Im Jahr 2016 hatten Sie sich eigentlich endgültig von der Bühne verabschiedet. Nun kehren Sie nach neun Jahren Pause doch mit einem neuen Album und einer großen Tour zurück. Was hat Sie zu dieser Kehrtwende veranlasst?
Der Graf: Es gibt viele kleine Gründe. Ja, ich habe vor neun oder mittlerweile fast zehn Jahren aufgehört und danach erst einmal gar nicht daran gedacht, noch irgendwas zu machen. Ich war mir auch wirklich sicher, ich würde nie mehr wiederkommen. Irgendwann war dann aber doch dieser Gedanke da, ob ich vielleicht doch noch mal privat etwas mache. Ich habe auch viel mit meiner Frau darüber gesprochen, denn es fühlte sich nicht richtig an, hatte ich doch so vehement meinen Abschied aus dem Musikgeschäft verkündet. Das hatte ich damals ja in wirklich jedem Interview gesagt.
Daran erinnere ich mich gut.
Es gibt andere Künstler, die das immer so machen: Sich verabschieden und dann auf eine Comeback-Tour gehen. So wollte ich eigentlich nicht sein! Allerdings habe ich in den vergangenen Jahren schon ein bisschen Musik für mich selber aufgenommen und das alles auch auf einem USB-Stick abgespeichert.
Haben Sie zu Hause ein kleines Studio, in dem Sie produzieren können?
Ich habe mir mit ein paar Boxen eine Ecke eingerichtet und dort die ersten Texte vertont. Das war wie gesagt nur für mich, ohne ein bestimmtes Ziel. Diese Demos haben wir uns angehört, wenn wir mit dem Wohnmobil in den Urlaub gefahren sind. Und da haben meine Frau und ich schon gedacht, dass die Lieder gut sind und man die eigentlich, also dass man mit denen etwas machen sollte. Trotzdem wollte ich es mir lange nicht vorstellen, bis ich im Januar vergangenen Jahres zu meiner Vorsorgeuntersuchung gelatscht bin, bei der festgestellt wurde, dass mein Blutdruck exorbitant hoch war. Ich wurde gleich ins Krankenhaus gebracht, weil es den Verdacht auf einen Herzinfarkt gab. Und dann saß ich in der Notaufnahme und kam ins Grübeln. Wenn es ein Infarkt sein sollte, was kann man danach noch machen? Sein Leben wie weiterhin führen? Ich hatte es bei meinem Opa erlebt, der dann aufhören musste zu arbeiten, und zwar noch vieles tun konnte, aber nichts mehr so wie vorher. Und da dachte ich plötzlich, dass ich wahrscheinlich nie mehr auf eine Bühne könnte, weil es zu anstrengend wäre. Da habe ich mir gesagt, wenn Du hier rauskommst und das Glück hast, dass alles gut ist, dann überdenke ich meine Lebenssituation wirklich. Glücklicherweise war es kein Herzinfarkt, ich hatte mich nur übernommen, mich schlecht ernährt. Ich bin ohnehin so ein kleines HB-Männchen, das sich immer aufregt, das sehr emotional ist. Und nach dieser Erfahrung habe ich meinen Manager angerufen und dem gesagt, dass ich vielleicht doch noch mal gerne Musik machen würde. Erst da habe ich auch erzählt, dass ich Lieder geschrieben habe. Davon wusste vorher nur meine Frau.
Sie hatten zu diesen Liedern auch schon Texte verfasst. Gab es im Hinterkopf den Gedanken, diese Songs anderen Musikern anzubieten, weil Sie selbst sich ja zurückgezogen hatten?
Das habe ich am Anfang probiert und habe Lieder für andere geschrieben. Aber ehrlich, da gibst Du Deine Babys irgendjemand anderem, hörst Dir das Ergebnis an und fragst Dich: Warum hast Du das gemacht?
Sie haben also nur für Ihre Schublade komponiert?
Genau. Das war wirklich nur zu meiner Freude. Und ich finde, dies hört man nun dem Album auch an. Mit dem hat ja niemand gerechnet und so konnte ich schreiben, ohne dass da jemand sitzt, der mir sagt, das da muss radiotauglich sein und das muss im Fernsehen so sein; das da ist zu lang, hier ist der Refrain nicht eingängig genug und so weiter. Ich konnte also schreiben wie früher, als ich angefangen habe, Musik zu machen. Im Grunde habe ich vor zehn Jahren mein Unheilig-Korsett abgelegt, jenes Korsett, das immer enger wurde, je größer der Erfolg war, der dann wiederum die Erwartungshaltung für das nächste Projekt steigerte.
