
Donald Trump schien überzeugt, dass die Blockade iranischer Häfen die gewünschte Wirkung entfaltet. „Die Blockade ist vielleicht noch wirkungsvoller als die Bombardierung“, sagte der amerikanische Präsident am Donnerstag. Tatsächlich scheint Bewegung in die Verhandlungen gekommen zu sein. Iran erklärte die Straße von Hormus am Freitag für „komplett offen“. Zwar begründete Außenminister Abbas Araghchi das mit dem Waffenstillstand zwischen Israel und Libanon.
In Washington dürfte man sich dennoch bestätigt fühlen, dass der wirtschaftliche Druck das Regime in Teheran zum Einlenken bewegt habe. Trump will seinen Teil der Seeblockade vorerst aufrecht erhalten, um Iran zu Zugeständnissen bei seinem Atomprogramm zu zwingen. Doch auch Iran hält sich eine Rückkehr zu Störfeuern in der Straße von Hormus offen.
Was die amerikanische Regierung mit ihrer Blockade bewirken wollte, hat Miad Maleki in einem Beitrag für die Zeitschrift „Foreign Affairs“ zusammengefasst. Der frühere Mitarbeiter des amerikanischen Finanzministeriums gehört der Denkfabrik Foundation for Defense and Democracies an. Maleki zufolge bringt eine vollständige Blockade iranischer Häfen das Land um 276 Millionen Dollar Exporteinnahmen am Tag.
Ohne diese Exporte würden die Öllager „innerhalb von Wochen“ volllaufen, schrieb Maleki. Dann wäre Iran gezwungen, die Produktion zu drosseln und Bohrlöcher zu schließen, was dauerhafte Schäden an der Infrastruktur verursachen könnte. Andere Fachleute bestätigen das, schätzen aber, dass ein solches Szenario erst nach zwei bis drei Monaten eintreten würde.
Iran könnte Monate durchhalten
So lange wollte Trump offenbar nicht warten. Das iranische Regime kalkulierte ohnehin, dass dem Präsidenten wegen der Zwischenwahlen im November die Zeit davonläuft. Malekis Vorhersage, dass dem Land „innerhalb von Wochen die Lebensmittel ausgehen“ würden, wird sich wohl nicht mehr überprüfen lassen, wenn sich Iran und die USA, wie von Trump erhofft, vorher auf ein Rahmenabkommen einigen.
Der frühere Geschäftsführer der Deutsch-Iranischen Handelskammer, Amir Alizadeh, meint, Iran habe sich durch seine Ölexporte während des Krieges einen „Puffer“ verschafft, auch durch auf See treibende Tanker, die Iran in Erwartung des Krieges vorher beladen hat. Bei Importen sei Iran wegen seiner geographischen Lage weniger verwundbar als die Golfstaaten und könne über den Landweg und das Kaspische Meer Alternativrouten einrichten.
Esfandyar Batmanghelidj von der Denkfabrik Bourse & Bazaar ging jüngst davon aus, dass es „einige Monate“ dauern könnte, „bis man einen wirklichen Einbruch bei der Versorgung mit Gütern“ sehen würde. Die jahrelange Erfahrung mit Trumps Politik des maximalen Drucks habe das Land resilient gemacht. Fabriken würden grundsätzlich Vorräte an Rohstoffen für mehrere Monate vorhalten. Trotzdem stehe Teheran unter großem Druck wegen der derzeitigen massenhaften Entlassungen in allen Sektoren. In Iran sind Arbeitsverträge meist nur für ein Jahr gültig und werden jeweils im April neu verhandelt – oder laufen aus, so wie jetzt in vielen Fällen.
Israel greift gezielt wichtige Industrien an
Denn der Wirtschaftskrieg gegen Iran hat nicht erst mit der amerikanischen Blockade begonnen. In den vergangenen Wochen hat Israel das Herz der petrochemischen Industrie und die beiden größten Stahlwerke des Landes sowie eine große Pharmafabrik bombardiert. Israel begründete das nicht nur mit potentiell militärischem Nutzen der Produkte. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sagte, man habe so „die Geldmaschine der Revolutionsgarde zerstört“.
