
Heimtückischer Mord oder eine „bemerkenswerte Konstruktion“ der Staatsanwaltschaft: Die Einschätzungen von Anklage und Verteidigung über die Ereignisse am 13. März 2025 in einem Wohnhaus in Nidderau gehen weit auseinander. Fest steht, dass einen Tag später der Partner die Leiche der 45 Jahre alten Frau findet. Schwerste Kopfverletzungen und ein Schädelbruch haben sie wohl das Leben gekostet. Seit Freitag steht nun ein Nachbar vor dem Hanauer Landgericht. Er soll die alkoholisierte Frau durch „stumpfe Gewalt gegen den Kopf“ getötet haben. Ein Vorwurf, den der Verteidiger für seinen Mandanten „entschieden“ zurückweist. Ein Indizienprozess hat begonnen.
Lange hatte die Polizei nach dem Leichenfund ermittelt und gefahndet, Mitte Juli dann wird der heute 59 Jahre alte Oliver S. festgenommen und in Untersuchungshaft gebracht. Laut Staatsanwaltschaft hatte er sich mit einem Nachschlüssel Zugang zur Wohnung von Nicole L. verschafft, mit der es wegen Lärms aus ihren Zimmern schon zuvor Streit gegeben hatte. S. habe geglaubt, die Frau sei gar nicht zu Hause, tatsächlich aber habe sie im Schlafzimmer telefoniert. Als sie es wieder verließ und auf S. getroffen sei, habe er sie „zur Vertuschung einer Straftat“ erschlagen, so die Version der Anklage, die Staatsanwalt Wanja Welke vorträgt. Aber vieles ist noch unklar, eine Tatwaffe zum Beispiel ist nicht gefunden worden.
Von der Post an den Flughafen
Zu den Tatvorwürfen werde sich sein Mandant im weiteren Verlauf des Verfahrens äußern, sagt dessen Verteidiger Matthias Reuter. Vorerst gibt S. nur zu seiner Person Auskunft. Das aber tut der kräftige, bärtige Mann in der von Richter Niels Höra geleiteten Sitzung bereitwillig. Von Haus aus Fernmeldetechniker, erst bei der Post, dann bei der Telekom, arbeitet er seit 2011 am Frankfurter Flughafen bei einem Unternehmen, das in der kalten Jahreszeit Jets enteist. Der geschiedene Vater dreier Kinder zeichnet das Bild eines bürgerlichen Lebens ohne Exzesse – „Alkohol ist nicht meins“. Allerdings sei nach der Scheidung der Kontakt zu zweien seiner Kinder abgebrochen, nur mit dem ältesten Sohn stehe er noch in Verbindung, sagt S.
„Schlank, sportlich, ehrgeizig“, so charakterisiert ihr Lebensgefährte die 45 Jahre alte Nicole L. Kennengelernt haben sich die beiden bei ihrem gemeinsamen Arbeitgeber, einem mittlerweile insolventen Unternehmen in Rodgau. Aus Freundschaft wurde Partnerschaft, so schildert es der 52 Jahre alte Zeuge und auch, dass die Beziehung keinen leichten Start hatte. Denn noch hing das spätere Opfer, das Foto der Öffentlichkeitsfahndung zeigt eine attraktive, rotblonde Frau, an seinem langjährigen Lebensgefährten. Sie sei „zweigleisig“ gefahren, ohne dass die beiden Männer voneinander wussten. Als sich deren Vermutungen verdichten, kommt es erst zu einer Konfrontation und dann zu einer Aussprache. Schließlich löst sich der Knoten, L. zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus und sucht sich im Nidderauer Stadtteil Ostheim eine neue Bleibe.
Doch der Zeuge schildert auch eine dunkle Seite der ansonsten als offen und lebensfroh beschriebenen Frau. Sie ist trockene Alkoholikerin, und sie hat nach jahrelanger Abstinenz mit Rückfällen zu kämpfen: „Manchmal zwei, drei Tage, aber auch bis zu zwei Wochen“, berichtet der Mann. Er weiß „von Anfang an“ um die Sucht der Frau, die damit auch in dem Unternehmen offen umgegangen sei und von der Geschäftsführung unterstützt wurde. Bei den Rückfällen sei Nicole zur „Flaschentrinkerin“ geworden, die ihren Weißwein gar nicht mehr erst in ein Glas gießt. Es folgt eine Schilderung des Leidens einer Suchtkranken und ihrer Freunde und Angehörigen, die im Kampf gegen den Alkohol für sie einstehen.
Im Rausch habe sich ihre Persönlichkeit verändert, „sie wurde aufbrausend und machte aus einer Mücke einen Elefanten“. In diesen Phasen kümmern sich der Zeuge und die Mutter der Frau um sie, bis hin zu Terminen zur Entgiftung in einer Klinik, wenn die Fünfundvierzigjährige nicht wieder aus eigener Kraft vom Alkohol lassen kann. Auch vor ihrem Tod durchlebte sie eine Phase heftigen Trinkens, die Tasche für die Klinik war schon gepackt. Am Tag ihres Tods telefoniert ihr Freund noch mit ihr, bis das Gespräch mit einem kurzen „Ah“ abbricht, „als ob sie sich wehgetan hätte“, der Rückruf wird nicht angenommen. Aber dass Nicole N. unvermittelt auflegt, das hatte er schon früher erlebt.
Eine Wohnung wie nach einem Kampf
Am nächsten Morgen meldet sich ihre Mutter bei ihm, auch sie hat ihre Tochter nicht mehr erreicht. Also macht sich der Mann auf den Weg zur Ostheimer Wohnung, öffnet die Wohnung – und sieht rot: Blut überall auf den Fliesen, Möbeln und Wänden, mit dem Kopf auf dem Sofa liegt seine Freundin auf dem Boden. Er will sie ansprechen und aufrichten, doch der Körper der Frau ist schon steif: „Dann habe ich um Hilfe gerufen und die 112 gewählt“, an die folgenden Momente hat er keine klare Erinnerung mehr. Möbel sind verschoben, Teppiche zusammengeknüllt: Die Wohnung habe ausgesehen, als ob jemand um sein Leben gekämpft habe, aber einen Reim auf das Gesehene habe er sich nicht machen können.
Der Prozess wird fortgesetzt, die Kammer hat sich auf ein langwieriges Verfahren eingestellt: Knapp 20 Termine sind bis in den August hinein vorgesehen.
