Um neun Uhr morgens streift sich Bodo Köpnick seine schwere Jacke über und fährt los. Draußen, vor der Insel Poel, liegt einsam der Wal. Köpnick fährt jeden Morgen zu einer Pumpe am Ufer, die er mit Kraftstoff füllt und einschaltet. Der Wal wird so über den Tag hinweg mit Wasser besprenkelt, ein Teil seiner ohnehin schon angegriffenen Haut ragt ins Freie. Es geht ein leichter Wind, Köpnick stellt die Pumpe auf 2,3 Bar ein.
Köpnick, Wehrführer der Freiwilligen Feuerwehr in Kirchdorf, glaubt: Der Zustand des Wals hat sich deutlich verschlechtert. In den vergangenen Tagen sei die Haut immer weiter aufgerissen. Seine Kollegen waren auch am Sonntag beim Wal, um ihm seine eigenen Walgesänge vorzuspielen. Doch selbst an der Buckelflosse sahen sie Hautschäden.
Deswegen sehen Köpnick und seine Kollegen es kritisch, dass die Unternehmer Walter Gunz, Media-Markt-Grüner, und die Unternehmerin Karin Walter-Mommert am Donnerstag jetzt doch noch einen privaten Rettungsversuch starten dürfen. Das habe er auch dem zuständigen Minister schon mitgeteilt. „Ich glaube, er steht mächtig unter Druck“, sagt Köpnick über Mecklenburg-Vorpommerns Umweltminister Till Backhaus (SPD).
Taucher auf Stand-up-Paddle-Boards
Kurz nach Mittag bewegt sich tatsächlich etwas auf dem Wasser. Sechs Taucher nähern sich mit Stand-up-Paddle-Boards dem Wal. Hin und wieder hört man Laute des Wals, die wie ein Schnauben klingen. Dazu mischen sich in einem unverständlichen Summen die Stimmen der Helfer. Die Taucher nähern sich dem Tier mal einzeln, mal in der Gruppe.
Laut Minister Backhaus läuft die Aktion etwa so ab: Es sollen Luftkissen unter das Tier geschoben werden, um es schonend anzuheben. Dadurch wird Schlick unter dem Tier weggespült, so die Hoffnung, und der Wal dann auf einer Plane zwischen zwei Pontons gelagert und transportiert – bis in die Nordsee und gegebenenfalls bis in den Atlantik. Dass die Privatinitiative den Rettungsversuch unternehmen darf, gab der Minister am frühen Mittwochnachmittag auf einer Pressekonferenz bekannt. Ein Sprecher von Greenpeace teilte mit, dass die Umweltschutzorganisation die Rettungsaktion nicht unterstütze, „denn nach allen uns vorliegenden Informationen ist dieser Wal krank und stark geschwächt“.

Bodo Köpnick und seine Kollegen von der Feuerwehr beobachten den Wal, seitdem er am 31. März vor der Insel gestrandet ist. Zu ihren Aufgaben gehört seitdem, die Pumpe zu bedienen, die den Wal mit Wasser benetzt. So soll verhindert werden, dass die Haut außerhalb des Wassers reißt oder spröde wird. „Der Wal reagiert darauf. Aber ob das jetzt positiv oder negativ zu sehen ist, vermag ich nicht zu sagen. Wenn das Wasser auf ihn trifft, fängt er gleich an zu zucken.“ Die Freiwillige Feuerwehr macht auch Drohnenbilder und schickt sie an das Umweltministerium. Bis dahin habe etwa niemand gewusst, dass der Wal auch bereits einen großen Schnitt über den Rücken habe, sagt Köpnick. Später wird Backhaus den Einsatz der Freiwilligen Feuerwehr loben.
„Sie wissen gar nicht, was hier los ist“
Hat er schon einmal solch einen Ausnahmezustand erlebt auf der Insel? Nein, sagt er. „Oder doch, im Winter 78/79. Wo die Insel eine Woche eingeschneit war. Das war auch ein Ausnahmezustand – aber damals sind die Menschen eher enger zusammengerückt.“ Heute hingegen werde gehetzt. Auf dem Handy zeigt er ein Tiktok-Video, in dem es heißt, dass die Freiwillige Feuerwehr sich schämen solle. „Ich kriege unwahrscheinlich viele Anrufe, ich habe in den letzten paar Tagen 290 Mails bekommen. Es sind viele gute dabei, es sind auch einige böse dabei, wie das immer so ist.“ Köpnick sieht die momentane Situation als „Weckruf“, mehr für die Umwelt zu tun. Im Kleinen anzufangen, für die Meere, die Wälder zu handeln. Das Handeln jeder einzelnen Person sei entscheidend. Nicht nur zu reden.
