Es ist gut, dass Joachim Nagel Notenbanker geworden ist und nicht Immobilienunternehmer. Eine Einschätzung übrigens, die der Bundesbankpräsident selbst teilt: „Notenbanker sind keine Bauexperten“, sagte er in der vergangenen Woche während einer Pressekonferenz, auf der immer wieder deutlich wurde, wie wahr dieser Satz doch ist.
Denn auf der Veranstaltung musste die Bundesbank eine teure Fehleinschätzung eingestehen. Die alte Frankfurter Zentrale – ein markantes Gebäude im Stil des Brutalismus und seit den 1970er-Jahren Sitz der Notenbank – wird aufgegeben, stattdessen wird innerhalb Frankfurts nun ein neuer Sitz für Vorstand und Mitarbeiter gesucht.
Das allein wäre ja nicht schlimm, wenn nicht die Bundesbank jahrelang ganz andere Pläne gehabt hätte: Eigentlich sollte das Gebäude auf dem zehn Hektar großen Areal aufwendig erneuert werden. Die enorme Summe von 168 Millionen Euro ist bisher schon in Planung und Sanierung geflossen, jetzt erst zog die Bundesbank die Notbremse. Es sei günstiger, in Frankfurt ein neues oder kernsaniertes Gebäude zu kaufen, als an den Sanierungsplänen der alten Zentrale festzuhalten, sagte Nagel.
Ein teures Desaster
Das allein ist schon ein Desaster, das man Nagel allerdings nicht voll anlasten kann. Die Sanierungspläne stammen noch aus der Zeit, bevor er 2022 selbst Bundesbankpräsident wurde. Aber er muss nun die alte Immobilie loswerden und eine neue finden. Ob dem Volkswirt in der Rolle als Immobilienfachmann großer Erfolg beschieden sein wird, darf bezweifelt werden.
Das fängt schon mit der künftigen Nutzung des alten Areals an. Nagel hat Glück, die Stadt Frankfurt hat bereits ihr Interesse bekundet, das Grundstück auf Grundlage eines gemeinsamen Wertgutachtens zu erwerben, um die Europäische Schule der Stadt dorthin zu verlagern. Zur Höhe des gewünschten Preises ließ sich der Bundesbankpräsident zwar keine konkrete Zahl entlocken. Er betonte allerdings, dass in den Kaufpreis auch die 168 Millionen Euro an Ausgaben einfließen sollten, die die Bundesbank schon für die Sanierung aufgewandt hat.
Und auch sonst machte Nagel nicht gerade Werbung für das Grundstück, das theoretisch auch an einen Investor gehen könnte, sollte die Stadt doch noch abspringen. So berichtete der Bundesbankpräsident davon, dass die technische Ausstattung des gut 60 Jahre alten Gebäudes nicht mehr dem heutigen Standard entspreche, vergaß aber auch nicht zu erwähnen, dass das Hauptgebäude unter Denkmalschutz steht. Ein Käufer, der das noch nicht abschreckend genug findet, könnte spätestens bei einer anderen Nebenbedingung ins Grübeln geraten: Ein Teil der Goldreserven der Notenbank lagert in einem unterirdischen Tresor auf dem Gelände und soll dort auch bleiben – gut bewacht, versteht sich. Das schränkt die Nutzungsmöglichkeiten zusätzlich ein.

Die Suche nach einer neuen Zentrale könnte man zumindest kommunikativ ebenfalls besser angehen. Zwar gab der Bundesbankchef auch hier zunächst den Immobilienfachmann, als er nach seinen Preisvorstellungen für den Kauf einer neuen Zentrale gefragt wurde: Er werde nun nicht die eigene Marktposition unterminieren und eine Zahl nennen; „so viel Professionalität dürfen Sie uns schon unterstellen“.
Mit dem Kriterienkatalog, den Nagel vorlegte, macht er die Sache für sich und seine Leute aber wieder schwierig. Eine zentrale Lage in Frankfurt ist der Notenbank ganz wichtig, die Mitarbeiter wünschten sich eine gute Verkehrsanbindung. Dann müsse das Gebäude den Sicherheitsstandards entsprechen, die eine Notenbank nun einmal habe. Drittens müsse der Preis stimmen. So viele Gebäude dürften da nicht infrage kommen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Obendrauf setzte der Bundesbankchef noch einen ambitionierten Zeitplan: Über den Ankauf solle innerhalb der nächsten 18 Monate entschieden werden. Wer weiß, wie gemächlich die Mühlen in der Notenbank sonst mahlen, darf das als zügig bezeichnen. Die eigene Verhandlungsposition stärkt Zeitdruck nicht unbedingt. Da ist man fast froh, dass am kommenden Donnerstag die nächste Sitzung der Europäischen Zentralbank ansteht. Dort kann sich Nagel wieder seinem angestammten Terrain widmen: den Leitzinsen und der Geldpolitik.
