Für Menschen wie Kamil Dalkiran kann schönes Wetter vor allem zunächst einmal viel Arbeit bedeuten. Er steht im orangen Arbeitsanzug neben seinem Stihl-Laubbläser an einem Sandkasten und blickt dem Kollegen hinterher, der mit einem kleinen Elektromobil den Günthersburgpark hochfährt und Mülltonnen leert. Es ist kühl, der Park ist fast leer, zwei, drei Jogger laufen weiter entfernt ihre Runden. Richtung Osten ist der Himmel noch zartrosa, über Dalkiran zeigt sich schon ein helles Blau. Zwischen welkem, braunem Laub stehen Inseln bunter Krokusse.
Es ist früh am Morgen und früh im Jahr, und der Park sieht eigentlich sehr ordentlich aus. „Wenn das Wetter jetzt schön wird, und am Wochenende vor allem, die Leute machen hier Picknick, da kann es schon viel werden“, sagt Dalkiran und meint den Müll. Von sechs Uhr morgens an bis etwa elf Uhr kümmert er sich mit den Kollegen um den Günthersburgpark, dann geht es weiter. „Aber es ist alles gut hier. Frische Luft“, sagt Dalkiran, legt den Kopf leicht schief und wedelt mit der rechten Hand unbestimmt Richtung Himmel.
Auch Richard Tantz ist früh unterwegs. Die Parzellen im Kleingärtnerverein St. Gallus sind fast noch alle leer. Tantz steht vor einer Meisenknödelsäule auf Parzelle Nummer 133. Vogelgezwitscher vermengt sich mit dem Rauschen der nahen A 5. „Im Winter habe ich den Garten vermisst, da war ich einmal die Woche hier, um die Vögel zu füttern“, sagt der Vierundachtzigjährige. Er trägt eine Sonnenbrille, ist groß, schlank, geht sehr aufrecht. „Wer rastet, der rostet“, sagt Tantz, und freut sich deswegen über die Sonne, „weil man sich endlich wieder bewegen kann“.

Auf 300 Quadratmetern baut er Bohnen, Kartoffeln, Pflaumen, Äpfel, Birnen, Johannis- und Stachelbeeren an. Er hebt die Folie seines Frühbeets hoch. Darunter wachsen hellgrüne Salatblätter aus dunkler Erde neben einem Etikett „Kopfsalat, grün, Gemüselust“. Schon sein Großvater habe den Garten gepachtet, er ging über auf die Mutter und vor vielen Jahren übernahm Tantz. Der erste Pachtvertrag datiert auf das Jahr 1968. Der Großvater, Eisenbahner und Schreiner, baute die Hütte, Tantz baute die Gartenlaube an. Derzeit gehe er jeden Tag ein bis zwei Stunden in den Garten. „Meine Frau ist davon nicht so begeistert“, sagt er.
Ein Abschied vom Garten
In diesem Jahr wird Tantz zum letzten Mal den mit Kalk und Stickstoff präparierten Boden mit der Harke auflockern. Den nächsten Schritt drückt er im Konjunktiv aus. „Wenn ich den Garten nicht hätte, müsste ich den Führerschein abgeben.“ Er benötige das Auto, um Gartenabfälle zu entsorgen. Wenn die nicht mehr anfielen, sei das Auto überflüssig. Und ein 84-Jähriger sei gut beraten, darüber nachzudenken, ob er noch im Vollbesitz der Kräfte sei, ein Auto zu fahren, sagt er. So ist der Abschied vom Garten ein bisschen wie ein Abschied vom Leben, ein selbstbestimmter Rückzug, weil die Kraft ausgeht. „Aber ich komme dann sicher noch vorbei, um Freunde zu besuchen“, sagt Tantz, und wirft einen Regenwurm in den Komposthaufen.
