Ein paar Männer in schwarzen Trainingsanzügen sind schon da, die 25 Männer in den roten Trainings-Tops auch. Die Frau, auf die alle warten, ist noch nicht zu sehen. Dafür kann man hören, wie einer der Männer in den schwarzen Anzügen einen Kommentar zur Situation abgibt. Mit dem ganzen Wirbel hier, sagt er, werde die Sache doch erst groß. „Dabei ist es gar nichts Besonderes.“
Der Mann, der das sagt, ist Martin Krüger, er ist Athletiktrainer der Bundesligaprofis von Union Berlin. Das war er schon unter Steffen Baumgart, jetzt ist er es unter Marie-Louise Eta. Sie ist die erste Cheftrainerin in der Fußball-Bundesliga der Männer überhaupt. Am späten Samstagabend, nach dem 1:3 in Heidenheim, hat der Klub bekanntgegeben, dass sie Baumgart ablösen und bis zum Saisonende übernehmen wird.
Großes Medieninteresse
Gut 40 Journalisten und Journalistinnen, darunter ein halbes Dutzend Fotografen und ein halbes Dutzend Kameraleute, sind deshalb am Dienstagmorgen zum Vereinsgelände hinter dem Stadion An der Alten Försterei gekommen. Sie dürfen – anders als die Fans – bei der ersten halben Stunde des ersten Trainings der ersten Cheftrainerin dabei sein. Auch ein Team vom Berliner Büro des ORF ist da, mit Kapitän Christopher Trimmel und Leopold Querfeld stehen zwei Österreicher im Team von Union. Die „Bild“-Zeitung hat sogar einen Live-Ticker geschaltet. Um 10.54 Uhr zählt der durch: „Alle Spieler da – nur Eta fehlt“. Drei Minuten später, um 10.57 Uhr, meldet er: „Eta da!“
Es ist der Moment, von dem an jeder Schritt, jede Bewegung, jeder Satz von Marie-Louise Eta, 34 Jahre alt, Inhaberin der Uefa-Pro-Lizenz, der höchsten Lizenzstufe im Fußball, beobachtet, analysiert, interpretiert werden wird. Weil es eben doch etwas Besonderes ist, solange es zwar von Vielen für selbstverständlich gehalten wird, aber nicht Alltag ist. (Denen, die es nicht nur für nicht selbstverständlich, sondern für unmöglich halten, hat der Verein schon ein paar deutliche Worte entgegengerufen.)
Den Männern, um die es geht, den 25 Profis von Union Berlin, kann man von außen nicht ansehen, ob sie es für etwas Besonderes halten. Beim Hochhalte-Spielchen vor dem Start wird gelacht und gefeixt, und als Marie-Louise Eta zwischen zwei Gruppen hindurch Richtung Platzmitte geht, geht das Spielchen weiter, als wäre nichts. Bis ihre erste Ansage zu hören ist. „Okay Jungs, kommt zusammen!“
Erstes Spiel am Samstag
In der halben Trainingsstunde, in der Union die Medien zusehen lässt, passiert nichts, was nicht in jedem Training bei einem anderen Bundesligaklub auch zu sehen sein könnte. Mit dem Unterschied, dass nicht ein Mann, sondern eine Frau das Sagen hat. Um 11.27 Uhr meldet der „Bild“-Ticker: „Eta ganz anders als Baumgart“. Vor allem soll das heißen: lauter. Aber das klingt eher nach Sinnestäuschung, Baumgart war bei seiner Premiere vor 16 Monaten wirklich sehr laut. An stimmlichen Details wird es kaum liegen, ob Union am Ende die Klasse hält, an der richtigen Ansprache vielleicht schon: Unter Baumgart war das Team zuletzt nicht nur spielerisch stagniert.
Groß wird es in jedem Fall am Donnerstag nochmal werden: Wenn Marie-Louise Eta zum ersten Mal als Cheftrainerin öffentlich sprechen wird, bei der obligatorischen Spieltags-Pressekonferenz. Und dann natürlich am Samstag, bei ihrem ersten Spiel, gegen den Tabellen-Vorletzten VfL Wolfsburg.
Das eigentlich Spannende ist aber etwas anderes: Ob die Sache, wenn Union von den letzten fünf Spielen ein paar gewinnt, so groß werden kann, dass Marie-Louise Eta auch über die Saison hinaus bleiben darf und nicht, wie eigentlich geplant, das Frauen-Bundesligateam von Union übernimmt. Und ob sie dann irgendwann vielleicht nicht mehr das ist, was sie in den nächsten Wochen unweigerlich sein wird, die Hauptfrau von Köpenick, eine Besonderheit, die von der ganzen (Fußball-)Welt bestaunt wird – sondern eine ganz normale Cheftrainerin im Männersport.
