
Am 25. August 1939, just einen Tag nach Bekanntgabe des Hitler-Stalin-Pakts, beginnt der Darmstädter Historiker Ludwig Bergsträsser, vormaliger Reichstagsabgeordneter der Deutschen Demokratischen Partei, ein Tagebuch. „Alles ist Tag für Tag aufgezeichnet worden durch den ganzen Weltkrieg hindurch“, schreibt er nach dem Krieg. Tatsächlich gibt es aber hin und wieder Lücken in seinem Bericht, Tage, in denen er etwa wegen Bombardierungen oder aufreibender Essenssuche nicht zum Schreiben kam. Bergsträsser leitete unter den Amerikanern von April bis Oktober 1945 die „deutsche Regierung des Landes Hessen“, arbeitete im Parlamentarischen Rat am Grundgesetz mit und saß von 1949 bis 1953 für die SPD im Bundestag.
Für den 1883 im Elsass geborenen Bergsträsser, der sich selbst als rabiaten Gegner des Nationalsozialismus bezeichnete, ist dieses „Kriegstagebuch von 1939 bis 1945“ eine „unmittelbare Quelle“ für die nachfolgenden Generationen. Die üblichen historischen Quellen – Zeitungsartikel und Rundfunkbeiträge etwa oder Bekanntgaben und Berichte der Regierung, der Behörden oder des Militärs, aber auch private Briefe – waren für ihn unzuverlässig oder tendenziös, denn sie dienten der NS-Propaganda oder enthielten wegen der Zensur und der Bespitzelung nur Teilwahrheiten.
Bergsträssers Aufzeichnungen, die das Hauptstaatsarchiv Darmstadt aufbewahrte, sind erst jetzt, acht Jahrzehnte später, den Lesern zugänglich. Der Marburger Verlag Schüren veröffentlichte das Werk unter dem Titel „Mosaik aus bitteren Tagen“ – ermöglicht durch den Journalisten Ludger Fittkau, der den Band herausgegeben und mit zahlreichen erklärenden Anmerkungen versehen hat. Das Kriegstagebuch ermöglicht unmittelbare Einblicke in das Leben, Denken, Fühlen und Tun der deutschen Bevölkerung während der Kriegsjahre, wie man sie in dieser Detailliertheit und Tiefe der Beobachtung kaum irgendwo anders findet.
Erst glaubte niemand an Krieg im Westen
Die erste Notiz in Bergsträssers Kriegstagebuch handelt vom Pakt Nazideutschlands mit Sowjetrussland. Man habe in Deutschland allgemein wie erlöst auf die Nachricht reagiert, notiert Bergsträsser. Er dagegen sagte zu seiner Frau: „Das bedeutet Krieg. England kann auf eine solche Provokation nicht eingehen.“ Eine Woche später sagt die Milchfrau morgens zu ihm: „Es ist Krieg.“ Den deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 kommentiert Bergsträsser so: „Frankreich und England erfüllen ihre Verpflichtungen gegenüber Polen. Nur ein kompletter Tor konnte anderes annehmen.“ Trotzdem glauben laut Tagebuch die meisten Leute, dass im Westen kein Krieg geführt werde und dass es Deutschland gelingen werde, sich mit den Franzosen doch noch zu einigen. Bergsträsser nennt diese Optimisten „Illusionisten“. Eine Woche später notiert er, dass ein Hausierer Seife zu höheren Preisen anbot. „Hier fängt der Schleichhandel an“, bemerkt er weitsichtig.
Am 9. April 1940 schreibt der Autor nach dem deutschen Überfall auf Dänemark und Norwegen: „Die Bevölkerung hier scheint den Coup begeistert aufzunehmen.“ Er dagegen meint, dass der damit entstandene Weltkrieg wahrscheinlich mit der kompletten Niederlage Deutschlands enden werde. Auch als die Wehrmacht im Sommer 1940 in Frankreich siegte und allgemein in der deutschen Bevölkerung geglaubt wurde, dass man auch noch die Engländer packen werde, bleibt der Englandkenner Bergsträsser skeptisch: „Abwarten“, schreibt er im Tagebuch. Nachdem die deutschen Heere schließlich am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfallen hatten, notiert Bergsträsser: „Es wird mir von vielen Seiten bestätigt, dass alle Leute über den Krieg mit Rußland sehr missmutig sind, weil sie dadurch veranlasst sind, mit längerer Dauer des Krieges zu rechnen, über den Winter.“
Mit „Ludwig“, wahrscheinlich Ludwig Metzger, dem Nachkriegs-Oberbürgermeister von Darmstadt, ist Bergsträsser im September 1942 darüber einig, dass es im Osten militärisch schlecht stehe und Russland unüberwindlich sei. Im Dezember 1942 schreibt er: „Viele Leute lassen wegen der Lage an der Front den Kopf hängen, vergleichen Stalingrad mit Verdun.“ Am 4. Februar 1943 heißt es: „Gestern ist das Ende von Stalingrad bekannt gegeben worden. Starker Eindruck, noch verstärkt durch das Theaterverbot. Das wirkt sich so aus, dass die Leute merken, wie es steht.“ Einen Tag später schreibt Bergsträsser: „Es ist erstaunlich, wie nun plötzlich alle Leute davon überzeugt sind, dass dieser Krieg verloren geht. Außer einigen, die nicht denken können oder wollen.“
So geht es weiter von Rückzug zu Rückzug. Bergsträsser beschreibt, wie die Bevölkerung immer pessimistischer wird, wie die Hoffnungen auf eine Wende im Krieg durch die versprochenen Wunderwaffen immer mehr zerplatzen, wie am Ende fast alle, denen er begegnet, nur noch darauf hoffen, dass die Kämpfe und vor allem die Bombardierungen möglichst schnell zu Ende gehen. Am Ende herrscht im Rhein-Main-Gebiet und im angrenzenden Odenwald, wohin sich Bergsträsser nach der Zerstörung seines Hauses und weiter Teile von Darmstadt durch alliierte Bomber geflüchtet hatte, das vollständige Chaos. Und plötzlich fahren amerikanische Panzer durch die Dörfer. Der Krieg ist zu Ende, Deutschland liegt am Boden.
