Eine der fröhlichen anthropologischen Einsichten, die der lebenshungrige junge Bertolt Brecht früh gewann, brachte er 1927 mit seiner Macho-Oper „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ zu Gehör. Sie lautet:
Erstens vergeßt nicht, kommt das Fressen
Zweitens kommt der Liebesakt
Drittens das Boxen nicht vergessen
Viertens Saufen, das steht im Kontrakt.
Dem „Liebesakt“ hat Brecht in seiner Dichtung bis 1933 vielfach gehuldigt, oft mit frivolen, manchmal vulgären Bekenntnissen und Anweisungen:
Vögelt man nicht in den Hosen.
Ein 1994 bei Suhrkamp erschienener Band mit Brechts „Gedichten über die Liebe“, die bei ihm vorzugsweise körperlicher Art ist, umfasst 155 Gedichte. Von ihnen wurden zwei Drittel zwischen 1917 und 1933 geschrieben, das restliche Drittel zwischen 1933 und 1955. Die Jahre des Exils von 1933 bis 1947/48 waren der Thematisierung von Liebe und Sexualität abträglich. „Die Brüste der Mädchen / sind warm wie ehedem“, heißt es in dem Gedicht „Schlechte Zeit für Lyrik“, das 1939 in Svendborg entstand, Brechts Zufluchtsort auf der dänischen Insel Fünen; aber nur „das Entsetzen über die Reden des Anstreichers“, also Hitlers, „drängte“ den Verfasser „zum Schreibtisch“.
Exil kann auch ein befreiendes Abstreifen von alten Bindungen bedeuten
Das gilt auch für andere Exilautoren. Der Kampf gegen das NS-Regime wurde für viele von ihnen zum Hauptmotiv des Schreibens. Vorrangiges Thema war die verstörende Erfahrung der Flucht aus Deutschland und der prekären Existenz im Ausland (wofür im Mittelhochdeutschen das Wort „elende“ stand). Trotzdem spielen Liebe und Sexualität in vielen Werken der Exilliteratur eine beträchtliche Rolle.
In einem der ersten Romane, die den Gang ins Exil beschreiben, in Klaus Manns „Flucht in den Norden“ (1934), darf eine Berliner kommunistische und lesbisch lebende Studentin nach Finnland fliehen und dort erstmals in Liebe zu einem Mann vergehen, bevor sie sich wieder an ihre politische Bestimmung erinnert, den Kampf gegen den Nationalsozialismus, und nach Deutschland zurückkehrt. Sie verfällt im hohen Norden einem attraktiven jungen Gutsbesitzer und stürzt in seine Umarmung „wie in einen Abgrund, dessen Glanz und Finsternis alles umschlingt, was bis dahin Realität gewesen war“. Was danach folgt, wird über zwei Seiten hinweg mit sichtlicher Freude an prozeduralen und körperlichen Details beschrieben.
Auch in anderen Emigrations- oder Exilierungsromanen kommt es zu überraschenden, überwältigenden und beglückenden erotischen Begegnungen, so zum Beispiel in Konrad Merz’ „Ein Mensch fällt aus Deutschland“ (1936), in René Schickeles bezaubernder „Flaschenpost“ (1937), in Bruno Franks „Reisepaß“ (1937), in Rudolf Franks „Fair play“ (1938), in Klaus Manns „Vulkan“ (1939) und in Lion Feuchtwangers „Exil“ (1939).
In Fritz Erpenbecks „Emigranten“ (1935 -1939) findet ein nach Prag entkommener Funktionär der KPD bei einem tschechischen Genossen Unterschlupf und geht mit der Frau dieses Genossen eine Beziehung ein, was im Interesse der politischen Arbeit mit kommunistischer Diszipliniertheit geregelt wird: Der Prager Genosse räumt das Ehebett und schlägt sein Nachtlager in der Küche auf. In Alice Rühle-Gerstels Roman „Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit“ (1938) muss die Heldin ebenfalls nach Prag fliehen und darf dort, während ihr Mann in einem Gestapo-Gefängnis sitzt, eine beglückende Affäre mit dem attraktiven jungen Chef der führenden Tageszeitung „Svoboda“ („Freiheit“) erleben.
