Das oberste Stockwerk einer alten Stadtvilla im Darmstädter Paulusviertel ist zum neuen Zuhause der Schriftstellerin Maryam Kishawarz geworden. Dort lebt die 22 Jahre alte Afghanin im Exil. Vor den Taliban ist sie aus ihrem Heimatland geflohen, Anfang des Jahres kam sie in Deutschland an. Dort kann sie nun dank eines Stipendiums ohne Angst an zwei neuen Büchern arbeiten.
Die erste Station ihres Weges nach Deutschland war Indien. Ihr kranker Vater musste dort operiert werden, Kishawarz begleitete ihn, wie sie erzählt. Gemeinsam lebten sie einige Monate bei Bekannten ihres Bruders. Aber ihr endgültiges Ziel sei immer Deutschland gewesen. Die Chance, tatsächlich dorthin zu gelangen, bot sich ihr nur dank ChatGPT. „Ich habe eine Anfrage gestellt, welche Möglichkeiten ich als Schriftstellerin habe, nach Deutschland zu kommen“, sagt sie. Dann sei das Writers-in-Exile-Programm des PEN aufgetaucht. Kishawarz ergriff die Initiative und meldete sich per E-Mail.
Einige Arbeitsproben, Auszüge aus Büchern, musste sie einschicken, dann wurde Kishawarz für die Dauer eines Jahres Elsbeth-Wolffheim-Stipendiatin der Stadt Darmstadt und des PEN-Zentrums, eines Vereins, der sich weltweit für Meinungsfreiheit und gegen Zensur einsetzt. „Ohne die Unterstützung des PEN-Teams wäre es für mich gar nicht möglich gewesen, in ein freies Land zu kommen“, erzählt Kishwarz dankbar. Mit dem Writers-in-Exile-Programm, zu dem auch das Elsbeth-Wolffheim-Stipendium gehört, unterstützt der Verein verfolgte Schriftsteller aus verschiedensten Ländern. So auch Maryam Kishawarz.
Riesiger Schreibtisch im runden Turmzimmer
Kishawarz derzeitige Wohnung im Darmstädter Paulusviertel wird ihr von PEN Deutschland gestellt. Zur Wohnung gehört auch ein Turmzimmer. Dort setzt sich die Autorin hin, um täglich an ihren Manuskripten zu schreiben. Das runde Arbeitszimmer mit seinen großen Fenstern, geschmückt mit bunten Rollos und dem riesigen Schreibtisch ist für sie ein einziger Traum, wie sie sagt. Bei ihrer Ankunft in der Vierzimmerwohnung habe sie gefragt, wann denn die anderen Stipendiaten kämen. Aber Kishawarz wohnt hier zum ersten Mal in ihrem Leben allein. Ihre Geschwister leben in Hamburg, ihre Eltern und weitere Verwandtschaft sind in Afghanistan geblieben.
Die Freiheit, allein zu wohnen, hatte sie in Afghanistan nicht. Seit der Machtergreifung der Taliban im Jahr 2021 wurden die Rechte der Frauen Schritt für Schritt beschnitten. Inzwischen müssen sie ihren ganzen Körper bedecken, können nur in Begleitung eines männlichen Verwandten auf die Straße gehen und dürfen die Schule nur bis zur sechsten Klasse besuchen.

Kishawarz hatte Glück, denn sie ging bereits in die elfte Klasse, kurz vor den Abschlussprüfungen, als die Taliban die Macht ergriffen. Ihre Abschlussprüfung schrieb sie heimlich im Keller des Schulgebäudes. Nur deswegen verfügt sie heute über einen Schulabschluss. Studieren durfte sie aber nicht. Nach der Schule sollen die Frauen eigentlich gleich heiraten, wie Kishawarz berichtet. Das wollte sie aber auf keinen Fall. Sie träumte von einer Freiheit, die sie in ihrem Heimatland nicht hatte.
Deutschlernen unter Gefahr
Als Frau habe sie viele Dinge heimlich tun müssen, sagt die Afghanin. In Kabul besuchte sie bereits zwei Deutschkurse und einen Computerkurs. Auch ohne Studium wollte sie sich weiterbilden. Der Weg zu diesen Veranstaltungen sei für sie gefährlich gewesen, erzählt sie. Einmal verfolgte ein Talib sie auf dem Weg, sie rannte und konnte entkommen. „Aber als ich angekommen bin, haben sie mir gesagt, ich soll nicht wiederkommen“, erzählt Kishawarz. Ihre Anwesenheit als Frau gefährde die anderen Teilnehmer. Zwei weitere Deutschkurse musste sie daraufhin online besuchen. Betroffen erzählt sie von einer Freundin, die nicht so viel Glück hatte wie sie. Diese wurde auf der Straße von einem Talib zusammengeschlagen.
