Juri Knorr hatte andere Sorgen als die Zukunft des Bundestrainers. Hinter ihm drängelten hundert Kinder um Autogramme: „Juri! Juri!“ Eines hatte sogar ein Bleistift-Bild von ihm mit dem markanten Musketier-Bart gezeichnet. Knorr blieb geduldig und fand die Zeit für eine ungewöhnlich deutliche Werbung pro Gislason. „Ich hoffe, dass es noch weitergeht mit ihm. Ich kenne nur Alfred als Bundestrainer und bin ihm sehr dankbar für alles, was er mir ermöglicht hat. Er hat mich in sehr jungen Jahren dazu geholt und mir auch immer wieder Vertrauen geschenkt“, sagte der 25 Jahre alte Spielmacher am Sonntagabend in Bremen.
Vor 10.000 Menschen hatte die Handball-Nationalmannschaft in der ausverkauften Arena am Bahnhof ein zweites Mal nach dem 41:38 am Donnerstag in Dortmund gegen Ägypten gewonnen; diesmal 34:33.
Doch Gesprächsthema Nummer eins waren nicht Selbstvertrauen und Bandbreite der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB), sondern der nun angestoßene Prozess um den Steuermann des derzeit beeindruckend segelnden Flaggschiffes ab dem 1. Februar 2027: weiter mit Alfred Gislason oder geordnete Übergabe an den nächsten Bundestrainer?
Die Spieler loben Fortschritte unter Gislason
„Da werde ich keine Antwort geben“, sagte Rückraumspieler Renars Uscins und bewegte sich damit im Rahmen vieler diplomatischer Antworten. Der erfahrene Linksaußen Lukas Mertens verwies gegenüber der F.A.Z. darauf, dass es nicht seine Entscheidung, sondern die des Vorstands sei. Miro Schluroff ließ sich ähnlich vernehmen.
Kapitän Johannes Golla nahm sich etwas mehr Zeit: „Das ist keine Spieler-Entscheidung“, sagte er, „wir haben zwei Spiele gegen Ägypten gewonnen mit einer durchwachsenen Leistung, mit der wir nicht ganz zufrieden sind. Das zeigt schon, dass wir mittlerweile ein anderes Selbstverständnis haben, was für eine gute Zusammenarbeit spricht. Es ist eine Mannschaft, die unheimlich viel Potential hat. Wir kommen dem Ausschöpfen des Potentials immer näher.“ Gislason habe großen Anteil an dieser Entwicklung.
Seit 2020 dabei, hat der 66 Jahre alte Isländer das Team erst durch die Corona-Zeit geführt, dann den Umbau angestoßen und Knorr, Uscins, Julian Köster und Miro Schluroff zu Pfeilern des Erfolges gemacht. Dies ist seine Mannschaft. Auch der Einbau der jungen U-21-Weltmeister von 2023 hat – etwas holprig – geklappt. Nun steht da eine Gruppe, von der Gislason zu Recht sagt: „Diese Mannschaft macht den Leuten in Handball-Deutschland viel Spaß. Das sehen wir überall, wo wir sind. Unser Spiel wird immer flüssiger, weil viele schon seit vier Jahren zusammenspielen. Selbst für Supermannschaften sind wir ein schwerer Gegner.“ Das will seine Mannschaft am 15. und 17. Mai in Kopenhagen und Köln in zwei Tests gegen Dänemark wieder unter Beweis stellen.

Doch spätestens dann geht auch das Rennen um den höchsten Trainerposten in die heiße Phase. Im Spätsommer soll eine Entscheidung her. Man wolle nicht in unklarer Konstellation in die Heim-WM 2027 starten, sagt DHB-Sportvorstand Ingo Meckes.
Gislason hat seine EM-Analyse im Februar vorgelegt; das übliche Prozedere nach einem Großturnier. Zum Jahresanfang hatte der keineswegs unumstrittene Isländer nach der Vorrunden-Niederlage gegen Serbien vor dem Aus gestanden. Doch mit den passenden Kniffen leitete Gislason den Umschwung ein – sein Team wurde Zweiter; die zweite silberne Medaille nach Olympia 2024. Das sind große Verdienste um eine Mannschaft, die zuletzt 2016 einen Titel geholt hat.
Wie gut kann Gislasons Mannschaft wirklich sein?
Und doch wurde mehr taktische Varianz angemahnt. Im Sieben gegen Sechs, in der Überzahl, gegen einen offensiv deckenden Gegner wirkten die Deutschen oft überfordert. Auch aus dem Ausland, gerade aus Dänemark hieß es, mit dieser Auswahl sei die Zeit des Versteckens vorbei – diese Deutschen müssten immer um die Medaillen mitspielen, sagte der dänische Nationaltrainer Nikolaj Jacobsen vor der Europameisterschaft. Gislason hatte den Ball bis dahin lieber flach gehalten.
Auch seine Ansprache in Auszeiten und der Umgang mit dem Team galten als Kritikpunkte: Gislason streichelt niemanden über Gebühr. Finden musste er einen Umgang mit vielen guten Spielern. Ihnen allen Einsatzminuten zur eigenen Zufriedenheit zu schenken, aber die Stabilität der Mannschaft nicht zu gefährden, ist eine knifflige Aufgabe für einen Trainer, der in den Vereinen bei Magdeburg und Kiel auf arrivierte Kräfte setzte und die Jungen nur dosiert einsetzte.
Alfred Gislason selbst hat klargemacht, dass er gern Coach der Deutschen bliebe. Im Verband schwärmt man von seiner Gelassenheit bei großen Turnieren. Sein Umgang mit den Medien ist vorbildlich. Da kommen Witz und Charme nicht zu kurz.
Der „Prozess“ sieht nun vor, dass Sportvorstand Meckes dem Präsidium den Kandidaten für die Zeit ab Februar 2027 vorstellt. In die Karten schauen lässt er sich dabei nicht. Die gehandelten Kandidaten Florian Kehrmann (48), Dagur Sigurdsson (52), Andy Schmid (42) und Jaron Siewert (32) lässt Meckes unkommentiert. Zuletzt wurde auch Torsten Jansen (49) vom HSV genannt. Gut vorstellbar, dass der DHB eine Verjüngung auf der Trainerbank anstrebt.
Dass Florian Kehrmann beim TBV herausragend arbeitet, sein Vertrag in Lemgo am 30. Juni 2027 ausläuft, er 2007 Weltmeister mit dem DHB wurde und den Bundestrainer-Posten als „Traum“ bezeichnet hat, macht ihn zum Favoriten auf die Gislason-Nachfolge. Gislason ist niemand, der nachtritt, sollte seine Zeit beim DHB enden. Andererseits hat er zuletzt viel Werbung in eigener Sache gemacht.
