
Jannik Marquart (CDU) ist begeistert: „Das ist die schnellste Schule Deutschlands“, sagt der Schuldezernent des Main-Kinzig-Kreises. In nur eineinhalb Jahren soll der Erweiterungsbau für die Bertha-von-Suttner- Schule in Nidderau stehen, die eine gymnasiale Oberstufe erhält. Nur 17 Monate sollen vergehen vom Beginn der Planung und Ausschreibung am 10. Oktober 2025 bis zum avisierten Fertigstellungstermin im März 2027.
Der Main-Kinzig-Kreis hat als Bauherr Zeit gespart, wo es nur geht. Nicht alle Abkürzungen, die dafür genommen wurden, lassen sich mit den Rahmenbedingungen in anderen Kommunen vergleichen. Beispielsweise hat die Bauaufsicht den Bauherrn – also sozusagen sich selbst – von den Auflagen des Bebauungsplans befreit. „Wir waren pragmatisch. Es musste schnell gehen“, sagt Marquart und verweist auf den dringenden Bedarf für eine gymnasiale Oberstufe.
Die größte Abkürzung aber liegt im Planungsverfahren. Der Bau wurde nicht, wie üblich, in einzelne Lose aufgeteilt und getrennt ausgeschrieben. Der Kreis hat den Weg einer Generalübernahme gewählt und einen Projektentwickler mit dem kompletten Paket beauftragt – von der Planung bis zum Bau. Durch die Einzelvergabe entstehe ein großer Zeitverzug, meint Marquart. Das gewählte Verfahren sei schneller und „ein Gewinn für die Schüler“.
Schlüsselfertig zu einem Festpreis
Anders als üblich wurde kein Architekturwettbewerb vorgelagert, sondern in das Verfahren integriert. Die Bewerber sollten der Jury einen Entwurf vorlegen, den sie schlüsselfertig zu einem fest vereinbarten Preis errichten. Die sieben Teilnehmer des Bieter-Wettbewerbs hatten dafür nur einen Monat Zeit. Das Verfahren wurde am 10. Oktober 2025 ausgeschrieben, schon Mitte November war Abgabetermin.
Das Unternehmen Goldbeck, das im Systembau aktiv ist, setzte sich durch – mit einem Entwurf der hauseigenen Architekturabteilung, der von dem Unternehmen selbst für 10,7 Millionen Euro ausgeführt wird. Niederlassungsleiter Fritz Rinderspacher lobt die Verwaltung, die innerhalb von nur sieben Wochen die Baugenehmigung erteilt habe. Er fordert: „Wir sollten alle Möglichkeiten des Vergabesystems nutzen, um den Investitionsstau zu beheben.“
„Wenn die Verwaltung will, dann kann sie auch“, kommentiert Marquart die Leistung der eigenen Leute. Auch der Entwurf könne sich sehen lassen, die Schule sehe „unglaublich gut“ aus. Der Vertreter des Kreises und Goldbeck haben das Projekt gemeinsam auf der Schulbaumesse in Frankfurt vorgestellt. Doch dort stieß das Vorhaben nicht auf ungeteilte Begeisterung.
Architekten gegen „Projekte von der Stange“
Die hessische Architektenkammer sieht das Projekt äußerst kritisch. Ihr Präsident Gerhard Greiner erkennt zwar durchaus den Bedarf, Prozesse im öffentlichen Schulbau zu optimieren, um Bauvorhaben zu beschleunigen. Aber das dürfe nicht dazu führen, dass nur noch „Projekte von der Stange“ entstünden, sagte er auf der Schulbaumesse.
Der Main-Kinzig-Kreis wolle noch weitere Projekte nach diesem Modell an Generalübernehmer vergeben. Greiner warnt vor „panikartigem Handeln“: „Wir befürchten, dass sich Architektur dann nur noch nach den Produktionsbedingungen eines Unternehmens richtet und nicht mehr nach den Bedürfnissen der Schüler und den Bedingungen des Ortes“, sagt der Kammerpräsident. Standardisierte Verfahren seien nicht für alle Bauaufgaben geeignet. Eine Schule zu bauen, sei ein „kulturelles Ereignis“ und nicht vergleichbar mit dem Bestellen von Kopierpapier.
Sorge um Mittelstand: „Wir schaufeln uns unser Grab“
Der Auftraggeber, also die Kommune, gebe bei derartigen Verfahren auch die Möglichkeit einer unabhängigen Qualitätskontrolle aus der Hand, sagt Greiner. Der Architekt einer Schule sei üblicherweise der Treuhänder der Kommune und ihr Dienstleister, nicht der des Generalübernehmers. Die Kommune sei dem Generalübernehmer ausgeliefert, wenn sie nur noch auf schlüsselfertigen Systembau setze. Greiner sieht die Gefahr, dass dann besonders günstige und nicht hochwertige Materialien eingesetzt werden.
Es sei auch auf dem klassischen Weg der Einzelvergabe möglich, schneller zu handeln, etwa indem Strukturen in Verwaltung und Politik verbessert würden. Die Einzelvergabe sei besonders mittelstandsfreundlich: „Der Mittelstand prägt die wirtschaftliche Entwicklung unserer Gesellschaft. Wir schaufeln uns selbst unser Grab, wenn die großen Aufträge nur noch von Konzernen erbracht werden“, sagt Greiner. Diese Befürchtung versucht Goldbeck-Niederlassungsleiter Rinderspacher zu entkräften, denn sein Unternehmen beteilige nach dem veredelten Rohbau auch ansässige Betriebe am Innenausbau.
Der Bund Deutscher Architekten hat ebenfalls große Bedenken. Liege der Fokus nur noch einseitig auf Geschwindigkeit, gerieten Baukultur und Pädagogik aus dem Blick, warnt der Landesvorsitzende Moritz Kölling. Auch er sieht grundsätzlich Bedarf, Verfahren zu beschleunigen. „Wenn der Schulbau aber als reines Wirtschaftsgut und Industrieprodukt betrachtet wird und der Fokus einseitig auf schnell und kostengünstig liegt, geben Kommunen ihre Steuerungsfähigkeit auf.“
Mit der Bündelung von Planung und Ausführung entfalle eine zentrale unabhängige Kontrollinstanz, sagt Kölling. Mit der Vergabe gebe der Auftraggeber die Steuerung vollständig an den Unternehmer ab und sei abhängig von dessen Leistungsverständnis. Die Auslobungen beschränkten sich auf einseitige Angaben zu Flächen, Kosten und Terminen. Durch kurze Bearbeitungsfristen und die Forderung nach umfangreichen Vorleistungen schon in der Angebotsphase würden systematisch Marktteilnehmer des Mittelstands gegenüber der Bauindustrie benachteiligt.