Auf der Insel scheinen viele Menschen zu hoffen, dass der Wal bald aus ihrem Leben verschwindet. Über ihn sprechen will kaum jemand. „Sie wissen gar nicht, was hier los ist“, sagt eine Ladenbesitzerin streng. Die Crew eines Schiffes verweist lediglich auf die hasserfüllten Onlinekommentare, die es nun bekomme, weil es durch die Bucht fährt. An einem Verkaufsstand für Fischbrötchen bemerkt die Verkäuferin zwei Veränderungen: Sie könne gar nicht mehr zählen, wie oft am Tag sie gefragt werde, wo der Wal liegt. Und es gebe momentan mehr Polizei.
Zumindest eine Hotelbesitzerin kann dem Trubel um den Wal etwas Positives abgewinnen. „Nach Ostern war der Buchungskalender wenig gefüllt“, sagt sie. Doch vor dem vergangenen Wochenende sei die Auslastung rasant angestiegen. Dass der Tag um 6 Uhr beginne und gegen Mitternacht ende, sei aus wirtschaftlicher Sicht natürlich gut.
Als sie vom Rettungsversuch erfahren, gibt es Tränen
Am Mittwochabend wird die Nachricht von einem abermaligen Rettungsversuch begeistert aufgenommen. Als die 39 Jahre alte Jessica mit ihren Kindern nach einer zweistündigen Autofahrt aus der Nähe von Brandenburg ankommt und in Richtung der Absperrung läuft, fragt sie ein Anwohner: „Warum sehen Sie so unglücklich aus?“ Er erzählt ihr, dass es nun grünes Licht für einen weiteren Rettungsversuch gebe. Jessica fängt an zu weinen.
„Backhaus hat die richtige Entscheidung getroffen“, findet Jessica, die als Verkäuferin im Einzelhandel arbeitet. Die Menschen um sie herum scheinen es ähnlich zu sehen. „Ich bin sehr froh, wenn das wahr ist“, sagt die 56 Jahre alte Viktoria Saliukova. „So bekommt er eine Chance.“
Als Minister Backhaus am Mittwochabend in einem silbernen Wagen vorfährt, wartet bereits eine freudige Menschentraube auf ihn. Es werden Hände geschüttelt, Tränen weggewischt, der Minister wird umarmt. „Danke, dass Sie eingelenkt haben“, sagt eine Frau.
„Das war zum ersten Mal ein Konzept, das klar ist, das auch minimal-invasiv ist. Wir dürfen ihm ja keinen Schaden zufügen“, sagt Backhaus. Die Maßnahmen werden laut Ministerium veterinärmedizinisch begleitet. Auf Grundlage eines Gutachtens hatte Backhaus eine Woche zuvor erklärt, dass eine Rettung nicht mehr möglich sei – und es das Beste sei, den gestrandeten Wal in Ruhe verenden zu lassen. Das Gutachten stehe nach wie vor, sagt Backhaus. Doch die Wissenschaft habe immer eine gewisse Tür offengelassen. Und seine gesamten Abteilungsleiter hätten dem Rettungsversuch zugestimmt. „Diejenigen, die das machen, haben die volle Verantwortung.“ Die Hoffnung sterbe zuletzt.
Als die Menschen vor dem Absperrzaun am Mittwochabend weniger werden, ist noch eine kleine Runde vor dem Zaun versammelt. Sie schauen auf dem Handy ein Interview mit dem Mediamarkt-Gründer Gunz. Der dämpft die Euphorie: „Es kann gut gehen, wir wissen aber nicht, wie es ausgeht.“ Als die Taucher am Donnerstagmittag schließlich bei dem Wal ankommen, machen sie erst mal dasselbe, um das sich auch die Feuerwehr zuletzt gekümmert hatte: Sie benetzen das Tier mit Wasser.