Exil bedeutete eben nicht nur Elend im Ausland, sondern manchmal auch befreiendes Abstreifen von alten Bindungen und die Möglichkeit von neuen und, da alles in Bewegung war, von rasch zum Ziel führenden erotischen Begegnungen. Welche Dauer sie unter den Umständen erlangen konnten, war eine andere Frage; in Rühle-Gerstels „Umbruch“ währt das Glück ein knappes Jahr, in anderen Fällen ein paar Tage oder gar nur eine Nacht. In seinem 1939 entstandenen „Liebeslied aus einer schlechten Zeit“ lässt Brecht eine ernüchterte Stimme mehr konstatieren als klagen:
Wir waren miteinander nicht befreundet
Doch haben wir einander beigewohnt.
Als wir einander in den Armen lagen
War’n wir einander fremder als der Mond.
Und träfen wir uns heute auf dem Markte
Wir könnten uns um ein paar Fische schlagen:
Wir waren miteinander nicht befreundet
Als wir einander in den Armen lagen.
Bertolt Brecht gab seiner Geliebten ein Sonett mit auf den Weg
Unter dem Eindruck der Trennungen, die mit dem Exil verbunden waren, gab Brecht im Herbst 1934 seiner von Fünen in die Sowjetunion aufbrechenden Geliebten, der Schauspielerin Margarete Steffin, ein Sonett mit auf den Weg, das erotisches Begehren und liebevolle Fürsorge aufs Zärtlichste verbindet:

Als ich dich in das fremde Land verschickte
Sucht ich dir, rechnend mit sehr kalten Wintern
Die dicksten Hosen aus für den (geliebten) Hintern
Und für die Beine Strümpfe, gut gestrickte!
Für deine Brust und für unten am Leibe
Und für den Rücken sucht ich reine Wolle
Damit sie, was ich liebe, wärmen solle
Und etwas Wärme von dir bei mir bleibe.
So zog ich diesmal dich mit Sorgfalt an
Wie ich dich manchmal auszog (viel zu selten!
Ich wünscht, ich hätt das öfter noch getan!)
Mein Anziehn sollt dir wie ein Ausziehn gelten!
Nunmehr ist, dacht ich, alles gut verwahrt
Daß es auch nicht erkalt’, so aufgespart.
Bei Brecht wurde der Ton im Exil etwas verhaltener
Die Thematisierung von körperlicher Liebe ließ bei Brecht im Exil nach, und der Ton wurde etwas verhaltener. Ganz erlosch seine Freude an Frivolitäten und Vulgaritäten indessen nicht, und gelegentlich findet sie sich in engster Nachbarschaft mit Texten, die über die Not des Exils und das Leid inhaftierter oder vertriebener Antifaschisten klagen. Zwei Beispiele: In Brechts Nachlass fand sich ein Blatt aus dem Jahr 1937, das auf der einen Seite ein Gedicht auf eingekerkerte kommunistische Spanienkämpfer aufweist, auf der anderen Seite ein vierzeiliges Gedicht über inhaftierte deutsche NS-Gegner, darüber aber den Anfang eines Gedichts „Über die Untreue der Weiber“, das Lamento eines Manns, der feststellen muss, dass seine Partnerin ein Auge auf einen anderen geworfen hat. Vermutlich resultiert es aus einem Zwist mit Ruth Berlau, einer weiteren Geliebten jener Jahre.
Zum Konvolut der „Flüchtlingsgespräche“, die um 1940 entstanden und neben der unsicheren Situation der Exilanten die allgemeinen gesellschaftlichen Verhältnisse reflektieren, gehören einige nicht sicher einzuordnende Teile. Es sind Monologe eines herrschaftlichen „Schofförs“, der dank seiner Stellung vielfache Gelegenheit zu Intimitäten mit höhergestellten Damen hatte und nun seinem Gesprächspartner klar machen will, welche Rolle „Standesunterschiede“ bei erotischem Begehren und sexuellen Begegnungen spielen: hemmend wirken, zugleich aber Reiz und Genuss beträchtlich steigern. Und Brechts „Schofför“ nimmt, noch ganz in der Erinnerung schwelgend, kein Feigenblatt vor den Mund. Dazu gehört auch, dass seine Erzählungen mit sexuellen Argot-Wörtern gespickt sind, deren Vulgarität über das sachlich vielleicht notwendige Maß hinausgehen und den Text zu einem frappierenden Exempel obszöner Rede werden lassen.
