Wenn Samuel Tobias Sossalla über sein neuestes Arbeitsgerät in der Kerckhoff-Klinik spricht, gerät er ins Schwärmen. Die im Herzkatheterlabor eingebaute Anlage neuen Typs liefert besser aufgelöste Bilder von menschlichen Herzen und den Adern als herkömmliche Modelle, wie der Leiter der Kardiologie sagt. Die zusätzlich eingebaute Künstliche Intelligenz ermögliche während des Eingriffs außerdem eine geringere Belastung der Patienten mit Röntgenstrahlen. Dies habe sich in den vergangenen Monaten im laufenden Betrieb gezeigt. Der Clou: Die Herzkatheteranlage gibt es auf der Welt sonst nur noch an der Gießener Uniklinik, an der Sossalla ebenfalls leitend tätig ist.
Die auf Herzerkrankungen spezialisierte Kerckhoff-Klinik hat die von einem deutschen Medizintechnikhersteller gelieferten zwei Anlagen im vergangenen Sommer bekommen und erprobt sie seither. Ein Herzkatheter ist grundsätzlich ein feiner, biegsamer Schlauch, er wird über die Leiste, das Handgelenk oder die Armbeuge in einer Arterie bis ins Herz geschoben. Seit Dezember arbeitet auch die Kardiologie der Uniklinik Gießen mit der neuen Technik.
Neue Technik beim Einbau von Herzschrittmachern erprobt
Beide Häuser haben die Anlagen vor der Markteinführung in diesem Jahr bekommen. „Wir haben sie auf Herz und Nieren getestet“, sagt Sossalla. Rund 2000 Patienten haben die Herzspezialisten nach seinen Worten mit ihr mittlerweile untersucht. Zum Beispiel bei Herzkathetereingriffen, bei der Implantation von Schrittmachern oder auch während sie ein Blutgerinnsel aus der Lungenstrombahn entfernt haben, das ist jener Teil des Kreislaufs, der sauerstoffarmes Blut zur Lunge bringt und mit Sauerstoff angereichertes Blut zum Herzen.

Besonders leistungsfähig wird die neue Herzkatheteranlage in Verbindung mit einem CT-guided PCI genannten Verfahren. Die Kerckhoff-Klinik nutzt es seit Beginn dieses Jahres. Hinter dem Fachbegriff verbirgt sich ein Computertomograph, der Bilder von Herz und Adern liefert. PCI steht für den Eingriff mit einem Herzkatheter.
Über viele Jahre lang diente er als Mittel der Wahl, um ein Herz zu untersuchen. Auf diese Weise prüften Kardiologen etwa, ob Arterien durch Ablagerungen gefährlich verengt sind. Solche Engstellen lassen sich mit einem kleinen Ballon am Katheter erweitern und mit einem Stent offen halten. Alternativ dienen Bilder aus dem Computertomographen zur Diagnose.
In der neuen Anlage verbinden die Herzspezialisten beide Techniken. „Die CT-Bilder werden in die Katheteranlage eingespeist, statt nur für die Indikation zu dienen“, erläutert Sossalla.
CT-Bilder helfen beim Setzen von Stents in einer Ader
Eingriffe seien nun besser zu planen als vorher. „Das CT sagt uns zum Beispiel genau, wie wir die Röntgenröhre kippen müssen, um alles gut zu sehen“, sagt der Kardiologie-Leiter des Herzzentrums. Sie weise aus, wie viel Ablagerungen welcher Art sich in einer Arterie befänden – also wie verkalkt sie sei. Nicht zuletzt helfe sie, einen Stent bis in das gesunde Gewebe zu setzen. Dort gehöre solch ein kleines röhrenförmiges Drahtgeflecht, das Arterien offen halten solle, hin.
Der Stent muss präzise vom gesunden Gefäß über die Engstelle in wiederum gesundes Gefäß gesetzt werden, sonst könnte sich eine neue Engstelle bilden. „Das ist Präzisionsmedizin“, sagt Sossalla lobend zur Verknüpfung von Herzkatheter und CT-Bildern. Mit diesem Verfahren ließen sich Patienten schonender und noch individueller behandeln. Das sei begeisternd.
Auf diese Weise dient die neue Anlage nach seinen Worten der Patientenversorgung wie der Forschung. Zum einen könne die Kerckhoff-Klinik ihre Arbeit verbessern. Das Kardiologenteam kläre die Patienten darüber auf. Die Männer und Frauen freuten sich in aller Regel, von der neuesten Technik zu profitieren. „Sie sind begeistert“, sagt Sossalla. Zum anderen dienten die Rückmeldungen aus dem Kardiologenalltag dem Hersteller, um die Anlage zu verfeinern. Das gelte etwa für die Bildrate je Sekunde, die Programmierung der Künstlichen Intelligenz und die angemessene Dosis der Röntgenstrahlen.
Die neue Technik ermögliche eine hochpräzise Sicht auf und in die Kranzarterien, deren Aufbau und Erkrankungsgrad. Auf diese Weise gewinne das Team einen viel besseren Einblick in das Herz und dessen Arterien. „Die Bildqualität ist dabei kein Komfortmerkmal“, hebt er hervor. Und: „Sie ist sicherheitsrelevant.“ Gerade für das Herz sind die Kranzarterien überlebenswichtig, und es darf keine Komplikationen geben.
Dabei unterstütze die KI das Team, sie ersetze aber nicht die ärztliche Entscheidung. Die Künstliche Intelligenz entscheide nichts. Sossalla: „Sie liefert bessere Voraussetzungen, damit wir besser sehen und entscheiden können.“
Darüber hinaus sei das neue Verfahren auch gut, um dem Fortschreiten von Herzkrankheiten vorzubeugen. So lasse sich einem Patienten durch die verbesserte Sicht auf und in die Kranzarterien besser als bisher erläutern, ob oder weshalb er einen Blutfettsenker einnehmen sollte und in welcher Dosis. Solche Statine genannten Medikamente verlängerten das Leben maximal. Was viele Menschen nicht wüssten: 70 Prozent des Cholesterins im Blut stamme aus der Leber des jeweiligen Menschen. Nur den geringeren Anteil könne ein Mensch folglich beeinflussen, in dem er sich herzfreundlicher ernähre.
„Stents implantieren können wir gut, und wir machen das auch gerne“, sagt der Kardiologe. Am besten aber sei es immer, einen solchen Eingriff möglichst durch effektive Prävention zu vermeiden.
