
Ich bin eine von über einer Million Menschen, die „MerveStudyCorner“ regelmäßig beim Lernen zuschauen Bis zu vierzehn Stunden lang sitzt die Youtuberin an ihrem Schreibtisch – mit akribisch sortierten Notizen, Regensound im Hintergrund und idyllischem Blick auf die schottische Landschaft. Sonst passiert nichts. Für Stunden. Das klingt extrem langweilig, schaue ich mir aber seit fünf Jahren an. Was mir jedoch zunehmend bewusst wird: Merve schummelt beim Lernen, und keiner will es bemerken.
Merve produziert sogenannte „Study with me“-Videos. Dabei filmen Youtuber sich beim Lernen, um andere zu motivieren, es ihnen gleichzutun. Ursprünglich kommt der Trend aus Südkorea, Ende der 2010er-Jahre hat er sich global ausgebreitet und während der Pandemie den großen Aufschwung erfahren. Auch ich habe die Videos in dieser Zeit für mich entdeckt: Als alle Bibliotheken geschlossen blieben, haben sie mir geholfen, zu Hause konzentriert zu bleiben.
Dafür gibt es ein Like von Merve
Aus unzähligen Youtube-Videos konnte ich mir meine präferierte Lernatmosphäre aussuchen: die passende Hintergrundmusik (Piano, Lo-Fi oder doch nur das Rascheln der Blätter), das Setting (mit Panoramablick, in der Bibliothek oder am Schreibtisch im Studentenzimmer), die Länge (zwischen zwei und vierundzwanzig Stunden ist alles dabei). Hängen geblieben bin ich bei Merve: Ihr bei ruhigen Regenklängen beim Lernen zuzuschauen, lässt meine eigenen Aufgaben machbarer erscheinen. Die Lernhilfe nutze ich bis heute – wie viele andere auch: Allein im Jahr 2023 haben Youtube-Videos mit „Study with me“ im Titel 520 Millionen Views generiert.
Die Vorstellung, wie „richtiges“ Lernen auszusehen hat, wird damit zum Geschäftsmodell: Merve vermarktet ihre eigenen Studienplaner, man kann ihr in selbstgewählten Abständen für fünf Dollar einen Kaffee spendieren, und am Anfang jedes Videos gibt es Werbung für die angeblich besten Lernhilfen. Verwerflich finde ich das nicht, der Obolus bleibt freiwillig.
Vielmehr schafft die Youtuberin ein parasoziales Netzwerk, das sich gegenseitig zum Lernen antreibt. Das zeigt sich allein daran, dass ich von „Merve“ rede, einer Person, die ich nie getroffen habe, aber mit der ich doch regelmäßig zusammen lerne. In den Kommentaren können Zuschauende erzählen, auf welche Prüfung sie sich gerade vorbereiten und was sie in welcher Stunde schaffen wollen. Dafür bekommen sie ein Like von Merve. Schaue ich mir weniger geistreiche Kommentare an wie „I’m procrastinating all day“ oder „Hi, I’m from Turkey“, frage ich mich, ob die Videos nicht so manchen eher ablenken. Die, denen es hilft, wünschen sich Glück, erzählen vom Studium und treiben sich an: „For the ones scrowling [sic!] through the comments: Don’t get distracted. You ’ve got this!“ Obgleich ich selbst nur stille Zuschauerin bin, haben mich solche Kommentare schon so manches Mal tatsächlich zur Ordnung gerufen.
Lernen bei Kerzenlicht
Bin ich jedoch einmal im Algorithmus der Lernvideos gefangen, stoße ich schnell auf Youtuber, die ihre Disziplin auf das richtige „Mindset“ zurückführen und daraus fragwürdige Empfehlungen ableiten. So rät ein Student, sich in Prüfungszeiten sozial komplett zu isolieren, um bloß keine Minute zu vergeuden. Unter jedem Video von Merve kommentieren Zuschauer Zitate von bedeutenden Persönlichkeiten, die suggerieren, dass es einzig harter Arbeit bedarf, um all seine Träume zu erreichen. Auch wenn viele Youtuber einräumen, dass man nicht dauerhaft zwölf oder zehn Stunden am Tag lernen sollte, entsteht ein Leistungsideal, das akademischen Erfolg auf die Disziplin reduziert, möglichst viele Stunden am Schreibtisch zu verbringen.