Zum ersten Mal im Grüneburgpark
Auch Nico Anouk scheint die ersten Sonnenstrahlen zu genießen. Sie liegt auf einer Bank im Grüneburgpark, die Augen blinzeln unter einer Strickmütze, man sieht bläuliche Adern unter zarter Haut, die Füße sind winzig und runzelig. Als das Mädchen vor vier Wochen geboren wurde, legten Schnee und Eis den Verkehr lahm. Die Eltern Antonia und Jonas können den Blick, während sie reden, kaum von ihr abwenden. „Wir genießen die ersten Sonnenstrahlen“, sagt der Vater sichtlich glücklich. Die Tochter sei das erste Kind, alles laufe sehr gut, auch die Nächte seien weniger kraftzehrend als vermutet. „Und jetzt hoffen wir, dass sie gleich nach dem Essen einschläft.“
Ellie und Constantin wirken auch glücklich. Sie liegen auf einer rosa Decke, vor ihnen der Main, rechts der Westhafen Tower, neben ihnen eine Tupperware-Dose mit Schokomuffins, nicht vegan. „Wir sind schon den zweiten Tag hier, gestern war es noch schöner“, meint Ellie. „Echt, findeste?“, fragt Constantin. Die beiden haben sich an der Goethe-Uni kennengelernt, wo sie Linguistik studieren. Seit zwei Monaten daten sich die beiden, was die etwas ausweichende Antwort auf die Frage ist, wie lange sie schon ein Paar sind.
„Das Saxofon hat mein Leben gerettet“
Von der gegenüberliegenden Mainseite klingt Saxofonmusik herüber. Mathias Breuning steht an der Untermainbrücke vor einem Graffito „Chicas of FFM“ und spielt auf seinem Selmer-Tenorsaxofon „Take five“. Er trägt Hut, ein Halstuch mit einem Muster aus Noten und eine Anstecknadel in Form eines Saxofons auf dem karierten Tweed-Sakko. Im Koffer neben ihm liegen drei Zwei-Euro-Münzen. „Ich spiele nicht wegen des Geldes“, sagt Breuning. „Ich komme wegen der Akustik.“ In seiner Mietwohnung, er wohne in einer Parallelstraße, könne er nicht so laut spielen. „Aber weil ich immer wieder gefragt wurde, wo das Geld hin soll, wurde ich es müde zu erklären“, sagt Breuning. Seitdem steht der offene Koffer neben ihm.

Breuning ist 78 Jahre alt, von 1976 bis 1979 besuchte er die Jazzschule in München. Wenn er aus seinem Leben erzählt, hat er ein bisschen den Blick eines staunenden Kindes, als wundere er sich selbst, was ihm alles passiert ist. Auch Schweres, Breuning erkrankte vor einigen Jahren an Zungenkrebs. „Die Therapie, die ganze Zeit war schlimm“, sagt Breuning. „Die Hoffnung, wieder Saxofon spielen zu können, die Musik allgemein, das hat mich am Leben erhalten“, sagt er. „Das Saxofon hat mich am Leben erhalten.“ Ein junger Mann wirft im Vorbeigehen einen Fünf-Euro-Schein in den Koffer. „Danke, das war sehr schön.“
Zigaretten und Salate in der Sonne im Westend
Im Westend entlang der Bockenheimer Landstraße, wo man Sätze auffängt wie „Ich hatte ja eigentlich noch einen Plan B, ‘ne Briefkastenfirma oder so’n Scheiß“, pulsiert in der Mittagspause das pralle Leben. Gegelte Haare zu ärmellosen Steppwesten, Schoßhündchen tippeln neben Stöckelschuhen, Zigaretten und To-go-Salate in der Sonne. Schräg gegenüber der Skulpturengruppe „Ring der Statuen“ im Rothschildpark sitzt eine junge Frau in der Sonne und isst Nudeln mit Tofu. Sie ist 29 Jahre alt und arbeitet bei einer Anwaltskanzlei im Opernturm. „Ja, das hat sich jetzt spontan ergeben, dass ich hier sitzen kann“, sagt sie. „Die ersten schönen Tage, das ist etwas Besonderes, und ich genieße es.“
Auf der Wiese neben dem Opernturm liegt Stefan Jung auf dem Rücken, lang ausgestreckt, die Hände auf dem Bauch gefaltet. Der Lärm der Großbaustellen links und rechts scheint ihn nicht zu stören. „Ach, da schalte ich auf Durchzug, Handwerker sind Lärm gewohnt“, sagt Jung. Er kommt aus Bretzenheim an der Nahe und arbeitet für eine Schreinerei, die derzeit im Openturm tätig ist. Er beschattet die Augen und guckt nach oben. „Ich darf da oben nicht kochen, deswegen mache ich es hier“, sagt Jung, graumelierter Dreitagebart, um den ein spöttisches Lächeln zuckt. Neben ihm in einer Tüte liegen benutzte Teller neben einem kleinen Kocher, es gab Nudeln.
