„Coach“ ist Hauptmann bei der Brigade „Chartija“, und die letzte Nacht war schwer. Es hatte Nebel gegeben, und Nebel heißt: Die Drohnen, die sonst jede Maus sehen, sehen heute nichts. Und sie können niemanden töten. Also können die Russen angreifen und die Ukrainer auch. Und sie können Verletzte bergen, für die es sonst keine Rettung gibt, weil Sanitäter nicht durchkommen. Außer eben, wenn Nebel ist.
„Coach“ erzählt: Zwei waren da draußen. Seit zwei Wochen, einer mit gebrochenem Bein, einer blind nach einer Verletzung im Gesicht. Die Brigade schickte zwei Landdrohnen los. Das sind unbemannte Fahrzeuge mit einer Plattform oben. Wenn ein Verletzter es da hoch schafft, kann die Drohne ihn retten. Diesmal aber blieb sie unterwegs stecken.
Es war immer noch neblig, also ein neuer Versuch. Diesmal mit einem Soldaten auf einem Quad. Weit kam er nicht. Das Quad fuhr auf eine Mine, der Soldat wurde verletzt, kehrte um. Noch ein zweiter fuhr auf eine Mine, auch er kehrte um.
Die Panzer liegen in Gruben unter Tarnnetzen
Am Ende versuchten es vier Mann zu Fuß. Sie fanden die Verletzten, wollten schon zurück, da hob sich der Nebel. Es gab kein Zurück. Sie bedeckten die Drohne mit Ästen und schleppten die Verletzten in ein verlassenes Haus zwischen den Linien. „Jetzt haben wir sechs da draußen“, sagt „Coach“. „Vier Gesunde, zwei Verletzte. Die warten jetzt auf schlechtes Wetter.“
Die F.A.Z. hat mit zehn ukrainischen Infanteristen und Panzersoldaten gesprochen, die zuletzt um Charkiw im Norden sowie Tschassiw Jar und Kostjantyniwka im Donbass kämpften. Sie entwarfen das Bild eines Gefechtsfelds, in dem die Drohne alles beherrscht. Drohnen überwachen das Gefechtsfeld so, dass kein Soldat, kein weggeworfener Müllsack unbemerkt bleibt. Als Angriffswaffe werfen sie entweder Granaten ab, oder sie stürzen sich als tödliche „Kamikaze“-Drohnen direkt ins Ziel. Größere Drohnen können sogar Panzer zerstören.
Weil die Drohne in der viele Kilometer breiten „Todeszone“ zwischen den beiden Armeen alles tötet, was sich bewegt, bewegt sich fast nichts mehr. Autos oder Panzer würden ja sofort vernichtet. Ein Panzeroffizier mit dem Kampfnamen „Magister“ berichtet, dass er im letzten Jahr nur ein einziges Mal ein klassisches Panzergefecht geführt habe, also Kampf in offener Fahrt mit direktem Schuss auf den Feind. Und auch dieses eine Mal habe nichts gebracht, denn als sein Panzer das Ziel erreicht habe, hätten die Drohnen den Feind schon längst erledigt.
Einen Panzer seines Zuges hätte eine russische Drohne schon zerstört, und so werden seine „T-64“ also nur noch als eine Art schlechte Artillerie eingesetzt. Sie liegen in Gruben unter Tarnnetzen, und wenn eine Aufklärungsdrohne ein Ziel meldet, rattern sie eilig ins Freie, feuern hoch über Felder und Wälder und huschen gleich wieder ins Loch. Sehr genau sind solche Langstreckenschüsse nicht, denn für so etwas sind Panzer nicht gemacht.
„Fleischwellen“ haben heute keine Chance mehr
Weil Fahrzeuge in der Todeszone nie lange überleben, bewegen Russen und Ukrainer sich fast nur noch zu Fuß, auf Motorrädern oder Quads. Sie sind nur noch in kleinen Gruppen unterwegs, meist zu zweit und immer mit zehn Metern Abstand voneinander.
Die Angriffe der Russen sind dadurch anders geworden. In den ersten Kriegsjahren, der Zeit vor der Drohne, gab es noch Massenangriffe. Solche „Fleischwellen“ wie es im Militärjargon heißt, haben heute keine Chance mehr. Die nötigen Soldaten können weder in genügender Zahl zusammengeführt noch über längere Strecken bewegt werden. Deshalb ist die „Infiltration“, das Einsickern, die bevorzugte Angriffstaktik beider Seiten.

Die Front ist lang und dünn besetzt. Ein Ukrainer sagt, die Russen könnten in seinem Abschnitt höchstens 20 bis 25 Mann pro Kilometer aufbringen. Es gibt immer Lücken, und Angriff heißt, zu zweit oder zu dritt durch Gräben, Gebüsch oder leere Gasleitungsrohre zu schleichen, um dann, wenn genug Soldaten durchgekommen sind, ein Dorf oder auch nur ein Haus zu besetzen. Die Russen tun das öfter als die Ukrainer, und westliche Fachleute sagen der F.A.Z., dass bei solchen Angriffen oft schon unterwegs neun von zehn Soldaten ausfallen. Das heißt, wenn sie ein Dorf besetzen wollen, schicken sie 200 los. 180 sterben oder werden verletzt, 20 kommen durch.
