Dass er 1946 in Princeton zu Albert Einstein vorgelassen wurde, lag an seiner Vernetzung, die er sich bereits im Pariser Exil als Mitglied im „Verband deutscher Journalisten in der Emigration“ aufgebaut hatte. Der aus Dresden stammende Fred Stein hatte zehn Minuten gewährt bekommen. Offenbar funkte es ohne lange Aufwärmphase zwischen den beiden. Sie erzählten sich Witze und brauchten für die wenigen Fotoporträts ganze zwei Stunden.
Ähnlich verlief das Treffen mit Hannah Arendt in ihrer Wohnung. Als sich die politische Theoretikerin auf den Boden legte und in Gedanken versank, drückte Stein auf den Auslöser und erschuf so eine ikonische Charakterstudie, die ohne die konversationssichere Mitwirkung des aus N-Deutschland vertriebenen Juristen und Sohns eines Rabbiners nicht möglich gewesen wäre.
Mischung aus Essay, Chronologie und Gegenwartsbezug
Danach saß ihm Arendt noch 1949, 1960 und 1966 für Aufnahmen Modell. Die schwarz-weißen Porträts des „Kopfjägers“, wie sich Stein selbst ironisch nannte, sollten nicht schmeicheln, sondern stets einen Moment im Gespräch bezeugen, ob es sich um Egon Erwin Kisch oder Marlene Dietrich handelte. Umso tragischer, dass er nach seinem frühen Tod im Jahr 1967 aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden war.

Das ändert sich nun dank Einzelausstellungen im In- und Ausland und dieser ersten, intensiv recherchierten Biographie des Historikers Daniel Siemens, der unter anderem eine Geschichte der SA und zuletzt eine Biographie des Journalisten Hermann Budzislawski vorlegte und dabei im Deutschen Exilarchiv auf ein Porträt des ihm damals unbekannten Fred Stein stieß. Siemens wählt erzählerisch eine gewagte Mischung aus essayistischen Abschnitten, biographischer Chronologie und Gegenwartsbezügen, inklusive aktueller Debatten um Migration, Demokratie, Trumps verheerende Politik oder das Geschehen in Gaza. Dass er dabei das eigentliche Thema nicht überfrachtet, verdankt sich einer mitfühlenden Stimme, die das Material informationsreich kartiert.
Ausgehend von der Auswertung des Nachlasses kristallisiert sich dabei das Bild eines mit der Verwertung seiner Werke überforderten, linksbürgerlichen Intellektuellen heraus. Selbstvermarktung gehörte nicht zu seinen Stärken, weswegen die Korrespondenz um fehlende Namensnennung und ausbleibende Honorare ganze Regale füllt. Vor der Flucht wollte Stein eigentlich Strafverteidiger werden, wurde aber als Referendar aus dem Staatsdienst entlassen und gehörte nach der Machtergreifung als Jude und Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD) zu den Ersten, die das Land verließen. Er ging mit seiner Frau Lilo zunächst nach Paris, wo viele andere Migranten, da sie einer regulären Arbeit nicht nachgehen durften, zur Kamera griffen.
Begegnungen mit Brecht, Feuchtwanger, Bloch
Dieser prägenden Zeit räumt Siemens viel Platz ein und liefert einige wenig bekannte, anschaulich bebilderte Geschichten. Die Steins, die von ihren Eltern Geld zugeschickt bekamen, gründeten am Montmartre eine Wohngemeinschaft mit Gerda Taro und Robert Capa, die später gemeinsam vom Spanischen Bürgerkrieg berichten sollten. Auch der junge Willy Brandt kam aus dem skandinavischen Exil zu Besuch.

