Auf dem Eis ist die Sache für Malte Brelage klar und die Welt einfach: Das Team hat sechs Spieler, die Partie dauert dreimal 15 Minuten, der Puck muss ins gegnerische Tor. Dass Brelage aufgrund eines seit der Geburt verkürzten Beins dafür in einem Spezialschlitten sitzt und, um sich bewegen und spielen zu können, zwei Schläger nutzt, ist auch der einzige Unterschied. Sonst trennt das Para-Eishockey nur wenig vom olympischen Verwandten – vor allem in Sachen Durchhaltevermögen und Leidensfähigkeit: Zum ersten Mal seit 20 Jahren haben sich die deutschen Para-Eishockeyspieler im Mai vergangenen Jahres für die Paralympics qualifiziert.
Die Hürden, die Teamkapitän Brelage mit der deutschen Auswahl dafür überwinden musste, sind aber nicht nur auf dem Eis zu finden, sondern reichen tief in den deutschen Para-Sport. Sie führen zur Frage: Werden Para-Athleten in Deutschland ausreichend gefördert?
Ein wichtiger Topf dafür ist die Stiftung Deutsche Sporthilfe, die es sich als gemeinnützige Stiftung seit fast 60 Jahren zur Aufgabe gemacht hat, die besten Athleten und Para-Athleten Deutschlands zu unterstützen. Dazu zählen seit Kurzem auch die Para-Eishockeyspieler, die sich mit dem fünften Platz bei der WM im vergangenen Jahr die Teilnahme bei den Spielen in Italien sicherten, finanziell aber auf dem Weg dahin lange zum großen Teil sich selbst überlassen wurden.
Keine Förderung trotz internationalen Erfolgs
„Neuerdings bekommen auch wir Unterstützung von der Sporthilfe und bekommen natürlich vom Deutschen Behindertensportbund Zugang zu den Fördertöpfen. Aber wir mussten viel dafür kämpfen, und das liegt nicht nur an der Bürokratie“, sagt Brelage. „Es ist jetzt nicht so, dass wir uns qualifiziert haben und alle uns direkt mit offenen Armen empfangen haben. Das Problem lag vielmehr darin, dass, als wir uns qualifiziert haben, alle Förderplätze schon verteilt waren und es zunächst hieß: Die Sporthilfe hat kein Geld mehr.“ Keine Förderung trotz internationalen Erfolgs.
Auf das Problem der begrenzten Förderplätze macht auch Mareike Miller, Para-Basketballspielerin und Mitglied im Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes, wiederholt aufmerksam. „2025 wurden 156 Para-Athleten gefördert. Dem gegenüber stehen aber 190 Teilnehmer an den Paralympics“, sagt die 35 Jahre alte Paralympics-Siegerin von 2012 und bezieht sich dabei sowohl auf die Sommer- als auch auf die Winterspiele. „Im Vergleich dazu stehen dem gegenüber 1700 geförderte Athleten mit 600 Teilnehmern bei den Olympischen Spielen.“
Miller will mit der Auflistung Athleten ohne Behinderung nicht etwas wegnehmen, sondern auf eine konkrete Unverhältnismäßigkeit gegenüber Para-Athleten hinweisen: „Es geht darum, dass man mal grundsätzlich bespricht, wonach die Gelder verteilt werden. Im Moment ist es historisch begründet, da man sich vor Jahren halt so dafür entschieden hat, denn der paralympische Bereich ist erst nachträglich hinzugekommen.“
Bei der Sporthilfe stimmt man überein, dass mehr Athleten gefördert werden müssten, weicht aber der Kritik an der Verteilung aus und hebt lieber bereits erfolgte Unterstützung hervor. „Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Paralympischen Spiele erhalten Förderung. Derzeit werden 168 paralympische Athletinnen und Athleten im Potential- und im Topteam durch die Sporthilfe gefördert“, heißt es in einem Statement gegenüber der F.A.Z. Dazu zähle auch das Para-Eishockeyteam, das von Juli 2025 an aufgenommen wurde, „obwohl dies nicht im Förderhaushalt eingeplant gewesen war“.
Nach welchen transparenten Kriterien wird entschieden?
Für „Athleten Deutschland“ ist das nicht genug. Trotz des Ausbaus der Förderung um zwölf zusätzliche Plätze ist die Teilnehmerzahl der Para-Athleten bei den Paralympics ebenso gestiegen, auf insgesamt 200. Die unabhängige Athletenvertretung forderte daher unmittelbar vor dem Beginn der Winter-Paralympics in Italien, von 2027 an die Förderung auf 200 auszuweiten. „Für rund 30 zusätzliche Förderplätze bei der Sporthilfe wären jährlich rund 400.000 Euro notwendig. Gemessen an den Gesamtausgaben des Bundes für den Spitzensport entspricht das weniger als 0,2 Prozent.“
Auch in der Politik findet diese Forderung Zustimmung. „Der Handlungsbedarf ist offensichtlich, und ein weiterer Paraförderaufwuchs ist dringend notwendig“, sagt die Grünen-Bundestagsabgeordnete Tina Winkelmann. „Kurzfristige Kampagnen, die lediglich einzelne zusätzliche Förderplätze schaffen, greifen zu kurz, denn das lindert nur Symptome, löst aber nicht das strukturelle Problem.“ Eine zentrale Frage sei unbeantwortet: „Nach welchen transparenten Kriterien wird entschieden, wie viel Förderung der Para-Sport insgesamt erhält?“ Solange die Antwort darauf fehle, sei die Finanzierung „unverlässlich und abhängig von Einzelentscheidungen“.
Malte Brelage ist für die Förderung durch die Sporthilfe dankbar, die dem Siebenundzwanzigjährigen und seinem Team nun 700 Euro monatlich mehr an Unterstützung bietet. Dennoch waren Leben und Leistung der Para-Athleten auf dem Eis davor stets geprägt vom mühseligen Balanceakt zwischen Sport und dem eigentlichen Beruf, der ihnen Ersteren finanzierte – ein Pfad, den auch andere deutsche Athleten mit Behinderung bestreiten müssen.
Brelage ist dabei stolz, sich auf dem Weg zu den Paralympics gegen Nationen durchgesetzt zu haben, deren Para-Athleten den Vorteil genießen, ihren Sport – anders als er – in Vollzeit auszuüben. „Wir haben 20 Jahre lang nie Sporthilfe bekommen“, sagt Brelage „Das meiste haben wir aus eigener Kraft geschöpft, natürlich auch mit Unterstützung vom Deutschen Behindertensportbund. Die Förderung gab es erst nach erfolgreicher Qualifikation. Alles davor kam über unseren Schweiß und harte Arbeit.“
