
An einem kalten Dezemberabend 2023 stand Marie-Louise Eta auf dem Rasen des Berliner Olympiastadions und konnte kaum fassen, wo sie sich gerade befand. Das Licht war gedämpft, neben ihr wurde gerade das Banner der Champions League im Mittelkreis ausgerollt, und als sie sich umdrehte, grüßten die Stars von Real Madrid, Toni Kroos und Luka Modrić, freundlich. „Ich hielt für einen kurzen Moment inne und habe mich gefragt, ob das alles wahr ist“, schilderte sie später ihre Eindrücke. Die gebürtige Dresdnerin war gerade zur ersten Ko-Trainerin eines Bundesligaklubs ernannt worden. Mittendrin in der Männerdomäne Profifußball. Viel sei damals auf sie eingeprasselt, all die Aufmerksamkeit, all der mediale Rummel.
Marie-Louise Eta wird noch mal eine Steigerung erfahren. Jetzt, da sie zur ersten Cheftrainerin eines Bundesligavereins ernannt worden ist. Nach der 1:3-Niederlage in Heidenheim trennte sich Union Berlin am Samstagabend von Steffen Baumgart. Auch die Ko-Trainer Danilo de Souza und Kevin McKenna mussten gehen. „Wir spielen bisher eine absolut enttäuschende Rückrunde und lassen uns vom Tabellenstand nicht blenden: Unsere Lage ist nach wie vor bedrohlich, und wir benötigen dringend Punkte, um den Ligaverbleib zu sichern. Zwei Siege aus vierzehn Spielen seit der Winterpause und die gezeigten Leistungen in den letzten Wochen geben uns nicht die Überzeugung, dass uns eine Trendumkehr in der bisherigen Konstellation noch gelingt“, so wird Sport-Geschäftsführer Horst Heldt in einer Vereinsmitteilung zitiert.
In den verbleibenden fünf Spielen soll Eta die nötigen Punkte gewinnen mit dem Team, damit Union in der Bundesliga bleibt. Im Moment steht das Team sieben Punkte vor dem Relegationsplatz. Am nächsten Samstag kommt es zum wichtigen Spiel gegen den Abstiegskandidaten VfL Wolfsburg auf eigenem Platz in der Alten Försterei. Der VfL gehört neben Heidenheim zu den zwei Mannschaften, die in der Rückrunde noch schlechter spielten als Union. Die Berliner gewannen seither nur neun Punkte.
Der Auftritt in Heidenheim bildete den bisherigen Tiefpunkt. Beim abgeschlagenen Tabellenletzten verloren die Berliner verdient, Verteidiger Leopold Querfeld gelang zwar der Anschlusstreffer. Aber auf allen Teilen des Spielfeldes ließ sich Hilflosigkeit erkennen. Daran änderte auch der erste Auftritt von Linus Güther nichts. Der Stürmer wurde kurz vor Schluss von Baumgart auf den Platz geschickt, im Alter von 16 Jahren und drei Tagen. Güther ist nun der zweitjüngste Spieler der Bundesligageschichte nach Youssoufa Moukoko.
Ihr Mann trainiert Frauen
Unions Mannschaft wirkte in den jüngsten Spielen zunehmend einfallslos und fand kaum Lösungen, um aus dem Spiel heraus ihren Gegnern gefährlich werden zu können. Das soll die ehemalige, jeweils sehr kreative Spielerin Eta ihrem Team vermitteln. Bei Turbine Potsdam, dem Hamburger SV und Werder Bremen entwickelte sie im Mittelfeld die kreativen Momente, bevor sie im Alter von 27 Jahren anfing, zunächst beim Nachwuchs von Werder als Trainerin zu wirken.
Ihre Fußball-Lehrer-Ausbildung hat sie längst erfolgreich abgeschlossen und reichlich Erfahrung gesammelt. Die Zeit als Ko-Trainerin bei den Profis von Union beschrieb sie im Gespräch mit der F.A.Z. als eine der lehrreichsten ihre Karriere. „Natürlich bin ich mit Respekt an die Aufgabe herangegangen. Die Frage war ja auch, wie die Spieler auf mich reagieren. Schön war zu sehen, dass es letztlich auf die Inhalte ankommt, die man transportiert, und nicht, wer da vor ihnen steht“, sagt Eta, die mit dem Fußball-Trainer Benjamin Eta verheiratet ist. Er trainiert die Frauen von RB Leipzig.
Innerhalb der Mannschaft erwarb sie sich durch ihre Kompetenz Respekt, das Gleiche gilt für ihr Ansehen im Gesamtverein. Die Klubführung des 1. FC Union ist von Marie-Louise Eta sehr überzeugt. Zur kommenden Saison soll sie Trainerin der Profimannschaft der Frauen werden, die in der Bundesliga spielt. Diesen Plan verfolgt der Verein auch weiterhin, unabhängig von der Frage, wie erfolgreich Marie-Louise Eta als Coach der Männer sein wird. Sie soll das Team bis zum Ende der Saison führen.
Eine Cheftrainerin in der Bundesliga gab es noch nie. Und in niedrigeren Klassen muss man auch suchen: Sabrina Wittmann trainiert seit fast drei Jahren den FC Ingolstadt in der dritten Liga. Oberhalb dieser Spielklasse schenkte noch kein deutscher Fußball-Klub einer Frau das Vertrauen. Eta ist wie Wittmann 34 Jahre alt. Sie gilt als großes Trainertalent. Intern werden ihre ruhige, sachliche Art und ihre Akribie geschätzt. Sie ist bekannt dafür, analytisch tief in die Materie abtauchen zu können und sehr auf Details zu achten.
Spielraum für Experimente wird sie angesichts der Abstiegsbedrohung kaum haben. Der Druck in solchen Situationen ist gewaltig. Ihre Reaktion nach der Beförderung zeigt, wie weit sie es schon geschafft hat. In einer Mitteilung des Vereins wird sie so zitiert: „Ich freue mich, dass mir der Verein diese anspruchsvolle Aufgabe anvertraut.“
