Gerät ein junger Handballtorhüter ins Träumen, sieht es vermutlich so aus: Erstes Länderspiel in ausverkaufter Halle, knapp elftausend Landsleute sind dabei, ein Vielfaches sitzt daheim vor Bildschirmen. Sie alle verfolgen gebannt, wie der junge Handballtorhüter eingewechselt wird.
Kaum steht er im Tor, kommt der gegnerische Kreisläufer frei zum Wurf. Der Debütant reißt reflexhaft sein rechtes Bein nach oben – und pariert. Die Zuschauer sind aus dem Häuschen, ebenso die Nationalmannschaftskollegen auf der Bank, der Neuling selbst lächelt glückselig.
Ein Auftakt wie ein Traum. Aber einer, den Lasse Ludwig in Wirklichkeit erlebte. „Das war unbeschreiblich, das werde ich nie vergessen“, sagte der Dreiundzwanzigjährige, der am Donnerstagabend in der Dortmunder Westfalenhalle in der 42. Spielminute kam, sah und sofort parierte.
Ein Wettschießen mit 79 Treffern
Dass der Torhüter des deutschen Meisters Füchse Berlin in seinen 18 Einsatzminuten 13 Treffer hinnehmen musste, war angesichts des zackigen Tempospiels zwischen der Auswahl des Deutschen Handballbundes (DHB) und Ägypten beachtlich. Hatte doch sechzig Minuten lang ein Abschluss den nächsten gejagt, sodass Juri Knorr (neun Treffer) die Puste ausging und Bundestrainer Alfred Gislason feststellte: „41 Tore gegen Ägypten, das ist sehr gut. 38 zu kassieren, ist viel zu viel.“
Ein Wettschießen mit 79 Treffern, das spricht auf den ersten Blick weder für die Abwehrreihen noch für die Torhüter. Tatsächlich offenbarte die DHB-Deckung gegen den Afrikameister Lücken, die sie im Januar auf dem Weg zum EM-Silber selten geboten hatte. „Ich mag lieber so gewinnen als 21:20“, zeigte sich Knorr dennoch angetan vom 41:38-Sieg. Seine Kollegen im deutschen Tor konnten gegen die Gegentorflut wenig ausrichten. In der ersten Halbzeit (21:18) bot David Späth eine starke Leistung, wehrte elf Versuche ab. Lasse Ludwig bekam nach seiner Auftaktparade weitere Male ein Körperteil an den Ball. „Die beiden haben aus meiner Sicht eine super Zukunft vor sich“, sagte Gislason.
Dass die gleichaltrigen Späth und Ludwig im DHB ein Torhüterduo bilden, ist an sich nichts Besonderes. Die beiden haben als Junioren viele Lehrgänge miteinander verbracht und gehörten zu jenem U-21-Kader, der 2023 Weltmeister wurde. Dass sie in Dortmund erstmals gemeinsam in der Männer-Nationalmannschaft aufliefen, daran hatte sich die Öffentlichkeit in den zwei Wochen seit Gislasons Nominierung erst mal gewöhnen müssen.
Der Bundestrainer gönnt seinem Stammkeeper Andreas Wolff, einen der Besten seines Faches und bei der vergangenen EM im Allstarteam, eine Auszeit. Von daher werden Späth und Ludwig auch bei der zweiten Begegnung mit Ägypten an diesem Sonntag in Bremen (15.30 Uhr/ProSieben und Dyn) zeigen können, inwieweit sie aus dem Schatten des Supermannes heraustreten können. „Es tut ihnen gut, dass sie gegen einen Weltklassegegner bestehen müssen ohne die Hilfe von Andi“, sagte Gislason.
„Auf der Torhüterposition müssen wir uns keine Sorgen machen“
Weil die Heim-WM im Januar ein gutes Stück entfernt liegt, verzichten die TV-Experten derzeit aufs Gemecker, dass Wolff am Doppelspieltag gegen Ägypten nicht zum Einsatz kommt. Das war beim EM-Ernstfall vor wenigen Wochen anders.
Als Späth in der Hauptrundenbegegnung mit Gastgeber Dänemark (26:31) auflaufen durfte, veranstalteten manche als Experten gefragte Altinternationale eine Show, als ob Gislason statt des Paradeathleten Wolff einen pausbackigen Pennäler aus Pirmasens ins Tor gestellt hätte. „Unfassbar respektlos“ und „unter aller Sau“ empfand der 35 Jahre alte und vielfach ausgezeichnete Wolff den Umgang mit dem zwölf Jahre jüngeren Späth.
Untereinander bilden die deutschen Torhüter eine verschworene Gemeinschaft, auch im Team werden sie durchweg geschätzt. „Auf der Torhüterposition müssen wir uns keine Sorgen machen“, spricht Knorr für alle. Das zeigen auch die Zahlen aus der Bundesliga: Ludwig hat die beste Fangquote der Stammtorhüter (32,23 Prozent) und sagt auch deshalb selbstbewusst: „Ich bin der Meinung, dass ich mir das Länderspieldebüt erarbeitet habe.“
„Gehe davon aus, dass Andi noch zehn Jahre spielt“
Späth parierte in der Liga so viele Würfe wie kein Zweiter (258, im Schnitt zehn pro Spiel). Im Gespann mit Wolff gewann der Torhüter der Rhein Neckar Löwen jeweils Silber bei den Olympischen Spielen 2024 und der EM 2026, hat aber „nicht das Gefühl, dass es eine Eins und eine Zwei“ gebe. „Als Torhüterduo wissen wir: „Egal, wer auf der Platte ist, der andere unterstützt ihn.“
Im Trainerteam ist man froh, verschiedene Typen mit verschiedenen Talenten zu haben: den Leit-Wolff, das Energiebündel Späth und Ludwig, den Ruhepol mit Champions-League-Erfahrung. Doch wirkt Wolff als Erster unter Gleichen bis auf Weiteres unersetzbar. „Natürlich fehlt Andi wegen seiner Aura, seiner Körpersprache und der Einstellung, die er ins Training und ins Spiel bringt“, sagte DHB-Torwarttrainer Mattias Andersson.
Gefehlt hat Wolff auch bei der Ehrung der EM-Silbermedaillengewinner in Dortmund. Auch Lasse Ludwig, der versuchen wollte, „alles aufzusaugen“, musste passen, gehörte er doch nicht zum Kader. Ein Schicksal, das ihm auch bei der Heim-WM in 300 Tagen und darüber hinaus blühen könnte. „Ich gehe davon aus“, sagte Bundestrainer Gislason dieser Tage, „dass Andi noch zehn Jahre spielt“.
