
Die Munitionsvorräte der Vereinigten Staaten sind in ihrem wochenlangen Luftkrieg gegen Iran deutlich geschrumpft. Das gilt sowohl für Offensiv- als auch für Defensivwaffen. Und das könnte Auswirkungen auf mögliche künftige Operationen haben. Das „Wall Street Journal“ berichtet unter Berufung auf Regierungsvertreter, dass die USA Notfallpläne zur Verteidigung Taiwans gegen eine chinesische Invasion in naher Zukunft nicht vollständig umsetzen könnten. Demnach könnte es bis zu sechs Jahre dauern, bis die Bestände wieder vollständig aufgefüllt sind.
Das amerikanische Militär griff nach eigenen Angaben bis zur Feuerpause am 8. April mehr als 13.000 Ziele an und fing gemeinsam mit den Golfstaaten 1700 iranische Raketen und Drohnen ab. Dem Zeitungsbericht zufolge setzten die USA dafür mehr als 1000 ihrer Tomahawk-Marschflugkörper ein sowie 1500 bis 2000 Flugabwehrraketen. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) schätzt, dass die USA knapp 30 Prozent ihrer Tomahawk-Bestände verschossen haben. Hinzu kommt demnach ein hoher Verbrauch des Marschflugkörpers JASSM.
Auch die Abfangraketen sind knapp
Außerdem setzten die Amerikaner gegen Iran erstmals die neue ballistische Precision Strike Missile ein und das offenbar ebenfalls in hoher Zahl. CSIS geht davon aus, dass mindestens 45 Prozent der Vorräte aufgebraucht wurden. Die US-Denkfabrik weist jedoch darauf hin, dass es bei anderen Offensivwaffen keine Engpässe gebe; auch wenn diese eine geringere Reichweite hätten.
Noch kurz vor der Feuerpause griffen die USA und Israel Iran mit einer hohen Schlagzahl an. Die USA dürften in der Lage sein, den Krieg weiterzuführen, sollte es keinen Friedensschluss geben und die Waffenruhe auslaufen.
Für Operationen gegen mächtigere Gegner wie China könnte insbesondere der Mangel an Abfangraketen zu einem Problem werden. Fachleute gehen davon aus, dass bei einem Konflikt um Taiwan, das Peking für sich beansprucht, zahlreiche Flugkörper auf amerikanische Flugzeuge und Schiffe abgefeuert würden.
„Der hohe Munitionsverbrauch hat im westlichen Pazifik ein Fenster erhöhter Verwundbarkeit geschaffen“, sagt Mark Cancian von CSIS. Der Organisation zufolge wurde im Irankrieg mindestens die Hälfte der Abfangraketen des Patriot- sowie des THAAD-Systems, das speziell gegen ballistische Raketen gerichtet ist, verschossen. Das Weiße Haus dementiert jegliche Engpässe.
Trump gilt ohnehin nicht als enger Freund Taiwans
Die militärische Abschreckungsfähigkeit Taiwans wird derzeit von zwei Seiten auf die Probe gestellt: Neben den knappen Munitionsbeständen der Amerikaner blockiert die oppositionelle KMT-Partei die Verabschiedung des von Präsident Lai Ching-te vorgelegten Verteidigungshaushalts. Lai hatte Ende November einen Rüstungssonderhaushalt in Höhe von 40 Milliarden Dollar für die kommenden acht Jahre vorgeschlagen. Die KMT-Parteivorsitzende Cheng Li-wun hingegen ist derzeit nur bereit, einer Summe von rund zwölf Milliarden Dollar zuzustimmen.
In ihrer Position gestärkt sieht sich Cheng, nachdem sie diesen Monat von Chinas Staatschef Xi Jinping in Peking empfangen worden ist, der sich klar auf die Seite der chinafreundlichen Politikerin stellt. Dass Cheng auch KMT-intern höchst umstritten ist und ihre Konkurrenten um die Spitzenkandidatur zur Präsidentschaftswahl 2028 einen weit höheren Rüstungshaushalt befürworten, schwächt wiederum ihre Position. Das verlängert aber auch die Unsicherheit über Taiwans Rüstungshaushalt.
Diese Pattsituation beginnt zunehmend auch die USA zu verärgern, wo Taiwan den größten Teil seiner Waffen bestellt. US-Präsident Donald Trump gilt im Gegensatz zur Führung des Pentagons ohnehin nicht als enger Freund Taiwans und könnte in dieser Frage ungeduldig werden. Auch vor diesem Hintergrund blickt Taipeh mit großer Sorge auf den für Mitte Mai erwarteten Peking-Besuch Trumps. Sollte das Parlament in Taipeh bis dahin keinen Rüstungshaushalt verabschiedet haben, schwächt dies Taiwans internationale Verhandlungsposition und Abschreckung.
