Im Stadtkern von Ahmedabad liegt der Müll auf der Straße, Plastikflaschen, Plastiktüten, Plastikfetzen. Wer neu im Ort ist, riecht noch den Gestank. Ein paar Kilometer außerhalb, in der „Gift City“, sind die Grünanlagen sauber, die Straßen gekehrt. Dort gibt es eine riesige unterirdische Tunnelanlage, die den Müll des Gebietes nicht nur sammelt, sondern auch gleich trennt. Gerade wird eine Metroverbindung in das Finanzzentrum gebaut. Dann müssen die Einwohner Ahmedabads nicht mehr über die sechsspurige Autobahn in die Planstadt fahren, die mit Steuerrabatten internationale Unternehmen anlockt.
Auch aus Mumbai ist es künftig mit dem Bullettrain nach japanischem Vorbild nicht mehr weit. Früher wurde Ahmedabad wegen der Textilindustrie das Manchester Indiens genannt, heute ist die Umgebung die Zentrale der indischen „Halbleiter-Mission“. Und Vorbild für das ganze Land. Ein „neues Kapitel“ hat Ministerpräsident Narendra Modi ausgerufen. Statt um Baumwolle soll es um Aufschwung gehen – Modis Zukunftsversprechen an alle Inder. Dabei unterstützt ihn auch die deutsche Bundesregierung.
Mehr als eine Milliarde Euro investiert Deutschland jährlich in Indiens Entwicklung, bis 2030 sollen es insgesamt zehn Milliarden Euro sein. 100 Millionen Euro sind dabei über die bundeseigene Förderbank KfW in den Bau einer neuen Metro geflossen, die von Ahmedabad in die Provinzhauptstadt Gandhinagar führt. Die Partnerschaft mit Neu Delhi gehört zu der in Berlin angekündigten Neuausrichtung der Entwicklungszusammenarbeit. Die klassische Entwicklungshilfe geriet in den vergangenen Jahren immer stärker unter Druck; nun findet eine Verschiebung statt: weg von Hilfszahlungen hin zur Betonung von Entwicklungszusammenarbeit als geostrategischem Instrument.
Den Bau der neuen Metro in Indien griff auch der rechtsextreme und prorussische Kanal „anonymous.org“ auf Telegram auf: Die „Entwicklungshilfeministerin“ stecke deutsche Steuermillionen in indische U- und S-Bahnen, „während der öffentliche Personennahverkehr in Deutschland verrottet“, heißt es in einem Beitrag, den mehr als 20.000 Nutzer aufriefen. Verschwiegen wird, dass die Mittel zum allergrößten Teil Kredite sind, für die Neu Delhi zuverlässig Zinsen zahlt. Deutschland verdient daran, dass es in Indien eine U-Bahn fördert.
Julia Smirnova, Wissenschaftlerin am Center für Monitoring, Analyse und Strategie mit Sitz in Berlin, hat jüngst in einer Studie analysiert, wie russische Akteure mit Falschbehauptungen unter anderem über die deutsche Entwicklungszusammenarbeit versuchen, demokratische Institutionen zu destabilisieren. „Die Entwicklungszusammenarbeit mit Indien wird in den Meldungen häufig infrage gestellt“, sagt Smirnova. Dabei werde sie überspitzt und pauschal als Vernachlässigung der Interessen deutscher Bürger dargestellt.
„Entwicklungspolitik ist keine Wohltätigkeit“
Der CSU-Politiker Wolfgang Stefinger verteidigt die Politik der Bundesregierung: „Entwicklungspolitik ist keine Wohltätigkeit, sondern am Ende auch strategische Interessenspolitik“, sagt Stefinger, der im Bundestag dem Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung vorsitzt. Die Zusammenarbeit in Indien sei sehr wirksam. Es gehe darum, Partnerschaften und befreundete Staaten auf der Welt zu haben; die Entwicklungszusammenarbeit habe über die vergangenen Jahrzehnte dafür eine Vertrauensbasis geschaffen, meint Stefinger: „Weil wir ein verlässlicher Partner sind.“ Wirtschaftspolitik werde weltweit inzwischen als ein Instrument der Außenpolitik eingesetzt.
Im Anfang des Jahres vorgestellten Reformpapier der Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan (SPD) heißt es, die Zusammenarbeit mit Schwellenländern sei geostrategisch sowie entwicklungspolitisch zentral. Und: „Viele der globalen Herausforderungen wie Klimaschutz sowie eine sozial und ökologisch gerechte Energiewende“ könnten nur gemeinsam angegangen werden. Die finanzielle Zusammenarbeit solle über zurückzuzahlende Kredite laufen.