Was in Ihrem Fall mit einer Erwartung einhergegangen wäre, dann mit einem Album gleich zwei oder drei Jahre ununterbrochen in den Charts zu sein?
Ja, die Erwartung noch einmal „Geboren, um zu leben“ zu schreiben, während man selbst denkt: Das habe ich doch schon. Lass uns mit etwas anderem weitermachen. Mein Rückzug vor zehn Jahren war wohl ein Befreiungsschlag. Und dementsprechend befreit konnte ich nun „Liebe, Glaube, Monster“ angehen.
Ich vermute mal, dass in den vergangenen Jahren ein ganzer Haufen Lieder entstanden ist. In der Ankündigung zum Album ist zu lesen, dass die Songs einem Konzept folgen. Stilistisch decken Sie eine große Spanne von Metal über Pop, Rock und Balladen zu Schlager und Elektro ab, nach welchem thematischen roten Faden haben Sie also die Stücke ausgewählt?
Stilistisch habe ich sie in der Tat so gewählt, dass man sich das Album von vorn bis hinten anhören kann, ohne dass man dabei einschläft, dass man von der Ballade bis zur Ballerei mit schweren Gitarren alles hat. Thematisch ist es eine Art Biografie, eine Art Reflexion von meiner Kindheit bis heute. Davon handeln die Texte. Von der Liebe, die ich in meinem Leben erfahren habe. Vom Glauben an mich selbst, weil man mich als Stotterer ja schon als Kind immer in irgendeine Schublade stecken wollte. Und natürlich von den Monstern, gegen die ich in meinem Leben gekämpft habe und noch immer kämpfe. Während wir uns gerade unterhalten, ist immer dieser Gedanke da, ob ich nun fließend reden kann und nicht hängen bleibe. Da ist also ständig einer hinter mir, der mir einflüstert: Das schaffst Du nicht, das kriegst Du nicht hin. Das sind diese Monster, gegen die ich kämpfe, und insofern sind die Texte schon autobiografisch.
Bei einigen Texten, etwa zu „Monster“, fällt auf, dass sie wie aus der Warte eines Kindes geschrieben sind, allerdings mit dem tröstlichen Wissen des Erwachsenen, dass sich die Dinge schon fügen.
Das ist eine Art Rückblick auf meine eigene Kindheit und auf die Angst, zu versagen. Ich hatte in der Schule sehr schwere Momente. Ich bin jetzt 55 und zu der Zeit, in der ich in die Schule ging, konnten die Lehrer mit einem, der stottert, nichts anfangen. In deren Augen war man dumm. Aber ich will damit nicht nur an meine eigene Kindheit anknüpfen. Ich glaube, jedes Kind hat so seine Ängste und seine Zweifel, sei es in der Schule oder sei es in einem Sportverein, wenn es Leistung bringen soll. Dieser Druck, der von außen ausgeübt wird, ist auch eine Art Monster.
Komponieren Sie Ihre Songs an einem Instrument wie Klavier oder Gitarre? Oder nutzen Sie den Computer?
Ich nutze den Computer, bei dem ich die Instrumentierung einstelle, wie sie ungefähr sein soll, und singe dann darauf. Somit habe ich ein Demo, mit dem ich dann ins Studio zu meinem Produzenten Henning Verlage gehe. Mit diesen Demos arbeiten wir dann, probieren aus. Da werden Rhythmen und Sounds ausgesucht und man überlegt gemeinsam, in welche Richtung es gehen soll. Schreiben von Musik im Studio ist einfach toll.
Und dort entscheiden Sie, dass ein Lied in Richtung Metal oder Richtung Schlager gehen soll? Sie sind ja sowohl schon in Wacken wie auch beim ZDF-Fernsehgarten aufgetreten.
Nee, das kommt eigentlich von allein. Bei mir geht es eigentlich immer mit dem Text los. Wenn ich den klar habe, habe ich auch die Musik dazu im Kopf. Und die versuchen wir im Studio zu produzieren.
Folgen Sie da einer Melodie?
Die Musik spielt in meinem Kopf. Das war auch in der Vergangenheit so. Als ich vor zehn Jahren aufhörte, war der Kopf am Anfang still. Aber dann kam mir irgendwann so ein Text in den Sinn. Und als ich den aufschrieb, ging auch das Musik-Karussell im Kopf wieder los. Ich stelle mir vor, wie ich das singe, und fange dann im Kopf an, Instrumente hinzuzufügen und auszutauschen. Das schreibe ich mir dann auf und mache ein kleines Demo, das ich später im Studio verwenden könnte. Am Anfang spielt sich aber alles nur im Kopf ab, und das funktioniert überall. So kann ich auch beim Rasenmähen Musik machen.