Täglicher Kampf um Essen, Kleidung und Heizung
Am 22. Februar 1940, also noch vor dem Feldzug gegen Frankreich und England, berichtet Bergsträsser, dass die Geschäfte in Darmstadt verwahrlost und leer aussähen. Im Herbst 1940, längst hat das Regime Lebensmittel- und Kleiderkarten eingeführt, schreibt er: „Wir merken allmählich, dass es pro Kopf und Woche ein Brot weniger gibt als voriges Jahr.“ Am 5. November 1940 stellt er fest, dass gute Stoffe überhaupt nicht mehr zu bekommen sind. Das ist nur der Anfang einer Mangelwirtschaft, die sich kontinuierlich verschlechtert, bis am Ende alle unterernährt und körperlich so erschöpft sind, dass viele Schwierigkeiten beim Denken und Erinnern haben.
Das Leben in der Heimat, in diesem Fall in Darmstadt und seiner Umgebung, wird zu einem täglichen Kampf um Essen, Kleidung, Heizung und andere lebensnotwendige Dinge. Die Berichte über das lange Anstehen vor den Läden oder das Rennen von einem Geschäft zum anderen, um Schnürsenkel, Seife und andere unverzichtbare Kleinigkeiten zu finden, die Eintragungen über Fahrten zu Bauern aufs Land, um Äpfel oder Kartoffeln zu kaufen, die Klagen über das dürftige Angebot auf dem Gemüsemarkt und die Beschreibung der Freude über das Ergattern einer Flasche Wein oder zusätzlichen Brotes beherrschen das Kriegstagebuch. Nach dem Krieg hat Bergsträsser sein Tagebuch um einige Eintragungen über die Suche nach Lebensmitteln, Schuhen, Brennstoff und anderen überlebensnotwendigen Dingen herausgenommen. Er begründet das damit, dass sich vieles wiederholt habe. Doch auch so merkt der Leser, dass die Anstrengungen, irgendwie Essen zu besorgen, die Tage seiner und anderer Familien bestimmten.
Im Januar 1943, kurz vor der Rückeroberung Stalingrads durch die Rote Armee, notiert Bergsträsser: „Die Ernährung macht sich mehr und mehr geltend, Müdigkeitserscheinungen nehmen immer mehr zu, auch Krankheiten aller Art, auch bei Jugendlichen.“ Die Ärzte, so hat er in Erfahrung gebracht, dürfen auch im Fall einer festgestellten Unterernährung keine Sonderlebensmittel geben. Das sei selbst am Ende des Ersten Weltkriegs noch möglich gewesen, erinnert er sich. Nachdem Bergsträsser und seine Familie ausgebombt waren und eine provisorische Unterkunft im Ernsttal im Odenwald gefunden hatten, machte er sich mit seiner Frau auf den Weg nach Heidelberg, um ihre Bezugsscheine einzulösen und das Notwendigste neu zu kaufen. „Wir rannten alle Läden ab“, schrieb er am 1. November 1944. „Es ist entsetzlich, wie der Qualitätssinn sinkt und was noch als anständige Ware angepriesen wird, wo es doch nur Dreck ist. Ich kaufte 2 Paar wollene Strümpfe. Das dünnere Paar ist nach drei Tagen Gebrauch völlig zerrissen.“
Verheerender Luftangriff auf Darmstadt
Schon im Sommer 1940, die Wehrmacht stürmt ungebrochen im Frankreich-Feldzug voran, werden sich viele Darmstädter der Fliegergefahr bewusst. Am 9. Juni gibt es Fliegeralarm um 1.30 Uhr. „Ein Luftschutzblockwart schimpft darüber, dass eigentlich alle Leute erstmal ihre Nachttischlampen angeknipst hätten“, schreibt Bergsträsser. Im Winter 1942 wird es ernst. „Gestern um 6 Uhr war ein Alarm, man hörte Flieger“, lautet der Tagebucheintrag vom 3. Dezember 1942. Flak und Bomben seien überall zu hören gewesen, in Richtung Mainz habe er einen Brand beobachten können, schreibt Bergsträsser. Am 13. April 1943 wird Darmstadt in der Nacht von Fliegern angegriffen. „Es war der erste wirklich bedeutende Angriff“, schreibt Bergsträsser. Sieben Häuser seien nun ausgebrannt.
