Nun ist also Marokko der Sieger des 35. Afrika-Cups. Der afrikanische Fußballverband CAF hat am späten Dienstagabend in einer schmalen Mitteilung bekannt gegeben, dass dem sportlichen Sieger Senegal der Titel aberkannt worden ist. Das Team habe im Finale im marokkanischen Rabat mit dem zeitweisen Verlassen des Spielfelds gegen Paragraph 82 der Spielordnung verstoßen – daher werde die Partie nachträglich mit 3:0 für Finalgegner Marokko gewertet.
Diese Entscheidung wird höchst emotionale Reaktionen hervorrufen. Der senegalesische Verband kündigte am Mittwochmorgen an, so bald wie möglich ein Berufungsverfahren vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne einzuleiten. Die Entscheidung des CAF, Marokko nachträglich den Sieg zuzusprechen, nennt die FSF „ungerecht, beispiellos und inakzeptabel“. Sie bringe „den afrikanischen Fußball in Verruf“.
Senegals Abdoulaye Seydou Sow: „Schande für Afrika“
Generalsekretär Abdoulaye Seydou Sow kündigte im staatlichen Rundfunk RTS an: „Wir werden Kontakt mit unseren Anwälten aufnehmen und Rechtsmittel einlegen. Wir werden vor nichts zurückschrecken. Das Recht ist auf unserer Seite.“ Die Entscheidung des Berufungsgerichts sei eine „Schande für Afrika“.
Genugtuung hingegen bei Brahim Diaz, Marokkos tragischem Held im Finalspiel. Der hatte am Dienstagabend in der Startelf Real Madrids im Champions-League-Spiel gegen Manchester City gestanden. Als er nach seiner Auswechslung auf der Ersatzbank Platz nahm und von der CAF-Entscheidung hörte, hielt er mit einem breiten Grinsen einen imaginären Pokal in die Höhe.

Nur Mané blieb auf dem Platz
Dort blieb indes Sadio Mané. Der ehemalige Stürmer des FC Liverpool überzeugte seine Kollegen von der Fortsetzung des Spiels – nach einer 17-minütigen Verzögerung kehrten die senegalesischen Spieler schließlich zurück. Der Schiedsrichter pfiff wieder an, Brahim Diaz trat zum Elfmeter an. Sein harmloser Panenka-Schuss wurde vom senegalesischen Torwart Edouard Mendy leicht pariert. Ndala pfiff ab und zur Verlängerung.
Villarreal-Mittelfeldspieler Pape Gueye erzielte in der vierten Minute der Verlängerung den Siegtreffer und sicherte Senegal damit den Triumph. Gianni Infantino, Präsident des Internationalen Fußball-Verbands, verurteilte die „hässlichen Szenen“ in einem Instagram-Post aufs Schärfste. Thiaws Pressekonferenz wurde unterdessen abgesagt, nachdem im Presseraum ein Tumult ausgebrochen war.
Marokkos Fußballverband hatte anschließend Einspruch gegen die Wertung des Spiels eingelegt. „Diese Situation hatte erhebliche Auswirkungen auf den normalen Spielverlauf und die Leistung der Spieler“, so die Begründung des Verbands damals. Der Protest wurde Ende Januar zunächst abgelehnt. Doch Marokko ging in Berufung und bekam nun doch noch den Titel zugesprochen. In einer Mitteilung der CAF heißt es dazu nur, dass der eingelegten Berufung des marokkanischen Fußballverbandes stattgegeben und die ursprüngliche Entscheidung des Disziplinarausschusses aufgehoben wird.
Vergiftungsverdacht steht noch heute im Raum
Das Verhalten Senegals im Finale war ein Fehler, allerdings hatte er eine Vorgeschichte. Schon früh in der Partie hatten marokkanische Balljungen und Ersatzspieler immer wieder versucht, das Handtuch von Senegals Keeper Mendy zu klauen und ihn im strömenden Regen aus dem Konzept zu bringen. Vor der Partie waren bereits drei senegalesische Spieler kollabiert – ein Vergiftungsverdacht steht noch heute im Raum. Und: Schon am Tag vor dem Finale hatten die marokkanischen Ausrichter Senegals Spieler größter Gefahr ausgesetzt, als man das Team bei der Anreise zum Finalort ungeschützt in eine Menschenansammlung geschickt hatte.
Trotz allem hätte man als neutraler Beobachter einer Entscheidung am Grünen Tisch pro Marokko folgen können – wenn sie gefallen wäre, während Senegals Mannschaft größtenteils in der Kabine verschwunden war, oder sie direkt nach dem Spiel gefallen wäre. Zudem fällt auf, dass Geldstrafen, die nach dem Finale ausgesprochen worden waren, auf marokkanischer Seite zumeist reduziert, gegenüber den Senegalesen aber beibehalten wurden.
„Ihr könnt den Heulsusen ruhig noch drei Tore geben“
Zwei Monate nach dem Endspiel macht sich der Eindruck von Willkür breit. Das ist gefährlich: Denn ein Verband, der willkürlich entscheidet, sorgt für Wut, die große Ausmaße annehmen kann. Der Sieg beim Afrika-Cup ist das größte Ereignis im afrikanischen Sport. Die Gewinner dürfen sich für gewöhnlich mindestens zwei Jahre lang sozusagen als „Könige des Kontinents“ fühlen. Die Siegernation ist von unglaublichem Stolz erfüllt.
Die Aberkennung des Titels wird im Senegal – und wahrscheinlich auch in den solidarisch auftretenden Nachbarstaaten – als unglaubliche Ungerechtigkeit wahrgenommen werden. Schon nach dem Finale war es zu Ausschreitungen zwischen nordafrikanischen und westafrikanischen Fans und Anhängern in verschiedenen Teilen der Welt gekommen. Mehrere Nationalspieler Senegals reagierten unterdessen mit Spott.
„Ihr könnt den Heulsusen ruhig noch drei Tore geben“, schrieb Pathé Ciss, Profi bei Rayo Vallecano in Spanien, auf X. „Diese Trophäe gewinnt man auf dem grünen Rechteck, aber nicht per E-Mail“, schrieb El Hadji Malick Diouf, bei West Ham United unter Vertrag, auf Instagram. Und Idrissa Gueye vom FC Everton schrieb: „Wir wissen, was wir an jenem Abend in Rabat erlebt haben. Und das kann uns niemand nehmen.“