Sie sagten, am Anfang eines Lieds stehe der Text. Schreiben Sie die Texte von vorneherein aus oder nutzen Sie ein Wortgerüst, das dann im Studio fertiggestellt wird?
Ich versuche schon, den klassischen Ablauf aufzuschreiben, das heißt Intro, Strophe, Refrain, zweite Strophe und so weiter. Im Studio merke ich aber schon, dass manches auch wegfallen muss. Wörter, auch mal ganze Sätze, man erkennt, was gut ist und was schlecht. Das Schöne ist, dass ich mir keine Grenzen setzen muss. Manchmal gehen wir in eine Richtung, hören es uns dann eine Woche später an, schmeißen das weg und fangen nochmal von vorne an. Ich hatte dieses Mal den Luxus Zeit.
Ihr neues Album erscheint in verschiedenen Formaten, darunter auch solchen mit Bonusmaterial wie Produktionsdemos. Sind das komplett andere Versionen der Lieder?
Bei vielen Liedern sind es andere Versionen, teils mit anderen Texten oder anderer Instrumentierung. Dann sind da auch Demos, wie ich sie bei mir zuhause gemacht habe, also die Ur-Version. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass die Fans das gerne mögen. So können sie einen Entstehungsprozess verfolgen, der sehr privat und keinesfalls perfekt ist.
Zum neuen Album wird es auch eine große Tournee geben. Sind da die alten Weggefährten mit dabei?
Der Keyboarder ist dabei, Schlagzeuger auch. Der Gitarrist ist ein anderer, aber man kann nicht von allen erwarten, dass sie nach zehn Jahren Pause alles stehen und liegen lassen, um mit mir zu touren. Schön ist allerdings, dass ganz viele Leute von unserer alten Crew angerufen haben und fragten, ob sie dabei sein dürfen. Es waren ja früher gut 70 Leute, die als Techniker, Fahrer, Stage Hands und so weiter an einer solchen Tournee-Produktion beteiligt waren. Und von denen werden wir nun etwa 90 Prozent wieder mit dabei haben. Das freut mich sehr!
Welche Bedeutung hat das Konzertieren für Sie?
Ich habe meinem Manager gleich nach meinem Entschluss, wieder Musik zu machen, gesagt, er solle mir ein Mikro in die Hand drücken und einen Lautsprecher dazu, und ich würde mich auf jeden Platz der Welt stellen und singen. Ich möchte gerne wieder auf die Bühne, egal wo.
Statt der Plätze sind es gleich die Stadien und großen Hallen.
Dabei haben wir anfangs nur einen kleinen Testballon gestartet und nur sechs Konzerttermine online gestellt, um zu schauen, wie es läuft.
Dass die nach drei Stunden ausverkauft waren, hatten wir nicht erwartet. Weil mein Manager ein guter Manager ist, hat er aber im Hinterkopf gehabt, dass wir da noch ein paar spielen sollten. Und das bedarf einiger Vorplanung. Die großen Hallen sind ja oft schon ein Jahr im Voraus ausgebucht.
Im Sommer spielen Sie aber erst noch Ihre „Wieder zurück“-Tour. Stehen da schon die neuen Songs im Mittelpunkt?
Die Zuhörer werden die dann vermutlich schon kennen, doch gespielt wird da noch das bewährte Programm.
Und bei der Hallentour im Winter?
Da spielen wir dann ein neues Programm.
Zur Person
Die deutsche Musikgruppe Unheilig ist 1999 in Aachen um den Sänger und Songschreiber Der Graf entstanden. Wurde sie zunächst dem Genre Neue deutsche Härte zugerechnet, bewegte sie sich im Verlauf ihrer Karriere immer mehr in Richtung Pop mit gelegentlicher Tendenz zum Schlager und erreichte ein Massenpublikum. Vor allem die Alben „Große Freiheit“ (2010 veröffentlicht) und „Lichter der Stadt“ (2012 veröffentlicht) waren immense Erfolge und verkauften sich millionenfach. „Große Freiheit“ stand mit Unterbrechungen insgesamt 23 Wochen auf Platz 1 der Charts und ist damit eines der erfolgreichsten Alben der deutschen Musikgeschichte. Im Jahr 2014 verkündete Der Graf in einem offenen Brief das Ende des Projekts nach Abschluss einer letzten Tournee. 2016 war es soweit und Unheilig eigentlich Geschichte. Die geht nun weiter mit dem am 13. März 2026 erschienenen Comeback-Album „Liebe Glaube Monster“ (Vertigo/Universal Music).