Dienten diese Passagen eher der Veranschaulichung sexueller Verhaltensweisen oder eher der Artikulation der alten Brecht’schen Lust an sexueller Kraftmeierei, die sich trotz der dämpfenden Wirkung des Exils gelegentlich eruptiv und rücksichtslos äußerte? Ein letztes und zugleich exorbitantes Beispiel ist ein 1948 entstandenes Gedicht, das mit derb anweisenden Worten sagt, wie – laut Titel – bei der „Verführung [oder eigentlich Überrumpelung oder, noch eigentlicher, Vergewaltigung] von Engeln“ vorzugehen sei. Brecht unterschrieb dieses eklatant schamlose und rüde Gedicht (eine Zitation auf Hochglanzpapier liegt jenseits der ästhetischen Möglichkeiten) mit „Thomas Mann“; es sollte wohl nicht nur eine sittliche und religiöse Provokation sein, sondern auch ein Angriff auf jene ästhetische Schicklichkeit, deren prominentester Statthalter der von Brecht gehasste Thomas Mann war.
Erotische Begegnungen auf der Flucht
Dem Exil verdankt sich auch eines der größten und schönsten erotischen Bücher in deutscher Sprache: ein fast tausend Seiten zählender Roman Rudolf Borchardts, der 1938/39 entstand und 2018 unter dem Titel „Weltpuff Berlin“ aus dem Nachlass ediert wurde; Borchardts Erben hatten sich lange gegen die Publikation gesperrt, weil sie um seinen guten Ruf fürchteten.
Der 1877 in Königsberg geborene Verfasser lebte seit 1906 vorzugsweise in Italien, sympathisierte um 1933 mit Mussolini, hasste aber die Nationalsozialisten und schrieb im Spätherbst 1935 vierzehn umfängliche Schmähgedichte („Jamben“), in denen er den Nationalsozialismus und seine Führungsclique mit einer nicht enden wollenden Sturzflut von Schimpfwörtern überzog: „Dreck. Trockener, angemachter, aufgeweichter Dreck, / Zerfallener Dreck, gepreßter Dreck, / Gedruckter, Scheißdreck, Dreckgesinnung [. . .]“.
Und doch verging Borchardt nicht in Hass und Verbitterung, sondern begann mit der Ausarbeitung eines Gartenbuchs, das 1951 ediert wurde, und schrieb zwei Romane, darunter „Weltpuff Berlin“. Dieser führt – wohl als Wunschphantasie – zurück in die „gute alte“, von Prosperität und Sekurität getragene Zeit um 1900, in der das höhere Bürgertum ein luxuriöses Leben führen konnte.
Der junge Held, der dieser Schicht entstammt, ist mindestens so liebeshungrig wie der junge Brecht und zudem mit unerschöpflicher Potenz begabt. Er packt jede Gelegenheit beim Schopf, begibt sich am Vormittag nach einem intimen Frühstück mit einem hingebungsvollen Zimmermädchen zu einem Stelldichein mit einer schmachtenden Dame der feinen Gesellschaft und lässt unterwegs auch die Blumenverkäuferin nicht aus, bei der er nach einem Strauß für die Gnädige fragt.
So eilt er von Gelegenheit zu Gelegenheit, ist dank seiner fabelhaften körperlichen Ausstattung und Regenerationsfähigkeit jeder Herausforderung gewachsen und durchläuft eine nicht abreißende Kette von phantastisch inszenierten Liebesabenteuern, die er als autobiographischer Erzähler in der Ich-Form auf detaillierteste Weise und mit größtem literarischem Raffinement reproduziert. Manche Kritiker befanden auf Pornographie, übersahen aber, dass es nicht nur um die aufreizende Darstellung libidinöser Involvierungen und sexueller Handlungen geht, sondern um die Entfaltung aller Spielarten der Erotik (mit und ohne Liebe) und um die Kunst der differenzierten, manchmal schwärmerisch verschönenden, manchmal lustvoll vulgären Beschreibung und Benennung.

