Die Bayern nehmen Brauchtum noch ernst. So auch in der bayerischen Botschaft in Berlin. Dort empfängt der Chef der CSU im Bundestag, Alexander Hoffmann, Journalisten regelmäßig zu einem Pressefrühstück, das nicht Pressefrühstück, sondern „weiß-blauer Stammtisch“ heißt. Es gibt Weißwürste, süßen Senf, Brezeln und Filterkaffee.
Warum bitte kein Weißbier? Die Journalisten müssen nun mal arbeiten, und Arbeitsroutinen sowie Konventionen in Hauptstadtredaktionen im Jahr 2026 sehen den Frühschoppen nicht mehr vor. Auch Hoffmann selbst muss arbeiten und nicht zu knapp, wie der Streit in der Koalition ahnen lässt. So war der CSU-Mann an diesem Dienstagmorgen schon früh beim Koalitionsfrühstück und kann sich nun, kurz vor elf, fokussiert dem Erklären widmen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Stammtischparolen gehören hier nicht zum Repertoire. Seitens der Journalisten schon gar nicht, sie schreiben mit und stellen Fragen. Pressekonferenz auf Bayerisch. Von den Wänden im Saal Oberbayern grüßt der Süden: Gipfelkreuz, Monopteros, Allianz Arena auf großen Fotografien, außerdem eine Strauß-Büste, Flaggen von Deutschland, Europa und Bayern. Weiße Vorhänge vor den Fenstern dimmen das Tageslicht, blaue könnte man zur vollständigen Verdunklung zusätzlich davor ziehen.

Aber hier soll es ja um Erhellung gehen. Benzinpreise, Gesundheitskosten, der Zustand des Wals Timmy. Letzteren streift Hoffmann nur kurz, mit einem Seitenhieb auf den Bundespräsidenten. Nach dessen „Rückkehr“ vom Wal solle der sich in die Reformdebatte einbringen. Die Journalisten notieren oder säbeln an ihren Weißwürsten herum. Zuzzeln ist hier nicht üblich, die meisten schälen die Wurst relativ gekonnt – das Weißwurstfrühstück wiederholt sich ja in jeder Sitzungswoche – mit Messer und Gabel. Im Weißwurstkochbuch, das Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer, natürlich CSU, dereinst veröffentlichte, wird als Vorteil dieser Methode hervorgehoben, dass sie „sauber und für Anfänger leichter umsetzbar“ sei. Wohl wahr.
Wie Rainer außerdem vermerkt hat, ist die Weißwurst mehr als nur eine Wurst. Sie sei ein Symbol bayerischer Lebenskultur. Und auch das Auge genießt mit. In der Bayern-Botschaft wird Hutschenreuther-Geschirr mit weiß-blauen Wappen eingedeckt, auf weißen Papierservietten steht in blauer Schreibschrift, wo man sich befindet: „Bayerische Vertretung Berlin“. Nur die metallisch schimmernden Tisch-Sets aus Flechtwerk scheinen nicht ins gemütliche Bild zu passen.
Andererseits: Die Kaffeetafel steht nicht auf einer Kommunionsfeier in Rosenheim, sondern in Markus Söders Berliner Hauptquartier. Gut möglich, dass sie von einer bayerischen Innovation künden, Raumfahrt-Tischsets oder Ähnliches sind, auf das der Rest der Welt nur gewartet hat. Bayern liefert.
