Der Tod kam am Nachmittag. Er war schwarz wie die Nacht, und er trieb glühende Kohlen vor sich her. Gegen drei Uhr traf er auf die bewaldeten Hügel am Siwash Lake und auf das große, von dichten Douglasien-Wäldern umgebene Blockhaus und seine Pferdekoppeln. Aber sie hatten ihn erwartet, und sie waren gut vorbereitet: Tage und Nächte lang hatten Alysson Rogers, ihr Sohn Marshall, ein paar der engsten Mitarbeiter und ein kleiner Trupp von Feuerwehrleuten die Ranch gewappnet, Hunderte Meter Schläuche verlegt, Pumpen installiert, Terrain vernässt, Schneisen gerodet, Satellitenbilder gelesen, den Brand studiert. Und auf die Feuerwalze gewartet.
Brände hat es in British Columbia immer gegeben, die Leute hier wissen damit umzugehen, so wie sie mit Bären und Pumas umzugehen wissen. Doch das Elephant Hill Fire 2017 sollte anders werden als alle Feuer zuvor. Es begann am 5. Juli in Ashcroft, 40 Kilometer von Siwash Lake entfernt, der Grund war vermutlich eine Zigarette, die ein Idiot ins Gras geworfen hatte. Die Voraussetzungen für eine Katastrophe in jenem heißen Sommer waren exzellent: Es war ungewöhnlich trocken, auch weil der Bergkiefernkäfer, der nordamerikanische Cousin unseres Borkenkäfers, in den Jahren zuvor ganze Arbeit geleistet hatte. Die Wälder waren ausgezehrt und reinster Zunder.

Im Kamin der Lodge knacken Holzscheite behaglich vor sich hin, während Alysson und Marshall eine kleine Gruppe Journalisten zum Tee empfangen, um von diesem Ort, Siwash Lake, und ihrem Leben zu erzählen und vom Elephant Hill Fire.
Die Wangen der Zuhörer sind noch gerötet vom aufregenden Ausritt oder weil sie zum ersten Mal einem Pferd wirklich nah kamen, denn hier wird der Gast nicht wie auf dem Ponyhof einfach auf eines der Rösser gesetzt; man lernt seinen Reitpartner erst einmal auf Augenhöhe kennen. Und das heißt: zugewandte Ansprache, Snacks anbieten, schließlich kämmen. Und dann kommt man sich wirklich näher, dann geht es ums richtige Umrunden des Vierbeiners.
Alysson machte es vor: die Hand mit der Striegelbürste auf der Kruppe liegen lassen (das ist der hintere Teil des Pferderückens, anatomisch zuständig für die Schubkraft) und mit dem Oberkörper eng an Fell und Schweif einmal um die Hüfte des Tieres wandern. Dabei gilt es, die Angst zu überwinden, dass das Pferd – einige sind wirklich groß – ausschlägt. „Es tritt nicht“, beruhigt Alysson, „denn es spürt, wo du bist.“ Also schnell etwas Aufmunterndes murmeln, Luft anhalten und vorbei am Schweif und dabei immer Fellkontakt behalten. Und siehe da: Das Umrunden der Pferderückseite ist tatsächlich zu überleben. Danach dürfen wir auch selbst satteln.
Das Zittern der Pappeln
Als schließlich alle im Sattel angekommen sind, fühlen sich die meisten bereits ein bisschen verbunden mit dem Cowboyleben. Es geht im milden Licht des Nachmittags vorbei an grasenden Kühen durch flirrend goldene Pappelhaine – die dominierende Pionierbaumart hier – entlang verkohlter Stämme, die wie Giacometti-Figuren am Wegesrand stehen. Eines der Pferde nutzt es schamlos aus, dass seinem Reitpartner jeglicher autoritäre Zug fehlt; es nimmt den Weg der köstlichsten Gräser.

