
Marion Liebhold hat den Hörer gerade erst abgesetzt, da bimmelt erneut das Telefon. Die Mitinhaberin des „Buchladens Zur schwankenden Weltkugel“ in Berlin schließt die Augen, atmet kurz ein und aus, dann nimmt sie ab, ihre Stimme hallt von nun an durch den kleinen Laden. Bis zur Decke reichen die vollgestopften Bücherregale, Kunden stöbern durch Reihen voller Lyrikbänder, politischer Theorie oder Unterhaltungsromanen. Liebhold hat an diesem Mittwoch jedoch wenig Zeit für Beratung. „Die halbe Welt fragt grad nach, was bei uns los ist“, sagt sie nach ihrem Telefonat, „dabei wüsste ich das selbst gerne.“
Liebholds Laden ist eine der drei Buchhandlungen, die Anfang Februar eigentlich mit dem Deutschen Buchhandlungspreis ausgezeichnet werden sollten. Seit 2015 vergibt ihn die Bundesregierung jährlich an inhabergeführte Läden, die Auszeichnungen sind mit 7000 bis zu 25.000 Euro dotiert. Im vorigen Jahr bewarben sich 483 Buchhandlungen, wie üblich entschied sich eine Jury für insgesamt 118 Preisträger. Vor der Bekanntmachung strich Kulturstaatsminister Wolfram Weimer jedoch drei Buchhandlungen von der Liste: den „Buchladen zur schwankenden Weltkugel“ in Berlin, „The Golden Shop“ in Bremen und „Rote Straße“ in Göttingen. Zu ihnen gebe es Erkenntnisse des Verfassungsschutzes, hieß es auf Anfrage der F.A.Z.
Die Empfänger von Zuwendungen müssten auf dem Boden der freiheitlichen demokratischen Grundordnung stehen, heißt es vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM): „Wenn verfassungsschutzrelevante Informationen vorliegen, kann es keine Preise des Bundes mit Steuergeld geben.“ Die Behörde handelte nach dem sogenannten „Haber-Verfahren“: Bundesministerien können danach Organisationen und Personen vom Verfassungsschutz prüfen lassen, um öffentliche Gelder nicht versehentlich an Verfassungsfeinde zu verteilen.
„Wir wissen buchstäblich nichts“
Die Inhaber und Inhaberinnen der drei Buchhandlungen erfuhren erst durch die Berichterstattung von der Streichung als auch von der Beobachtung durch den Verfassungsschutz. „Wir wissen buchstäblich nichts“, teilte Jürgen Ehbrecht von der Göttinger „Roten Straße“ auf Anfrage der F.A.Z. mit. „Weder vom Buchhandlungspreis noch aus dem Umfeld des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien wurden wir dazu kontaktiert“, sagte Inhaberin Ausma Zvidrina von „The Golden Shop“ in Bremen.
Als Träger des Deutschen Buchhandlungspreises besitzt der BKM zwar das Recht, in die Vergabe einzugreifen, dennoch gibt es viel Kritik an dem Vorgehen. „Extremistische und terroristische Organisationen, Gruppierungen oder Einzelpersonen“ zu vermuten, bleibe „äußerst fragwürdig“, solange keine konkreten Anhaltspunkte offengelegt würden, schreibt der Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Der BKM teilte indes mit, die Erkenntnisse des Verfassungsschutzes unterlägen dem Geheimschutz.
Alle drei Buchhandlungen sind dem linken Spektrum zuzuordnen. „Ja, der Golden Shop fühlt sich vielen Subkulturen verbunden, die bedrohte Minderheiten vor Nazis schützen oder sich für eine gerechtere Gesellschaft einsetzen“, teilte Inhaberin Ausma Zvidrina aus Bremen mit, das „Konzept des Linksextremismus“ weise sie jedoch grundsätzlich zurück. Im Gegensatz zu Neonazis oder Islamisten stünden diese Gruppen fest auf dem Boden demokratischer Werte.
Auch an der Fassade des Ladens in Berlin kleben Sticker mit antifaschistischen Slogans, Plakate weisen auf Demonstrationen am kommenden Frauentag hin. Drinnen verschluckt die vorbeiratternde Straßenbahn die Wortfetzen von Mitinhaberin Marion Liebhold. Neben Presseanfragen rufen auch immer wieder Freunde und Bekannte an, um ihre Solidarität auszudrücken. Ebenfalls eine Kundin, die den Laden betritt. Sie habe von Weimers Aktion gelesen, erzählt sie: „Da dachte ich mir, heute ist ein guter Tag, um hier einzukaufen.“