Das ist gegenüber anderen Städten eine Petitesse. Düsseldorf wurde großflächig zerstört, erfährt Bergsträsser am 5. Juli 1943. Bei einer Reise wenige Tage später sieht er in Dortmund mit eigenen Augen, was die alliierten Bomber angerichtet haben: Der Weg von der Hauptpost durch die Stadt habe ihn durch lauter Straßen geführt, in denen 50 bis 70 Prozent aller Häuser ausgebrannt gewesen seien. Die Luftangriffe treffen Frankfurt, Köln, Hamburg, aber auch viele mittelgroße Städte.
Nur Darmstadt bleibt einigermaßen verschont. Bis zur Nacht vom 11. auf den 12. September 1944. „Wir gingen gegen elf zu Bett und hatten kaum geschlafen, als die Sirenen Voralarm gaben, und kurz danach hörte man schon Bomben fallen“, berichtet Bergsträsser. Es folgte Schlag auf Schlag. Nach einer halben Stunde wurde es stiller. Bergsträsser und seine Frauen verließen ihren als Schutzraum dienenden Keller und fanden ihr Haus brennend vor. Löschversuche waren aussichtslos. Mit nassen Tüchern bedeckt, kämpften sie sich durch das Inferno zum Paulusplatz und von dort schließlich in Richtung Ober-Ramstadt.
Die alte Haupt- und Residenzstadt, die sie hinter sich ließen, war weitgehend zerstört. Die Zahl der Opfer lag zwischen 11.000 und 12.000 – im Verhältnis zur Größe Darmstadts war das eine der höchsten Todeszahlen im Bombenkrieg. Grund dafür waren fehlende Bunker. Im Gegensatz etwa zu Mannheim hätten die Stadtverwaltung und die Parteibonzen den Bau solcher Schutzeinrichtungen fahrlässig versäumt, klagt Bergsträsser.
Juden werden sadistisch schikaniert
Die Maßnahmen der Nazis gegen die Juden empören Bergsträsser. Am 24. April 1940 schreibt er: „Den Juden ist das Reisen nur noch erlaubt, wenn sie von der Polizei eine spezielle Genehmigung haben. Auch nur eine Schikane.“ Unter dem 8. Mai 1940 ist zu lesen: „Der Antisemitismus sadisticus geht ruhig weiter, als hätte man nichts Besseres zu tun. Juden dürfen nicht mehr auf anderen als den jüdischen Friedhöfen beerdigt werden, auch wenn sie Christen sind; es genügt, dass sie gesetzlich Juden sind.“ Am 6. März 1941 notiert er: „Die Lebensmittelkarten der Juden sind jetzt hinten mit einem J bedruckt. Reine sadistische Schikane.“
Im November 1941 klagt Bergsträsser: „Die Behandlung der Juden ist ganz ungleich, ganz Willkür. In einer Stadt dürfen sie noch in Geschäfte, in einer anderen reisen, in einer anderen nicht.“ Die Deportationen entgehen ihm nicht. „In Frankfurt/M. ist wieder ein Zug nach dem Osten abgegangen. Ich höre, dass sie erst nach vier Wochen Nachricht geben dürfen.“ Im März 1942 berichtet er von „neuen tollen Gerüchten“. Transporte von Juden würden mit Maschinengewehren und Vergasung getilgt.
Bergsträsser hält solche Erzählungen für unwahrscheinlich. Im August 1942 vermeldet er: „Man spricht allgemein davon, dass die älteren Juden alle nach Theresienstadt ins Protektorat abgeschoben werden sollen.“ Im September spricht er davon, dass nun auch die alten Juden von hier wegkämen. „Sie müssen vorher für die Zeit bis zum 85. (!) Lebensjahr für Unterbringung jährlich bis zu 1800 Mark bezahlen. Sie kommen nach CSR.“
Gemeint ist das Lager Theresienstadt. Auschwitz oder eines der großen Vernichtungslager wie etwa Treblinka kennt Bergsträsser offenbar nicht. Dass dorthin Juden aus ganz Europa deportiert und schließlich im industriellen Stil umgebracht werden, weiß er nicht – und kann es sich vermutlich nicht vorstellen. Was ihm jedoch von Anfang an völlig klar ist: Den Juden wird bitteres Unrecht angetan, sie werden unbarmherzig erniedrigt und verfolgt.