Hier in der kanadischen Wildnis, auf halbem Weg zwischen Vancouver und den kanadischen Rockies, erlebte Alysson Rogers die schönsten Wochen ihrer Kindheit auf dem Rücken eines Pferdes. Später begann sie in der Großstadt eine Karriere als Physiotherapeutin, arbeitete im Wellnesssektor, verbrachte viel Zeit auf Yachten in der Karibik und lernte dort unter anderem, wie man auf engstem Raum opulent kocht.
Doch mit Ende zwanzig brach sich eine unbestimmte Sehnsucht nach den Wäldern Cariboos und nach der Hütte mit dem Pferd ihren Weg: Die ebenso zierliche wie beharrliche Frau nahm ihr Erspartes und suchte sich ein Stück Land im zentralen Hinterland von British Columbia.
Eine der am dünnsten besiedelten Gegenden
Auf was sie sich in der Einsamkeit der Wälder einließ, wusste sie – ihr Vater war einer der Gründer von Outward Bound, jener Organisation, die bis heute das Naturerlebnis von Kindern und Jugendlichen ins Zentrum ihrer Wohltätigkeitsarbeit stellt.

Die Cariboo-Region ist eine der am dünnsten besiedelten Gegenden der Welt. Jeder Einwohner hat rechnerisch mehr als einen Quadratkilometer für sich allein. Die Gegend, in der die Secwepemc bereits seit Tausenden von Jahren siedelten, wurde von den Europäern erst mit dem Goldrausch in den 1860er-Jahren entdeckt.
Als dieser Rausch bald schon wieder endete, verödeten die Orte, aber die Landschaft war noch immer hinreißend; sie erinnert ein bisschen ans Alpenvorland. Viele der Einwanderer blieben in der Gegend und fanden ein Auskommen als Trapper, Rancher oder in der Forstwirtschaft. Die Holzindustrie blüht noch immer in der Gegend – das mit fast 1000 Quadratmetern größte Holzhaus Nordamerikas wurde in Williams Lake gefertigt und dann in die USA verschifft.
Ein Blockhaus ist auch in Siwash Lake das Herz der Ranch. Hier gibt es die Mahlzeiten, einen herrlichen Blick auf den See, gemütliche Sofas, ein paar Gästezimmer und Wi-Fi – denn die Glamping-Zelte, die auf Holzpodesten am gegenüberliegenden Hügel thronen, haben zwar allen erdenklichen Komfort, aber keine Anbindung ans Internet. Die Abnabelung von der digitalen Welt ist Teil der Philosophie der Luxusranch. Starlink heißt hier: Blick in den nächtlichen Sternenhimmel. Das geht auch vom Bett aus, die Zelte haben Fenster nach oben.
Also der Brand, der alles veränderte: Marshall kann sich nicht daran erinnern, dass ihm heiß gewesen wäre an diesem Nachmittag im August. Dabei rannte er damals von einem Brandherd zum nächsten, das Feuer trieb einen Sturm glühender Holzkohlen vor sich her, jede einzelne in der Lage, die Lodge in Flammen zu setzen. Ständig waren kleine Feuer um die Lodge herum zu löschen.
Die Feuerwehrleute, die die Rogers engagiert hatten und die anfangs noch zuversichtlich waren, dass die Gästehäuser am gegenüberliegenden Hügel mitsamt dem neuen Pavillon zu retten wären, waren sich einig: Das war das mit Abstand schlimmste Feuer ihrer Karriere, ein Brand von apokalyptischen Dimensionen, den es so seit Hunderten von Jahren nicht mehr gegeben hatte. Dieser Waldbrand kroch nicht am Boden entlang: Das Feuer raste in den Kronen übers Land, jeder einzelne Baum wurde zum gigantischen Zündholz, die Flammen schlugen hoch in den Himmel. 400 Jahre alte Douglasien verglühten – die Baumart, die als Letztes zurückkehrt nach einem Brandereignis dieser Dimension. Das könne 100 Jahre dauern, sagt Marshall.

