Einen würdigen Ort haben Dorothee Nolte und Annalisa Derossi für diese Soirée zu Ehren Clara Schumanns ausgesucht: Bis zur Enteignung im Dritten Reich 1938 gehörte die Mendelssohn-Remise im Hof des Grundstücks in der Jägerstraße 51 in Berlin-Mitte der Familie Mendelssohn-Bartholdy. 1998 wurde sie ihr restituiert, heute gehört sie wie das ganze Ensemble dem Immobilienfonds Union Investment, Trägerin der Remise ist die Mendelssohn-Gesellschaft. Wenige Hausnummern weiter, in der Jägerstraße 54, lag der erste Salon der Rahel Levin-Varnhagen, Geburtsort der „Rahelzeit“, jener knapp zwanzigjährigen Periode des Übergangs zwischen Ancien Régime und Nationalstaat, zwischen Stände- und Klassenge-sellschaft, über den Hannah Arendt schrieb: „Hier ward jeder nach nichts anderem beurteilt als seiner Persönlichkeit.“ Die Gastgeberinnen wissen darum, und so stand das Konzert der Pianistin Derossi mit eingeschobener Lesung von Dorothee Nolte aus Dokumenten der Zeit unter dem Motto „Zu Gast bei Rahels Schwestern“.
Das einzige Frauenbildnis im Skulpturenensemble in dem gleich der Stoa Poikile in Rot und Weiß gehaltenen Saal der Remise ist die Büste der Clara Schumann, wie Dorothee Nolte, Vorstandsmitglied der Mendelssohn-Gesellschaft und Redakteurin für Bildungspolitik beim „Tagesspiegel“, den Besuchern erläutert. Vor dem Eingang freilich stehen seit 2015 zwei Büsten, die Felix und auch Fanny Mendelssohn zeigen. Die Tochter des Berliner Historikers Ernst Nolte, der eine seiner Aufsatzsammlungen unter die Leitfrage „Was ist bürgerlich?“ stellte, veröffentlichte vor fünf Jahren das Buch „Ich liebe unendlich Gesellschaft. Rahel Varnhagen: Lebensbild einer Salonière“.
1819 geboren, war Clara Wieck-Schumann, wie sie auf dem Programmzettel genannt wird, zehn Jahre jünger als Felix und vierzehn Jahre jünger als Fanny. Was die Geschwister gemeinsam mit Schubert und Chopin grundlegten, führten – neben anderen – Robert und Clara Schumann weiter. Sie überführten es aber auch in eine spezifisch „deutsche“ Hochromantik, die ihre frühromantischen Wurzeln, seien es die italienischen oder die „jüdischen“, zunehmend versteckte. Die späte Clara Schumann war keine Cosima Wagner, trieb als Konservatoriumschefin und Solistin die kompositorische Schulbildung aber in eine vergleichbare deutsch-puristische Richtung wie die Witwe Richard Wagners. Dagegen steht ihre Rolle als Übermittlerin des Mendelssohn’schen Geistes in die Hände von Johannes Brahms und anderer hier im Vordergrund.
Sie harmonierten fast immer
Den frühen Tod Fannys empfand Clara als schweren Schlag, denn „wir harmonierten fast immer“, wie sie zwei Monate vor deren Tod im Mai 1847 in ihr Tagebuch notierte. Im Hause des jungen Ehepaars Schumann in Leipzig verkehrten neben Wagner, Liszt und anderen auch Mendelssohns. Wir erfahren auch, dass Clara, die in der Ehe mit Robert den „männlichen“ Part spielte – für ihre Kinder sollte sich dies nach Robert Tod 1856 als unheilvoll erweisen –, beim Bankier Paul Mendelssohn Kapital anlegte. „Der Gedanke“, schrieb sie Robert schon 1842, „Du sollst für Geld arbeiten, ist mir der Schrecklichste, denn dies kann Dich einmal nicht glücklich machen.“

Musik, Tanz und Zitat wechseln ab, zum Auftakt spielt Annalisa Derossi Czerny, eine jener Etüden, mit denen das Wunderkind Clara vom Vater Wieck traktiert wurde, sodann aus Schumanns „Kinderszenen“, ein Intermezzo von Brahms (dessen wahres Verhältnis zu Clara auch heute nicht geklärt wird) und zwei Stücke von Clara, von denen vor allem die Ballade in d-Moll aus den Soirées musicales, die viel vom Geist Fannys atmet, bestrickt. Eine schöne Überraschung: der Vortrag des Liedes „Seit ich ihn gesehen“ aus „Frauenliebe- und leben“ durch Dorothee Nolte.
Noch eine topographische Koinzidenz: Achthundert Meter von der Remise entfernt, im heutigen Gorki-Theater, führte Felix, der berühmteste Mendelssohn, das junge Genie, das, wie seine Schwester, die himmlischen Mächte das tolle Jahr 1848 nicht erleben lassen wollten, am 11. März 1829 Bachs Matthäus-Passion wieder auf. Halkyonische Tage nannte wie Leopold von Ranke (siehe „Geisteswissenschaften“ vom 17. September 2025) auch Karl Jaspers die Zeit vor der Julirevolution 1830, dem „Sturz in den Dreck“ (Stendhal) von Nationalstaat und Machtpolitik, der sich zweihundert Jahre später auf bizarre Weise zu wiederholen droht.
Einen offenen Salon mit freiem Eintritt führt die Mendelssohn-Gesellschaft hier seit zwanzig Jahren, getragen vom Engagement von etwa vierzig Ehrenamtlichen, ohne öffentliche Förderung, angewiesen auf Spenden. Erst Ende 2024 wurde die Miete um gut ein Drittel erhöht. Freilich blickt man im Saal fast nur auf weiße Häupter, bei den Kulturreisen, die Dorothee Nolte organisiert (so nächstens auf den Spuren der Schumanns und Mendelssohns), dürfte es kaum anders sein. Dabei sind Veranstaltungen wie diese, die gerade keinen ästhetischen Eskapismus pflegen, wohl das beste Heilmittel gegen die Polarisierung, indem sie die Relativität alles Politischen aufgehen lassen in der Absolutheit der Musik, in „Stunden des Selbstvergessens, wo man nur noch in Tönen atmet“ (Clara 1853).