Das hat mich zwischenzeitlich stark unter Druck gesetzt. Zwar ist fraglich, ob effizientes Lernen nicht deutlich wichtiger ist, als möglichst viele Stunden zu sammeln. Trotzdem habe ich eine Weile krampfhaft meine Stunden gezählt, die ich am Tag für die Uni aufgebracht habe. Jeder Gang zur Kaffeemaschine oder zum Klo wurde abgezogen. Lag die Bilanz am Ende des Tages unter sieben oder acht Stunden, war ich unzufrieden und versuchte, die verlorene Zeit am nächsten Tag nachzuholen.
Denn der „Study with me“-Trend knüpft an eine andere popkulturelle Bewegung an: Dark Academia. Während Schüler und Studierende zu Zeiten der Pandemie zu Hause saßen, begannen jene, die gerne an der Universität gewesen wären, eine damit verbundene Ästhetik zu romantisieren: die Architektur alter Universitäten wie Oxford oder Cambridge, das Studium der Kunst und Literatur, griechische Statuen, Lernen bei Kerzenlicht, Buch- und Debattierclubs, Chopin hören und dabei Rotwein trinken. Kurz: Lernen sollte Selbstzweck sein und cool. Vor allem aber prägt die Bewegung der Wunsch, zu einer elitären Gruppe von Intellektuellen dazuzugehören.
Essen tut sie also scheinbar nie?
Ich kann nicht leugnen, dass ich etwas mit dieser Ästhetik anfangen kann. Aus Interesse und reiner Neugierde zu lernen und das ästhetisch ein bisschen zu verklären, hat seinen Reiz. Merves Videos bedienen diese Vorstellung: Der Ausblick auf eine mystische Landschaft, während man bei gedimmtem Licht vor aufgeschlagenen Büchern sitzt und den Regen prasseln hört – das vermittelt mir den Eindruck vom Lernen als fast kontemplativem Selbstzweck.
Nichtsdestotrotz nutzen die Videos die Ästhetik eher als Kulisse. Merves Follower preisen sie in den Kommentaren als Sinnbild der Disziplin und danken ihr überschwänglich, sie mit ihren Videos durch ihre Prüfungen und damit ihrem Traum näher gebracht zu haben. Das Lernen wird also zum Mittel, um berufliche oder finanzielle Ziele zu erreichen. Wenn Youtuber James Scholz, der vier Jahre lang täglich zwölf Stunden gelernt haben soll, erklärt, dass er dazu von seiner Hingabe zum Lernen getrieben worden sei, macht das Druck. Denn wenn du nicht die gleiche Leidenschaft besitzt, entsteht schnell der Eindruck, schlicht zu blöd zu sein.
Was mir geholfen hat, den Druck hinter mir zu lassen, war, mir das Offensichtliche vor Augen zu halten: Wie wahrscheinlich die meisten Youtuber schummelt Merve. Abgesehen davon, dass es unrealistisch ist, mehrmals pro Woche zehn Stunden am Stück ohne Unterbrechung fokussiert zu lernen, unterbricht sie ihr Studium auch bei den längsten Lerntagen nur für zehn Minuten, getreu der Pomodoro-Technik. Essen tut sie also scheinbar nie? Wenn Merves angebliche Live-Übertragung einer achtstündigen Lernsession nach elf Stunden noch immer läuft oder weiterhin die Sonne strahlt, obwohl es in Schottland längst dunkel sein müsste, überrascht das dann kaum mehr.
Inzwischen kommen mir Merves Videos vor wie Schrödingers Katze: Sie vermitteln den Eindruck, dass ein solches Lernpensum möglich ist, weil das Gegenteil nicht bewiesen ist. Schlimm finde ich das nicht mehr, die Schummelei tut meiner Motivation keinen Abbruch. Das Ganze erinnert mich eher an kollektiven Selbstbetrug.
Steigen die Arbeitslosenzahlen unter Hochschulabsolventen jedoch weiter an, weicht auch der versprochene Zusammenhang zwischen harter Arbeit und sicherer Zukunft auf. Wie lange Studierende dann noch willens sind, das viele Lernen zu betreiben, wird sich zeigen.