Stahl und petrochemische Produkte gehörten bisher neben Öl zu den wichtigsten Exportgütern Irans mit einem jährlichen Exportvolumen von rund 20 Milliarden Dollar. „Diese Devisen werden Iran fehlen“, sagt Alizadeh, der derzeit die Außenhandelsabteilung der Industrie- und Handelskammer Ulm leitet. Es werde Jahre dauern, die Stahlwerke wieder in Betrieb zu nehmen. „Das gesamte Wirtschaftssystem ist zum Erliegen gekommen: Lieferketten, Dienstleistungen, Transportnetze.“
Auch das UN-Entwicklungsprogramm (UNDP) schätzt die Lage dramatisch ein. Der Krieg könne Iran 8,8 bis 10,4 Prozentpunkte an Wirtschaftsvolumen kosten und zusätzliche 3,5 bis 4,1 Millionen Iraner unter die Armutsgrenze treiben, heißt es in einem aktuellen Bericht.
Der iranische Ökonom Hamidreza Shokoohi schätzt, dass allein die Angriffe auf die beiden Stahlwerke Mobarakeh Steel and Khuzestan Steel direkt und indirekt mehr als 30.000 Arbeitsplätze vernichtet haben. Der fehlende Stahl werde die Auto-, Maschinenbau- und Bauindustrie hart treffen, sagt er der F.A.Z.
Die israelischen Angriffe auf die beiden wichtigsten petrochemischen Industriestandorte in Mahschahr und Asaluyeh hätten gezeigt, dass „der Feind“ sehr genau gewusst habe, welche Versorgungsfirmen er treffen müsse, um „Operationsausfälle in mehr als 20 petrochemischen Anlagen zu verursachen“. Das habe Auswirkungen auf alle möglichen Sektoren, wo Polymere und andere Produkte gebraucht würden. Um Engpässe zu vermeiden, hat die Regierung nun den Export von petrochemischen Produkten komplett untersagt.
Unbezahlte Rechnungen, entlassene Mitarbeiter
Die Blockade der Seewege hat sich auch in der Transportindustrie bemerkbar gemacht. Vor dem Krieg seien 3500 bis 4000 Container je Tag vom größten Hafen in Bandar Abbas abtransportiert worden, sagt ein Transportunternehmer der F.A.Z. Inzwischen seien es nur noch tausend Container am Tag – mit Gütern, die vor der Blockade geliefert wurden.
Eine zentrale Frage sei, ob die Vereinigten Arabischen Emirate nach dem Krieg noch mit Iran kooperieren würden, obwohl Teheran das Land mit Angriffen überzogen hat. Vor dem Krieg waren die Emirate Irans wichtigster Importpartner, weil von dort wegen der Sanktionen viele Güter als Reexporte nach Iran gelangten.
Ein Bauunternehmer, der Sozialwohnungen für die Regierung baut, berichtet, dass er Konkurs anmelden muss. Seine Baustellen liegen brach, Rechnungen sind unbezahlt, alle Mitarbeiter entlassen. „Ich kenne viele Unternehmer, die nicht wissen, was sie tun sollen.“ Trotz der massiven Zerstörungen rechnet er nicht mit einem Bauboom nach dem Krieg. „Solange die Sanktionen bleiben, ist das unmöglich.“
Das iranische Regime hat auch selbst zur dramatischen Wirtschaftslage beigetragen. Durch die seit Wochen anhaltende Internetblockade liegt die IT-Branche am Boden. Offiziell wird der Schaden auf 40 Millionen Dollar je Tag geschätzt. „Im Prinzip sind wir alle arbeitslos“, sagt der Chef einer Webdesign-Firma. „Ich kann mir im Moment keine Zukunft vorstellen.“
Wird die Wirtschaftskrise die Machthaber in Teheran zum Einlenken in den Verhandlungen mit den USA zwingen? Es wäre nicht das erste Mal. Schon auf das Atomabkommen von 2015 ließ Teheran sich nur wegen seiner wirtschaftlich prekären Lage ein. Es machte Zugeständnisse. Aus Trumps Sicht gingen sie aber längst nicht weit genug.