Sonne öffnet die Herzen der Wähler
Von einem „langen kalten Winter“ redet Pierre Skolik, der das Wasserhäuschen Snack FM in Seckbach betreibt. Nudeln mit Tofu gibt es hier nicht, dafür stehen Bierflaschen vor den drei Männern, die an den Biertischen sitzen. „Es geht jetzt langsam los“, sagt Skolik, der mit Farbe im Gesicht und den graumelierten Strähnen, die unter dem Basecap hervorlugen, aussieht wie ein ehemaliger Profisurfer. Ein sonniges Gemüt hat der Kioskbetreiber ohnehin, doch das Wetter mache vieles leichter. „Man arbeitet ganz anders, und die Menschen sind gut gelaunt. Alle lechzen danach, draußen zu sitzen, sie wollen Spaß haben und sich unterhalten“, meint Skolik.

Sonne macht das Leben leichter. Und öffnet die Herzen, auch von Wählern. Wenn man dann noch ein bisschen selbstironisch ist, kommt man leicht ins Gespräch. Omar Shehata, SPD-Kandidat für die Stadtverordnetenversammlung, hat sich das Wahlplakat mit seinem Konterfei umgebunden, eins vorne, eins hinten. Mit einem Bollerwagen voller Flyer und Süßigkeiten geht er am Mainufer entlang und macht Wahlkampf. „Das habe ich schon vor fünf Jahren in der Pandemie so gemacht“, sagt Shehata. Die Sonne helfe, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, sagt der Politiker. „Die Depri-Stimmung ist vorbei, ich genieße die Sonne und finde es ganz witzig“, sagt der Vierunddreißigjährige. Sein selbstironischer Auftritt falle auf, nicht nur Sonne, sondern auch Humor helfe in der Politik.
Wer sich damit auskennt, vor allem mit Politik in der Vergangenheit, bei dem klingelt vielleicht etwas, wenn er den Namen von Caprivi hört. Leo von Caprivi, nach eigenen Angaben tatsächlich verwandt mit dem gleichnamigen Nachfolger Otto von Bismarcks, spielt im Günthersburpark mit Freunden Boule, um sie herum weite Hochwasserhosen zu weißen Sneakern, Beanies, Lastenräder und Babys vor Bäuchen. Aus dem Alter sind die Boulespieler raus. „Wir sind eigentlich alles alte Fußballer, linksradikal, Ostpark“, sagt von Caprivis Begleiter Martin Altmeyer augenzwinkernd. Dort habe man mit dem Dani und dem Joschka gekickt. „Aber jetzt haben wir alle Knie und Hüfte.“ Boule hätten sie allerdings den ganzen Winter über weitergespielt. „Der Unterschied ist, dass jetzt das Büdchen aufhat, das heißt, es gibt auch wieder Aprés-Boule.“ Sprich, ein Glas Wein nach dem Spiel.
In Sichtweite läuft ein älterer Herr leicht vornübergebeugt den Weg hoch zum Spielplatz, er trägt ein Erdbeereis in seiner rechten Hand. Es kommt vom Eiscafé Patrizio in der Burgstraße. Eis bekommt man dort zwar schon seit einigen Tagen, doch jetzt geht es richtig los, meint die Verkäuferin. „Und die Sonne soll noch ein paar Tage bleiben. Ich habe es zumindest so bestellt.“
