Es ist kein Jahrzehnt her, da wurden chinesische Autohersteller noch belächelt. Wer damals vorausgesagt hätte, dass Peking eine Woche lang zum Mekka der globalen Autoindustrie würde, wäre für verrückt erklärt worden.
Doch die chinesische Autoindustrie liefert zur diesjährigen Automesse ein Feuerwerk. Mit jedem Jahr steigt das Selbstbewusstsein. Schon im Vorfeld der Messe luden die Konzerne in die Luxushotels der Stadt oder in ihre Fabriken. Sie flogen Hundertschaften westlicher Blogger und Fachjournalisten ein, Journalisten großer Zeitungen waren indes nur sehr vereinzelt darunter oder erhielten erst gar keine Visa oder Akkreditierung.
Xiaomi hat Manager von BMW und Audi abgeworben
Die aufstrebenden chinesischen Hersteller stellten auf der Messe mehr als 180 neue Modelle vor, etliche skizzierten auch großspurige globale Expansionspläne. Deutsche und andere ausländische Hersteller kämpfen zwar, wirken aber manchmal wie Zaungäste, die sich einmal im Jahr anschauen, was sie verpasst haben. Ein Vorstandsmitglied eines deutschen Herstellers sagte der F.A.Z. nach einem Rundgang: „Jetzt habe ich wieder Arbeitsaufträge für ein halbes Jahr.“ Das zeigt: Die Konzerne, die die Geschwindigkeit vorgeben und auf die der Wettbewerb mit Ehrfurcht schaut, sprechen Chinesisch.
Der Elektronikkonzern Xiaomi, der seit zwei Jahren auch Autos verkauft, strotzt vor Kraft und berichtete von einem neuen Entwicklungszentrum in München. Dort hat der Konzern ein ganzes Dutzend an etablierten Entwicklern und Designern der deutschen Autobranche abgeworben, darunter etliche frühere Führungskräfte von BMW und Audi und Designer von Porsche, Lamborghini oder Mercedes, wie Xiaomi-Chef Lei Jun selbst verkündete. He Xiaopeng, Gründer des nach ihm benannten Herstellers Xpeng, sagte in einer internationalen Pressekonferenz, man wolle Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres die autonomen Fahrsysteme nach Europa bringen.
BYD präsentiert Batterien unter sibirischen Bedingungen
Geely, seit Neuestem Marktführer auf dem chinesischen Heimatmarkt, verkündete große Pläne für den Export: Mehr als eine Million Autos sollen schon nächstes Jahr in alle Welt gehen, sagte Vizepräsident Victor Yang am Donnerstagabend auf einer Gala, bei der Geely den eingeladenen Gästen ein Siebengangmenü kredenzte. Zeitnah peile man sogar 1,5 Millionen Autos an.
BYD schlug auf der Messe gleich mit einer ganzen Halle auf. Dort hatte der Shenzener Konzern unter anderem eine Kältekammer aufgebaut, in der die Autos bei 30 Grad minus tiefgefroren wurden. So wollte der Konzern unter Beweis stellen, dass die Batterien auch in Sibirien noch innerhalb von zwölf Minuten vollladen. BYD war im vergangenen Jahr noch Marktführer in China, steckt aber seit vergangenem Sommer in einer Absatzkrise. Autonome Fahrsysteme, die der Konzern Anfang vergangenen Jahres präsentierte, konnten diese nicht stoppen. Stattdessen setzt das Unternehmen nun verstärkt auf ausgefeilte Batterietechnologie und rettet sich in den Export. Inzwischen geht fast jedes zweite BYD-Auto ins Ausland.
„Weltmeister der chinesischen Autos“ stand auf den Uniformen der Angestellten des Wettbewerbers Chery. Der Staatskonzern aus Wuhu in Ostchina, der in Deutschland weitgehend unbekannt ist, liefert seit mehr als zwei Jahrzehnten so viele Autos ins Ausland wie sonst keiner der chinesischen Konkurrenten; vergangenes Jahr waren es 1,3 Millionen Fahrzeuge, fast ein Viertel des chinesischen Autoexports.

Chinas Autohersteller fluten den Weltmarkt
Chinesische Ausfuhren sind auf dem Weltmarkt innerhalb eines halben Jahrzehnts zu einem großen Block geworden. In diesem Jahr dürften mehr als sieben Millionen Autos aus China in alle Welt gehen. Zum Vergleich: In Deutschland werden insgesamt etwas mehr als vier Millionen Autos im Jahr produziert, in der ganzen EU sind es knapp 17 Millionen. Oder anders ausgedrückt: China liefert mehr Autos in alle Welt, als die deutschen Premiumhersteller BMW, Mercedes und Audi zusammen produzieren.
Der Weltmarkt gerät damit immer mehr zu einem Opfer des chinesischen Wettbewerbs. Innerhalb der Volksrepublik gibt es zu viele Hersteller, die Margen sind im Branchendurchschnitt auf unter drei Prozent gefallen. Die Konzerne suchen ihr Heil deshalb verstärkt im Ausland und setzen dort den etablierten Konzernen aus Japan, Südkorea und Deutschland zu.

„VW und BMW stehen deutlich besser da“
Die deutsche Autobranche bemüht sich sichtlich um Relevanz. Volkswagenchef Oliver Blume beschwor auf einer großen Konzernpräsentation am Dienstagabend den Wiederaufstieg der Wolfsburger. „Rise up“ hieß das Motto des immer noch zweitgrößten Autoherstellers der Welt, der sich zuletzt sogar wieder an die Spitze der Absatzrankings in China setzte. Der teilstaatliche deutsche Konzern profitierte von einem Sondereffekt. Nach einer Reduktion der Subventionen gaben die Stromerverkäufe zu Jahresbeginn stark nach. Weil VW bisher in China faktisch ein Verbrennerhersteller ist, traf das die Wolfsburger kaum.
Der Konzern greift aber wieder an, was auch in China registriert wird. „Es ist ziemlich beeindruckend, was VW macht“, sagte Zhang Yu, Chef der Shanghaier Autoberatung Automotive Foresight, der F.A.Z. am Rande der Messe. Der Konzern habe viele Hybride und versuche gar nicht zu verstecken, dass er viel Technologie von chinesischen Unternehmen leihe. Zhang verstand das als Lob. „Im Vergleich zu den vergangenen Jahren stehen vor allem VW und BMW deutlich besser da“, sagte Zhang. Bisher zeigt sich das indes nicht in den Verkaufszahlen und auch nur eingeschränkt im Interesse auf der Messe.
Während chinesische Gründer, allen voran der in den sozialen Medien sehr aktive Xiaomi-Chef Lei Jun, auf der Messe wie Popstars gefeiert werden und sich ohne Bodyguards kaum bewegen können, besuchen deutsche Manager die Messe weitgehend unbehelligt. Es ist ein Ausdruck des Bedeutungsverlusts und der Entfremdung.
Die Nähe zum chinesischen Markt zu bewahren, sei eine Herausforderung für deutsche Manager, sagte Augustin Friedel vom Beratungshaus MHP, das zum Porsche-Konzern gehört, am Rande der Messe. „Einige sind davon zu weit entfernt.“ Friedel mahnte, „lokale Führung kann dabei eine wichtige Rolle spielen“. Vertreter der chinesischen Autobranche empfehlen den deutschen Konzernen immer wieder, mehr auf chinesische Manager zu setzen.