Frauen werden von den Taliban als Verbrecherinnen in allem gesehen, wie Kishawarz berichtet. Für die Frauen gehörten Unterdrückung und Gewalt inzwischen zur Kultur. In ihrer Heimat habe sie einmal, gemeinsam mit ihrer Schwester, versucht, einen Protest, eine Demonstration zu organisieren. Positive Rückmeldungen hätten sie zwar von anderen Frauen erhalten, zum Protest habe allerdings keine von ihnen kommen dürfen. Nicht ohne Zustimmung ihrer männlichen Verwandten. Die Männer halten nach den Worten der Autorin nicht zu den Frauen. „Ohne sie geht es aber nicht.“
Aber inzwischen werden auch die Männer von den Taliban unterdrückt. Kleidung wird auch ihnen vorgeschrieben, den Bart dürfen sie nicht mehr rasieren. Kishawarz hofft, dass dadurch die Akzeptanz der Taliban in der Gesellschaft zurückgeht und das Regime gestürzt werden kann. Eines Tages würde sie gern in ihre Heimat zurückkehren. „Aber erst müssen Frauen ihre Rechte haben.“
Ihre Erfahrungen aus Afghanistan haben Spuren hinterlassen. In ihren ersten Wochen in Deutschland hatte Kishawarz Angst auf der Straße. Sie wurde im Krieg geboren und kannte immer nur die Angst, wie sie erzählt. Besonders präsent war für sie immer die Angst vor einem „Intihar“, einem Selbstmordattentat, bei dem sich Religiöse als Märtyrer auf der Straße in die Luft sprengen. Diese Angst verfolgte sie zunächst auch in Deutschland, hat aber inzwischen nachgelassen. Auf deutschen Straßen fühlt sich die junge Afghanin nun sicher. Trotzdem fällt auf, wie vorsichtig sie durch die Darmstädter Innenstadt geht und wie genau sie auf die Menschen achtet, die sie umgeben.
Schreiben, um zu helfen
Schon in Afghanistan wurde ihr erstes Buch „56 Golden Points for Living Happily“ veröffentlicht. Allerdings unter dem Motto „Erst zensieren, dann schreiben“, wie sie erzählt. Inzwischen sei ihr Buch dort allerdings nicht mehr zu finden. Öffentliche Bibliotheken gibt es fast nicht mehr, und Buchhandlungen werden von den Taliban kontrolliert. Von Autorinnen geschriebene Bücher seien verboten, sagt Kishawarz.
Mit dem Schreiben hat Kishawarz während der Corona-Pandemie begonnen. Das Schreiben war für sie der einzige Weg, den Menschen zu helfen. Daher auch das Thema ihres ersten Buches. Sie wollte den Menschen eine Möglichkeit an die Hand geben, ihr Leben zum Positiven zu verändern. In Deutschland kann sie nun endlich „schreiben, was ich wirklich will“. Ihr Ziel ist es aber weiterhin, den Menschen zu helfen. Momentan arbeitet sie an einem Buch über afghanische Frauen, um deren Leiden sichtbar zu machen. Ein Roman über ihre Heimatstadt Kabul ist in Planung. Beide Bücher schreibt sie auf Persisch.
In Zukunft möchte Kishawarz versuchen, ein Buch auf Deutsch zu schreiben. Bis ihre Sprachkenntnisse so weit sind, übersetzt das PEN-Zentrum ihre Bücher, um sie Verlagen vorstellen zu können. Auf ihre erste Veröffentlichung freut sich die Autorin, auch wenn es ihr gleichzeitig Angst macht, was dann passieren wird. Aber sie habe so viel versucht, um nach Deutschland zu kommen, sagte sie. „Jetzt möchte ich mit dem Schreiben weitermachen.“
Darmstadt gefällt der jungen Schriftstellerin gut, besonders beeindruckt zeigt sie sich von der Stadtbücherei und der Universitätsbibliothek. „Wow“ sei alles gewesen, was sie beim Betreten gedacht habe. Bibliotheken seien auch notwendig, sagt sie, wichtig für eine Bevölkerung. Die Menschen müssten voneinander lernen. Bücher ermöglichten ihnen das. „Für mich ist es sehr wichtig, dass Menschen einander verstehen“, auch wenn sie einander nicht begegneten und nicht miteinander sprechen könnten, sagt Kishawarz. Für die Welt wünscht sie sich mehr Menschlichkeit. Etwas, was die Taliban in ihren Augen nicht haben.
Die Schriftstellerin möchte über das Stipendium hinaus in Deutschland bleiben und arbeiten, vielleicht sogar studieren. Beides ist ihr in ihrem Heimatland nicht möglich. Für Maryam Kishwarz ist Deutschland „ein Land, in dem man sich wohlfühlen kann“. In Indien habe sie sich als Ausländerin weniger wohlgefühlt. Dort seien die Menschen weniger offen gegenüber anderen Kulturen gewesen. Die Menschen in Deutschland nimmt sie als sehr hilfsbereit wahr. Sie fühlt sich unterstützt und verstanden, „auch wenn mein Deutsch noch nicht so gut ist“, wie sie erzählt. Die passenden Wörter zu finden, sei für sie manchmal noch schwer. Dabei spricht sie nach vier Deutschkursen nur mit wenigen Einschränkungen.
Dass Maryam Kishawarz jetzt mithilfe des Elsbeth-Wolffheim-Stipendiums in Deutschland ist, grenzt für sie selbst an ein Wunder. In Afghanistan dachte sie, sie könne nicht überleben. Inzwischen ist sie überzeugt: „Wunder geschehen, wenn wir daran glauben.“