Klimaschutz als Motivation
Auch der Wissenschaftler Tilman Altenburg von IDOS bekräftigt, dass Klimaschutz und sogenannte globale öffentliche Güter eine wichtige Motivation für heutige Entwicklungszusammenarbeit seien. „Ob jetzt Senegal sich dem Klimaschutz verschreibt oder nicht, ist für die Welt relativ egal, ob Indien das tut, ist nicht egal.“ Die Urbanisierung in den wachsenden indischen Städten lege den CO2-Fußabdruck der nächsten 100 Jahre fest, das Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) engagiere sich deswegen schon seit Jahrzehnten in der Energiewirtschaft des bevölkerungsreichsten Landes der Welt. Auch der CSU-Politiker Stefinger sagt: „Der Kampf gegen den Klimawandel wird sich nicht allein in Europa entscheiden, sondern am Ende auch in Ländern wie Indien.“
Indiens Wachstum ist Fachleuten zufolge für ein Drittel des weltweiten zusätzlichen Energiebedarfs in den nächsten beiden Jahrzehnten verantwortlich. Ende Januar sagte Modi, dass Neu Delhi bis zum Ende des Jahrzehnts 100 Milliarden Dollar (86,5 Milliarden Euro) in den Öl- und Gassektor investieren wolle. Mehr als dreimal so viel Geld will die indische Regierung im gleichen Zeitraum in erneuerbare Energien stecken – nämlich 350 Milliarden Dollar (302,4 Milliarden Euro). Dadurch soll die Kapazität „sauberer Energien“ nahezu verdoppelt werden.
Die Kraft der deutschen Wirtschaft zeigen
Davon sollen auch deutsche Unternehmen profitieren. Der Parlamentarische Staatssekretär im BMZ, Johann Saathoff (SPD), eröffnete bei der „Renewable Energy India Expo 2025“ in Neu Delhi den Pavillon „Made in Germany“, in dem 13 deutsche Unternehmen ausstellten. Man zeige hier die Kraft der deutschen Wirtschaft in Indien, sagte der Staatssekretär in seiner Rede. „Wir sind Team Deutschland, wir sind nicht nur unser Ministerium.“ Berlin wolle den privaten Markt mehr fördern, so Saathof.
„Was wir im BMZ machen, ist, vertrauensbildende Maßnahmen zu schaffen“, führte er im Gespräch mit der F.A.Z. aus. „Ich sehe da eine eher einfache Möglichkeit, die Herausforderungen, die der Koalitionsvertrag uns sonst so bietet, zu erfüllen.“ Der Koalitionsvertrag in Neu Delhi? Das BMZ hat nicht vergessen, dass es den Koalitionsverhandlungen fast zum Opfer gefallen wäre. Teile der Union wollten das Ministerium abschaffen, am Ende wurde es zwar geschwächt, existiert aber, wie von der SPD gewünscht, weiter. Doch auch der Sozialdemokrat Saathoff sagt nun: Deutsche Entwicklungszusammenarbeit soll nicht nur die Welt verbessern, man wolle auch Geld verdienen.
Merz betont die „großen Chancen“
In diesem Sinn betonte Merz in Ahmedabad die „großen Chancen“. Man werde nun die nächsten Schritte gehen: „Wir wollen enger zusammenarbeiten.“ Der Kanzler wurde dabei etwas pathetisch – und zitierte den indischen Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi, um der Kooperation einen Leitspruch zu geben: „Sei die Veränderung, die du dir für die Welt wünschst.“
Nicht weniger pathetisch sagte Modi bei dem Besuch: „Enge Zusammenarbeit zwischen Ländern wie Deutschland und Indien ist wichtig für die gesamte Menschheit.“ Die „zwischenmenschlichen Kontakte zwischen Indien und Deutschland sind tief und tief gewachsen“, dem würden sein „lieber Freund“ Merz und er noch mal „neue Energie“ einflößen. „Heute verändern wir diese historische Beziehung in eine moderne Partnerschaft.“

Indien will Deutschland auf Augenhöhe begegnen. Dementsprechend heißt Neu Delhi die Neuausrichtung der deutschen Entwicklungszusammenarbeit gut, will nicht länger Empfänger von Hilfe sein, sondern Partner. Modi sprach gegenüber Merz von „gemeinsamen Anstrengungen für die Entwicklung des globalen Südens“. Dabei betonte der Ministerpräsident, dass gemeinsame Projekte innerhalb der Dreieckskooperation des BMZ mit Drittländern ein erfolgreiches Modell der Partnerschaft für Entwicklungszusammenarbeit seien. Länder wie Ghana, Kamerun und Malawi könnten von Indien lernen.
Doch auch Indien hat noch mit Armut zu kämpfen. 806 Millionen Inder erhalten Lebensmittelhilfen der Regierung. Ein Bericht der Weltbank von Oktober 2025 hebt hervor, dass immer noch ein Viertel der indischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt, also weniger als vier Euro am Tag zur Verfügung hat. Die Lage hat sich zwar im vergangenen Jahrzehnt deutlich verbessert, aber das entspricht immer noch 348 Millionen Menschen. Während die aufstrebende Mittelschicht Modi für den Aufschwung verehrt, haben längst nicht alle daran Anteil.
An der „Sabarmati Riverfront“ in Ahmedabad färben Scheinwerfer die Parkanlage giftgrün, Statuen sind mit LED-Lichtern umwickelt. Die Metropole blinkt und boomt von außen, bald soll auch ein Riesenrad im Stil des „London Eye“ in die Höhe ragen. Doch im Stadtinneren bröckeln die Fassaden, Kabel hängen an Gebäuden herunter, Kinder betteln am Straßenrand. Modi führt seinen hohen Besuch lieber an der strahlenden Promenade seiner ehemaligen Heimatstadt entlang. Denn auch Berlin will von der Armut nur noch wenig wissen.