Dass eines von Steins Porträts von Léon Blum es damals sogar in die Zeitschrift „Life“ schaffte, ändert nichts daran, vermutet Siemens, dass das Geschäft mit der Fotografie kaum Gewinne abwarf. Außer der eigenen Konkurrenz begegneten Fred und Lilo, die für die Abzüge zuständig war, dafür unzähligen Kulturschaffenden, die an der Seine ihre Exilverbände gründeten, so auch 1935 auf dem Internationalen Schriftstellerkongress zur Verteidigung der Kultur, wo Stein etwa Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Ernst Bloch und Heinrich Mann porträtierte.
Nachdem die Wehrmacht in Frankreich einmarschiert war, entkam er im Mai 1941 mit Frau und Tochter an Bord des Dampfers SS Winnipeg nach New York. Mit an Bord waren ein Dutzend weitere Fotografen und Fotografinnen, unter ihnen Ilse Bing und der russischstämmige Mode- und Theaterfotograf Boris Lipnitzki. Immerhin bekam das Paar jetzt eine Arbeitsgenehmigung.
Stein konnte sich zu Beginn im umkämpften amerikanischen Pressegeschäft nur schwer über Wasser halten, während seine Frau in Fotolaboren arbeitete und damit die Hauptverdienerin war. Auf der Odyssee von Europa in die USA entstanden über 1200 Porträts, flankiert von oft poetischen Straßenszenen im Geiste eines Brassaï oder Walker Evans. Kurz nach Kriegsende erschien Steins erster Bildband „5th Avenue“, eine Hommage an die Vielfalt des New Yorker Stadtlebens.
Auch wenn ästhetische Betrachtungen irritierend kurz kommen, beleuchtet die Biographie dafür ausführlich Steins Sicht auf die damalige Zersplitterung der Linken. Seine Mitgliedschaft in der Vereinigung „Photo League“ ließ er etwa bereits 1945 ruhen, weil er die Stalin-Verehrung vieler Mitglieder nicht teilte und jede Art von Totalitarismus ablehnte. Was er von den „Freunden von Joseph“ hielt, schrieb er in einem Brief im gleichen Jahr: „Vor allem, was die politische Moral anbetrifft, herrscht eine solche Verwilderung – nur noch Anbetung der brutalen Gewalt, der machtvollen Oekonomie usw., dass der Mensch völlig zur quantité négligéable wird.“

Seit 1958 fuhr Stein wieder nach Deutschland, meist für Aufträge, wie etwa den Bildband „Deutsche Portraits“, für den er neben Willy Brandt und Günter Grass auch Mitläufer des NS-Regimes und frühere NSDAP-Mitglieder fotografierte. Er wollte ein Land porträtieren, in dem, wie er anmerkte, „nicht nur Engel“ lebten. 1961 sollte die Essaysammlung „Das war nicht unser Deutschland“ erscheinen, mit Aufsätzen von Exilintellektuellen. Ein Verlag fand sich dafür nicht. Stein saß weiterhin zwischen allen Stühlen. Das galt auch für Israel, wohin seine Mutter emigriert war, und den Zionismus.
Siemens schafft es leichtfüßig, die künstlerischen Stationen aufeinander zu beziehen und auch Steins politische Heimatlosigkeit herauszuarbeiten. „Der antifaschistische Humanismus als kulturelle Bewegung stand in den Westzonen von Anfang an unter Kommunismusverdacht“, schreibt er, „während er in der sowjetischen Besatzungszone, der späteren DDR, als vermeintlich bürgerliche Ideologie geschmäht wurde.“
In den USA galt er ohnehin als „unamerikanisch“, weswegen Stein auch hier Außenseiter blieb. Doch hieß das auch, so Siemens, dass Stein sich seine Integrität bewahrte. „Er beherrschte die Kunst, ein freier Mensch zu sein“, schließt er sein überaus lesenswertes, lebendiges und nuanciertes Buch, „und diese gedankliche Freiheit prägte auch seine Kunst. Schon aus diesem Grund lohnt es, sich mit seinem Leben und Werk zu beschäftigen.“
Daniel Siemens: „Der Fotograf Fred Stein“. Ein deutsch-jüdisches Leben. 1909 bis 1967. Ch. Links Verlag, Berlin 2026. 336 S., Abb., geb., 28,– €.