Beiläufig bietet der Roman ein ausgedehntes Glossarium der Sexualität, eine umfassende Metaphorologie der Liebe und ein Kompendium der erotischen Mythologie. Genetisch mag er sich einem doppelten Mangelgefühl verdanken, resultierend aus dem Verlust jener unbeschwerten Welt von 1900 und aus der Einschränkung der Aktionsmöglichkeiten in den von politischen und existentiellen Sorgen geprägten Dreißigerjahren.
Wie Lion Feuchtwanger über seine Begegnungen mit Frauen schrieb
Freilich konnte man – mit Glück und Tüchtigkeit – auch im Exil anders leben. Lion Feuchtwanger hielt im Sommer 1906 in seinem Tagebuch fest, er gedenke, „ein möglichst intensives Leben“ zu führen, und schuf dafür mit Dramen und Romanen, die ihn berühmt und reich machten, die materiellen und gesellschaftlichen Voraussetzungen. Zu dieser intensiven Lebensart, die er dank international erfolgreicher Romane auch im Exil beibehalten konnte, gehörte ein extensiver Geschlechtsverkehr mit der Ehefrau, mit Frauen aus dem Bekanntenkreis und aus der literarischen Sphäre, immer wieder auch mit Prostituierten.
Eine Vielzahl von „Liebesakten“ (um Brechts Bezeichnung aufzugreifen) ist in Feuchtwangers Tagebüchern, die 2018 ediert wurden, verzeichnet: „14. Juni 1934: Abends mit Annemarie [. . .]. Sie gevögelt. Ganz nett.“ – „12. Oktober: Spätabends ausgegangen zu einer Hure. Billig und ganz nett.“ – „13. Oktober: Abends mit Lilo [. . .]. Besonders angenehm. Dann törichterweise noch zu einer Hure.“ Die Herausgeberinnen der Tagebücher schreiben in der „Editorischen Notiz“, das Wort „gevögelt“ komme rund 750 Mal vor, das Wort „gehurt“ etwa 650 Mal.
Der damit bezeichneten Tätigkeit gab sich Feuchtwanger mit einer manchmal erstaunlichen Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen hin. Als er im Januar 1937 Moskau besuchte und als prominenter Gast gefeiert und von Stalin empfangen wurde, waren jene entsetzlichen „Säuberungen“ im Gange, denen täglich Hunderte von Menschen, unter ihnen viele Exilanten, zum Opfer fielen, die meist durch Genickschuss „liquidiert“ wurden.

Während Feuchtwangers Aufenthalt fand auch der heuchlerische Schauprozess gegen seinen alten Bekannten Karl Radek statt. Am 23. und 24. Januar wohnte Feuchtwanger dem Verfahren bei. Am 25. hielt er im Tagebuch fest: „In der Frühe mit Eva [seiner Reisebegleiterin] gevögelt. Nicht zum Prozess gegangen.“ Die Verhandlung war ihm zu „fad“, wie er am 26. anmerkte. Radek wurde am 29. Januar zum Tod verurteilt, dann zu zehn Jahren Straflager begnadigt; dort wurde er 1939 ermordet.
Johannes R. Becher schrieb ein Sonett
Wer weniger prominent als der Staatsgast Feuchtwanger und zudem dauerhaft auf den Exilort Moskau angewiesen war, konnte in den Jahren der wahnhaften „Säuberungen“ das Glück der Liebe nicht unbeschwert genießen. Johannes R. Becher, der spätere erste Kulturminister der DDR, schrieb in jenen Jahren ein Sonett, das die Atmosphäre der alle Lust brechenden Angst eindrucksvoll beschreibt: Man wird von der KPdSU besoldet und hat ein Zimmer im Emigrantenhotel Lux; aber nachts, wenn die Verhaftungskommandos des NKWD unterwegs sind, horcht man atemlos auf alle Geräusche im Haus und fürchtet, dass Stalins Schergen, während man sich noch in den Armen liegt, schon vor der Tür stehen:

[. . .] Aus der Umarmung ist die Lust geschwunden,
Und ratlos sehen wir uns beide an.
Wer trennte uns? Wer stellte sich dazwischen?
Wer hat die Macht, sich in uns einzumischen,
Und herrscht so übermächtig dieser Wahn,
Daß er uns heimsucht in geheimsten Stunden?