„Jeder hat im Feuer ein anderes Tier gesehen“: Wild rannte neben Raufußhühnern, Hasen und Bären um sein Leben, einer der Feuerwehrmänner schwört, so erzählt es Alysson, er habe einen Elch gesehen. Die Feuerwalze trieb die Fauna, die fliehen konnte, an den See, auf die nasse Wiese vor dem Haus, dort, wo auch die Pferde ausharrten. Die Wiese hatten sie in den Tagen zuvor bis zur Wurzel abgrasen lassen, so fand das Feuer keinen Boden; das Terrain vor der Lodge wurde zur Arche Noah im Inferno. Bären standen neben Hasen. Alle seien so schockiert und unter Stress gewesen, dass niemand ans Fressen dachte. „Wir haben kein einziges Tier verloren, Gebäude ja, aber kein Tier.“ Auch die Schweine hätten überlebt, nur ihr Zaun sei in Flammen aufgegangen, weswegen sie auch frei umherliefen. Die Hotelranch beherzigt schon immer ein striktes „zero food waste“-Prinzip, alles Essbare wird weiterverwendet oder kompostiert. Die allermeisten Zutaten stammen von den eigenen Hühnern und den umliegenden Gemüsebeeten und Feldern.
Hier wird der Klimawandel nicht befeuert
Man kann Siwash Lake Wilderness Resort & Ranch nicht, wie den meisten touristischen Unternehmungen auf dieser Erde, vorwerfen, den Klimawandel auch noch anzuheizen: Der Strom kommt zu mehr als 90 Prozent aus der Solaranlage, in Bewegung bleiben die Gäste auf Rädern, Kanus, Stand-up-Paddleboards und in ihren Wanderschuhen, und die Ziele der „Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung“ werden explizit unterstützt.
Am Tag, als das Feuer wütete, wurde es gegen sechs Uhr abends schließlich wieder hell. Die Rogers hatten das Elephant Hill Fire überlebt und ihre Ranch, ihr Lebenswerk, vor den Flammen gerettet.

Doch das Schlimmste, sagt Alysson, sollte noch kommen: die Hoffnungslosigkeit beim Anblick der aschgrauen Mondlandschaft in den Wochen und Monaten danach. „Wir mussten uns erst einmal wieder finden, wir suchten nach einer Perspektive, denn Forstleute hatten uns gesagt, hier würde nie wieder etwas wachsen.“ Sie fingen an, zu forschen, wie sie dem Land und dem Ökosystem helfen könnten.
Auch der darauffolgende Winter war hart, sagt Alysson, doch dann an einem Vormittag früh im Jahr, als sie gerade in die Stadt fuhr, entdeckte sie am Wegesrand etwas Grünes. Sie fuhr rechts ran. Es waren Pappelsprossen; sie konnte ihr Glück kaum fassen. Bald wuchs „fireweed“, etwas, was sie noch nie hier gesehen hatten, ein pink blühendes, schmalblättriges Weidenröschen, das gern als Erstes auf gerodeten oder verbrannten Flächen siedelt. In Deutschland nannte man das mannshohe Kraut „Trümmerblume“, weil es sogar auf den Schuttflächen des Zweiten Weltkriegs gedieh.

Während nach dem Brand das Gros der Gäste, die vorgebucht hatten, sein Geld zurückverlangte, gab es auch ein paar Reisende, die explizit die kontrastreiche Landschaft – magentafarbene Teppiche vor pechschwarzer Waldkulisse – suchten. Für die Gäste, die nach dem Feuer als Erstes zurückgekommen sind, hatten Alysson und ihr Team nicht nur einen besonderen Platz in ihrem Herzen, sondern auch lebenslang Vorzugsraten. Und tatsächlich: Der Wald mag noch schwarz sein, aber goldfarben und grün schießt es aus der Erde und verleiht der Landschaft Zauber und eine große Energie – und so haben die Tage in Siwash auch etwas von Schwarzwaldklinik. Die Gäste werden ganzheitlich umsorgt und entschleunigt.
Als am letzten Abend die Tür aufgeht und drei Musiker sich am Kamin niederlassen, wird es schwer, diesem familiären Refugium in der kanadischen Waldeinsamkeit nicht zu verfallen: Die Blue Wranglers, die zufälligerweise nicht weit weg leben und Freunde des Hauses sind, haben Mandoline, Mundharmonika, Gitarren und Geigen mitgebracht und spielen Country Musik, ein Hauskonzert, von dem man sich, als der letzte Ton der letzten Zugabe verklungen ist, wünscht, es aufgenommen zu haben, um es mit nach Hause zu nehmen. Für einen Moment der Erdung, für die Erinnerung an ein Paradies, dessen Schönheit kein Höllenfeuer etwas anhaben kann.

