Nach dem Angriff eines Achtklässlers an einer Schule im Südosten der Türkei mit zehn Toten gehen die Behörden derzeit von einer geplanten Einzeltat aus. Bei der Auswertung des Computers des mutmaßlichen Schützen sei ein erst wenige Tage altes Dokument gefunden worden, das darauf hindeute, dass der Schüler kurzfristig eine größere Gewalttat geplant habe, teilte die Generalstaatsanwaltschaft der Provinz Kahramanmaraş mit.
Nach Angaben der Behörden soll der 14-Jährige am Mittwoch in seiner Schule wahllos geschossen und dabei mehrere Mitschüler sowie einen Lehrer getötet haben. Die Zahl der Todesopfer wurde zuletzt mit neun angegeben. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft handelt es sich dabei um die Opfer des Angreifers. Auch der mutmaßliche Täter selbst ist offiziellen Angaben zufolge tot. Die Todesumstände sind bislang ungeklärt.
Die Polizeidirektion in Ankara teilte mit, erste Ermittlungen deuteten darauf hin, dass der Angriff keinen terroristischen Hintergrund habe. Ermittler sehen Hinweise darauf, dass sich der Junge online an einem frauenfeindlichen Vorbild aus den USA orientiert habe. Demnach bezog er sich im Internet auf Elliot Rodger, der aus Frauenhass sechs Menschen an einer Universität in Kalifornien getötet hatte.
»Erste Erkenntnisse der Ermittlungen ergaben, dass der Täter auf seinem
WhatsApp-Profil ein Bild verwendete, das auf Elliot Rodger Bezug nahm,
der 2014 einen Anschlag in den Vereinigten Staaten verübte«, teilte die Polizei mit.
Vaters des mutmaßlichen Täters wurde festgenommen
Auf dem Computer des mutmaßlichen Täters gibt es den Ermittlern zufolge auch Hinweise auf eine Vorbereitung der Tat. So seien dort Dokumente vom 11. April entdeckt worden, in denen er seine Absicht festgehalten habe, »in der nahen Zukunft einen großen Angriff auszuführen«.
Zudem bestätigten die Behörden die Festnahme des Vaters des mutmaßlichen Täters, einem ehemaligen Inspektor der städtischen Polizei. Ihm sollen die Waffen gehört haben, die der 14‑Jährige bei dem Angriff eingesetzt haben soll. Auch die Mutter war am Mittwoch festgenommen worden. Infolge des Vorfalls teilte das Innenministerium mit, dass Sicherheitsvorkehrungen an Schulen verschärft werden sollen.
In den Fokus der Ermittlungen gerieten zudem Beiträge in den sozialen Medien und in Chatgruppen, nachdem Berichten zufolge unter anderem Nutzer auf Telegram zu weiteren Angriffen an Schulen aufgerufen hatten. Es seien deshalb mehr als 160 Personen festgenommen und mehr als tausend Internetkonten gesperrt worden, teilte die Polizei mit. Sie sprach von Beiträgen, die »Angst und Panik schüren« oder »Verbrechen und Kriminelle verherrlichen« sollten.
Zwei Schusswaffenangriffe an türkischen Schulen innerhalb kurzer Zeit
Erst am Dienstag hatte ein Schütze in der nahegelegenen Provinz Şanlıurfa an einem Gymnasium 16 Menschen, darunter zehn Schüler, vier Lehrer, ein Polizist und ein Kantinenmitarbeiter, mit Schüssen verletzt. Der Angreifer tötete sich anschließend selbst. Nach Angaben des Innenministeriums war er ein ehemaliger Schüler der Schule.
Schüsse an Schulen kommen in der Türkei selten vor. In dem Land gelten strenge Waffengesetze. Der Besitz einer Schusswaffe erfordert eine Registrierung und einen Waffenschein sowie einen Nachweis der psychologischen Eignung und eine Überprüfung auf mögliche Vorstrafen. Illegaler Waffenbesitz wird streng bestraft. Schätzungen einer türkischen Stiftung zufolge sind in der Türkei allerdings dennoch zahlreiche Schusswaffen im Umlauf, der Großteil davon illegal.