionsgarde hautnah miterlebt. Seine Spezialeinheiten kämpften im Irak gegen die von Iran aufgerüsteten Schiitenmilizen. „Sie töteten uns, und wir töteten sie.“ Es habe sich angefühlt wie „eine lebenslange Feindschaft“. Auch dieser Krieg prägte nicht nur den amerikanischen Blick auf Iran. Das Regime in Teheran war überzeugt, dass die USA als nächstes Iran angreifen würden. Die Revolutionsgarde verstand ihren Einsatz im Irak als „Vorwärtsverteidigung“.
Wie jeder gute Kommandeur hat McChrystal sich mit der Perspektive des Gegners beschäftigt. So etwa mit dem Iran-Irak-Krieg zwischen 1980 und 1988, der aus iranischer Sicht auch ein Krieg gegen Amerika war. Die Vereinigten Staaten versorgten den irakischen Diktator Saddam Hussein mit Waffen und Aufklärung. Teheran mutmaßte, auf diesem Weg wollten sie einen Regimewechsel erzwingen. Als der Krieg feststeckte, begann Irak, iranische Öltanker anzugreifen, um das Land wirtschaftlich zu schwächen. Iran reagierte mit Angriffen auf Tankschiffe der Golfstaaten. Die Vereinigten Staaten entsandten Kriegsschiffe, um den Handel durch die Straße von Hormus zu schützen und die iranische Marine zu bekämpfen. Dabei kam es zu einer Tragödie.
Die USS Vincennes schoss 1988 ein iranisches Passagierflugzeug ab. Alle 290 Personen an Bord wurden getötet. Nach amerikanischer Darstellung hielt die Crew die Maschine für ein iranisches Kampfflugzeug. In Teheran hielt man es für Absicht. Es war ein weiteres einschneidendes Ereignis, das in Iran Misstrauen gegen die Vereinigten Staaten schürte. Der damalige Krieg sei doppelt so lang wie der Erste Weltkrieg gewesen, sagt McChrystal. „Er hat die iranische Bevölkerung in einer Weise geprägt, die wir bis heute nicht vergessen sollten.“
Bei aller Feindschaft gab es in den Jahrzehnten auch kurze Momente der Zusammenarbeit zwischen Teheran und Washington. Reagan verkaufte 1985 und 1986 Waffensysteme an Iran, was als Iran-Contra-Affäre in die Geschichte einging. Nach den Terroranschlägen in den Vereinigten Staaten vom 11. September 2001 unterstützte Iran den amerikanischen Militäreinsatz zum Sturz der Taliban in Afghanistan, der auch in Teherans Interesse war. Man erhoffte sich bessere Beziehungen zu Washington.
Die Revolutionsgarde half dabei, die Nordallianz, Amerikas Verbündete in Afghanistan, auszurüsten. Bei der Afghanistankonferenz auf dem Petersberg in Bonn kommunizierten der amerikanische Botschafter James Dobbins und der iranische Botschafter Jawad Zarif eng miteinander. Iran bot an, bei der Ausbildung der neuen afghanischen Armee zu unterstützen. Washington lehnte das ab. Als Präsident George W. Bush Iran wenige Monate später als Teil der „Achse des Bösen“ ausrief, war man in Teheran überrascht.
Das Atomabkommen von 2015, das Iran mit den UN-Vetomächten und Deutschland abschloss, setzte eine weitere kurze Phase der Annäherung in Gang. Sie wurde 2018 von Donald Trump beendet, der aus dem Atomabkommen austrat, weil er dachte, mit einer Politik des maximalen Drucks einen noch besseren Deal erzielen zu können. Das Regime in Teheran sieht darin bis heute einen Beleg dafür, dass Trump nicht zu trauen sei.