Die Ukrainer greifen weniger an. Sie müssen sich deshalb weniger über offenes Gelände bewegen, und weniger von ihnen sterben. Ihre Infanterie soll vor allem Angriffe abwehren oder verzögern, deshalb kämpft sie anders. Das Töten erledigen meist die Drohnen, für die Fußsoldaten vorne gibt es nur noch ergänzende Funktionen. Eine der wichtigsten: sehen und hören, was den Drohnen entgeht. Wenn die bei Wind oder Nebel ausfallen, ist der Posten in seinem Schützenloch wieder gefragt. Und weil Drohnen nichts hören, muss er immer auf Geräusche achten: Schüsse, Stimmen, Motoren.
Was er wahrnimmt, geht per Funk an den Gefechtsstand, und dann kommt die Drohne. Infanteriegefechte Mann gegen Mann gibt es fast nur noch dann, wenn keine Drohnen fliegen können. Oder wenn die eigenen Drohnen in einer feindlichen Stellung nicht alle töten konnten. Dann heißt es: Hingehen und sie fertigmachen. Sonst aber gilt eine Regel, die ein Leutnant in drei Gebote fasste: „Stillhalten, melden, am Leben bleiben“.
Kaum noch offene Schützengräben
Weil Stillhalten so wichtig ist, sind die Ablösungen schwer. Man kann nicht ablösen, ohne sich zu bewegen. Der Neue muss vor zur Stellung, oft kilometerweit unter den Augen der feindlichen Kameras, von Gebüsch zu Graben, von Graben zu Keller. Wenn oben die Drohne surrt, hält man ein Stück Dachpappe über den Kopf. Das kann Tage dauern, und oft bewegt man sich nur in der Dämmerung, weil Drohnen dann schlecht sehen.
Weil die Ablösung so gefährlich ist, wird manchmal über Monate nicht abgelöst. Einer der Soldaten, mit denen die F.A.Z. sprach, war zuletzt 49 Tage in seinem Unterstand, zwei andere, Kampfnamen „Bär“ und „Ukraine“, 137 Tage lang.
Ein Unterstand in der Todeszone ist mit zwei oder drei Soldaten besetzt. Zu dritt ist es einfacher, vor allem, falls einer krank wird. Andererseits sind dann auch immer gleich drei tot, wenn eine Drohne das Loch entdeckt.
Damit das nicht geschieht, gibt es vorne kaum noch offene Schützengräben. Die Soldaten graben sich unter die Erde, und wenn sie ihre Handyvideos zeigen, sieht man Bilder, die an die Hamas-Tunnel im Gazastreifen erinnern: schmale Gänge, gestapelte Munition. Manche Stellungen, vor allem solche in den Kellern zerbombter Häuser, sind geräumig und trocken, andere sind schlammige Liegehöhlen, gerade breit genug für zwei. Wenn unten das Wasser steigt, sitzen die Soldaten auf Kisten.
„Tut nichts, wir kümmern uns“
Wenn die Stellung geräumig ist, können die Soldaten auf Campingkochern Essen machen und müssen nur noch auf die Mäuse achten. Mäuse gibt es überall, ein Soldat spricht von einem „Meer von Mäusen“. Zugleich gibt es aber überall auch herrenlose Katzen, und über die sind die Meinungen geteilt. Manche Soldaten nehmen sie auf, weil sie Mäuse fangen, andere jagen sie fort, weil sie Drohnen anlocken. Dann bitten sie lieber per Funk um Rattengift.

Das kommt dann nachts per Drohne, so wie alles per Drohne kommt: Essen, Batterien, Medikamente, Wasser. Wasser ist am knappsten. Oft ist so wenig da, dass Händewaschen zum Luxus wird. So schickt man den Soldaten feuchte Hygienetücher, denn das wiegt weniger. Als Toiletten dienen Plastiktüten und Flaschen. Im Winter ist das einfach, denn bei Frost gefrieren die und können gestapelt werden, ohne dass jemand raus muss, um sie fortzuschaffen. Bei Wärme aber sind die Tüten ein Problem. Sie müssen nicht nur raus, sondern sie müssen draußen auch gut versteckt werden, denn der Feind sieht alles.
Schmutz, Nässe und Bewegungsmangel zehren an der Gesundheit. Vom Hocken und Sitzen schwellen die Füße an, und am Ende sind die Soldaten oft so geschwächt, dass sie kaum noch den Rückmarsch schaffen, wenn die Ablösung kommt. Bis dahin geschieht oft lange gar nichts. „Bär“ und „Ukraine“ haben in den 137 Tagen ihres letzten Einsatzes nur einmal russische Soldaten gesehen. Sie sahen sie aus ihrem Versteck, hielten still und machten Meldung. Antwort per Funk: „Tut nichts, wir kümmern uns.“ Gemeint war: Wir schicken eine Drohne.
