
Jahrelang haben die Stadtverwaltung mit ihrem Kurbetrieb und der regionale Kneipp-Verein darauf hingearbeitet, am Freitag ist es nun soweit: Die Kurstadt wird zum Kneipp-Heilbad hochgestuft. Das Land Hessen verleiht der Stadt dieses Prädikat. Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD) kommt zum Festakt am Freitagmittag. Mit ihm wird der parteilose Bürgermeister Klaus Kreß das neue Kurmittelhaus im Sprudelhof eröffnen.
Mehr Geld vom Land ist mit dem Prädikat zwar nicht verbunden. Der Bürgermeister verspricht sich davon aber eine „erhöhte Strahlkraft unter jenen, die mit Kneipp etwas anfangen können“. Dies seien meist ältere Gesundheitsbewusste. Die Stadt will diesen Kreis aber um jüngere erweitern, wobei ihr der sogenannte Longevity-Trend in die Karten spiele. Kreß spricht angesichts der Hochstufung von einem wichtigen und bedeutsamen Schritt auf dem Weg, Bad Nauheim als Gesundheitsstadt zu profilieren.
Die Kurstadt gesellt sich zu sieben anderen Orten in Hessen, die sich Kneipp-Heilbad nennen dürfen, darunter Bad Endbach, Bad Camberg und Grasellenbach an der Bergstraße. Tourismus und die Gesundheitsbranche seien wichtige Wirtschaftsfaktoren in Bad Nauheim, hob der Bürgermeister im Gespräch mit der F.A.Z. hervor.
Gesundheitsbranche ein Stützpfeiler der Wirtschaft
Einer Studie aus dem Jahr 2021 zufolge arbeiten etwa 5100 Frauen und Männer in Bad Nauheim direkt in diesem Wirtschaftszweig, rund 6500 Beschäftigte haben mit ihm zu tun. Jeder in der Gesundheitsbranche erlöste Euro löst in der Stadt eine Wertschöpfung von 38 Cent in anderen Wirtschaftszweigen wie der Gastronomie, der Hotellerie und dem Einzelhandel aus. Ohne diesen Wohlstandsgewinn gäbe es der Studie zufolge ein Viertel weniger Arbeitsplätze in der Kommune.
Vor diesem Hintergrund werde Bad Nauheim trotz der angespannten Haushaltslage weiter die Gesundheitswirtschaft fördern, in Sicherheit, Verkehrswege und sein Erscheinungsbild investieren. „Hier unterscheiden wir uns wohltuend von anderen Kommunen in der Region“, sagte Kreß selbstbewusst. Dank der Rolle als Kurort bekommt die Stadt bisher rund 1,5 Millionen Euro im Jahr aus dem kommunalen Finanzausgleich. Dieses Geld kann sie angesichts des Haushaltsdefizits von gut zehn Millionen Euro gut gebrauchen.
Kneipp-Kurort ist Bad Nauheim seit 15 Jahren. Künftig Heilbad zu sein, sei zusammen mit dem Kurmittelhaus ein Baustein für den Aufbau der Gesundheitsstadt. Wie Kurdirektor Steffen Schneider sagte, verbindet sich mit dem Qualitätssiegel ein Versprechen für Verbraucher, nicht zuletzt für die Kneipp-Gäste. Er und Kreß verwiesen auf den Gesundheitsgarten mit Kneipp-Elementen, die von den Krankenkassen anerkannten Kneipp-Therapien wie Güsse, Arm- und Fußbäder im Kurmittelhaus und den ersten zertifizierten Heilwald als Pluspunkte.
Dazu verfügt die Stadt über eine Kneipp-Kita, das Seniorenheim Elisabethhaus der Diakonie bietet auch Therapien nach den Vorgaben des etwas verkürzt als „Wasserdoktor“ bezeichneten Pastors Sebastian Kneipp an. Er predigte, Wasser und Kräuter als Heilmittel einzusetzen, sich nicht nur ausnahmsweise gesund zu ernähren, sich regelmäßig zu bewegen und stets auf seine „Lebensordnung“ zu achten, neudeutsch als Work-Life-Balance bezeichnet.
Um auf die Hochstufung vorbereitet zu sein, seien viele Beschäftigte von Gesundheitseinrichtungen fortgebildet worden. So gebe es auch einen Kneipp-Bademeister in der Kurstadt. Mit Blick auf den Trend Longevity („Langlebigkeit“) und die Bereitschaft ungezählter Menschen, selbst Geld in ihre Gesundheit zu investieren, ziele Bad Nauheim auf mehr Selbstzahler, sagte Kreß. Longevity soll nach seinen Worten als Mittel dienen, vermehrt junge Menschen nach Bad Nauheim zu locken.