So vergehen Wochen. Internet gibt es nicht, also verbringt man die Zeit mit Reparieren, Abdichten und Kreuzworträtseln. Kontakt zur Familie ist unmöglich, aber manchmal zeichnen die Kameraden im Gefechtsstand die Funksprüche der Männer in den Löchern auf und leiten sie an deren Frauen weiter.
Eine Killerdrohne an den Fersen
Und dann, selten, das Gefecht. Ein russischer Trupp versucht einzusickern, oft an den Nahtstellen zwischen zwei ukrainischen Einheiten. „Coach“ berichtet, wie so eine Gruppe reagiert, wenn sie entdeckt wird und die Drohnen kommen: „Chaos bricht aus. Sie verlieren die Kontrolle. Manche versuchen, ihren Verletzten zu helfen. So entstehen Gruppen, und die greifen wir an. Wenn sie dann fliehen, haben sie keine Deckung, und wir machen sie fertig. Es kommt auch vor, dass sie vor Angst in unsere Stellungen springen. Dann werden sie dort getötet.“
Ein anderer Soldat, Vorname Oleh, war selbst einmal der Gejagte: Ein paar Kameraden zogen an seiner Stellung vorbei, um einen anderen Trupp abzulösen. Eine russische Aufklärungsdrohne entdeckte die Männer. Sie suchten Deckung in Olehs Stellung, aber jetzt war auch er verraten. Kurz darauf kamen russische Artillerieeinschläge, dann surrten die ersten Kamikazedrohnen auf. Also raus aus der verratenen Stellung, jeder in eine andere Richtung. Eine Killerdrohne heftete sich im Tiefflug an Olehs Fersen. Am Ende rettete er sich in den Keller einer Ruine.
Oleh und seine Kameraden hatten Glück. Zwar wurden alle durch Splitter und Druckwellen verletzt, aber keiner starb. Am Ende kam sogar ein Radpanzer durch, um den mit den schwersten Wunden zu bergen. Oleh leidet bis heute an Symptomen des Explosionstraumas von damals. Es ist die Epidemie der ukrainischen Armee, und bei Oleh äußert sie sich in schlechtem Schlaf und einem bleibenden Summen in den Ohren. In schweren Fällen kommen Zittern, Zornanfälle und Sprachverlust hinzu. Pillen können helfen.
Immer wieder gelingt es, Gefangene zu machen. Gefangene sind wertvoll, denn für jeden kann vielleicht ein Ukrainer ausgetauscht werden. Auch beim Gefangene-Machen dreht sich alles um die Drohne. Wenn nämlich einer in der Todeszone dieses Summen über sich hört, weiß er, dass er keine Chance hat. Dann kommt es vor, dass er die Hände hebt, sich ergibt. Die Ukrainer sehen das auf ihren Monitoren, und „Coach“ erzählt, was dann geschieht: Man schickt eine weitere Drohne los, mit einer Flasche, und darin einem Zettel: Folge mir. Dann fliegt die Drohne langsam voraus, der Gefangene folgt ihr mit erhobenen Händen bis zur Stellung der Ukrainer.
Aufgegriffen von den Patrouillen, die nach Männern suchen
Ein anderer ukrainischer Soldat, Kampfname „August“, erzählt, was dann folgt: Der Russe wird in den Unterstand geholt und gefesselt. Dann warten alle gemeinsam auf den Nebel oder den Wind, ohne den niemand zurück ins Hinterland kann. Manchmal tagelang, und bis dahin bringt die Nachschubdrohne für den neuen Esser eine Portion mehr.
Nach der Ablösung gibt es Urlaub zu Hause oder in einem Sanatorium, und danach geht es wieder hinaus in die Stellung. Jeder nimmt das auf seine Weise. Einige der Soldaten, mit denen die F.A.Z. sprach, wirkten motiviert, andere müde. „Coach“ zum Beispiel hatte sich schon zu Beginn des Krieges freiwillig gemeldet, andere sind nur dem Einberufungsbefehl gefolgt. Oleh, „Bär“ und „Ukrainer“ berichteten, sie seien am helllichten Tag ohne Vorwarnung von einer der vielen Patrouillen aufgegriffen worden, die heute auf Straßen, in Einkaufszentren und U-Bahnhöfen nach Männern suchen, die sich der Wehrpflicht entziehen.
Alle drei sagten, der Rekrutierungstrupp habe sie direkt von der Straße mitgenommen, ohne Gepäck, ohne Zahnbürste, ohne Abschied von der Familie. „Ukraine“ musste sein Motorrad am Straßenrand stehen lassen. Trotzdem wirken sie nicht empört. „Ich war nicht wütend“, sagt „Bär“. Vorher hatte er in einer Fleischfabrik Räucherwurst gemacht, und so recht hatte ihm das nie gefallen. „Ich wollte sowieso etwas anderes“, sagt er – „und jetzt bin ich schon Obergefreiter.“
Und wie ist es, zu kämpfen, wenn man gar nicht kämpfen will? „Ganz einfach“, antwortet „Bär“. „Du tötest den Feind, oder der Feind tötet dich.“
